Kreative Artikel zum Thema Quilten

Samt und Seide – formvollendet

Ein Besuch muss sein! Museen für Angewandte Kunst üben auf mich eine geradezu magisch-magnetische Anziehungskraft aus, denn dort trifft man im Allgemeinen auch auf textilkünstlerische Exponate – und zwar auf Museumsniveau. Als ich im August 2012 das Riga Quiltfestival in der Hauptstadt Lettlands besuchte, kam noch Glück dazu.

Vor Ort stellte ich nämlich gleich am ersten Abend angenehm überrascht fest, dass …

… ausserdem eine höchst interessante Sonderausstellung lief – Jugendstil-Mode.

Jugendstil-Mode! Ein Leckerbissen für eine von Kunst und Textilien Faszinierte wie mich!

Samt, Seide, Spitzen, Stickereien – formvollendet verarbeitete und hervorragend erhaltene Roben und alles, was um die Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in der gehobenen Gesellschaft an Accessoires dazu gehörte, erwartete die Besucher des Dekorativi Lietiskas Makslas Musejs, dem einschlägigen Haus in Riga.

Abendroben für den Opern- und Ballbesuch aus der Zeit um die Jahrhundertwende zum 20. Jh.

Wollmantel mit maschinell hergestelltem Spitzenbesatz  und Makramee, Frankreich, um 1900. Darunter: Robe aus Seidensatin mit Spitzen, Russland, um 1900

Ballkleid aus Tüll und Spitze, bestickt mit Achaten und Strass, Modehaus L. A. Coet Cambridge, 1905

Mitten in der Rigaer Altstadt ist das Museum in einer ehemaligen Kirche untergebracht, die im Lauf der Geschichte schon einiges mitmachte, so z.B. auch schon als Speicherraum gedient hatte. Von innen kann man das ehemalige Kirchenschiff und die Apsis noch gut erkennen. Während in den oberen Stockwerken die sehenswerte Dauerausstellung des Hauses untergebracht und zu besichtigen ist, steht der grosse Raum auf der unteren Ebene für wechselnde Sonderausstellungen zur Verfügung – in diesem Fall also Jugendstil-Mode. Ich habe die schönsten Fotos für diesen Bericht ausgesucht.

Accessoires um 1890: Ball-Korsett mit Rosen aus Seide, Fashion House Donoran, New York, eine Schachtel für das Korsett, Moskau, ein Fächer, in Japan für den europäischen Markt hergestellt, sowie Tanzkarten

Jugendstil – schon allein der Begriff weckt Assoziationen, etwa zur Malerei von Gustav Klimt (Bilder, die übrigens vor einigen Jahren Vorbilder für ganze Collectionen von Patchworkstoffen waren), an die Eingänge von Pariser Métro-Stationen, die Tapeten von William Morris, die Glas- und Emaillearbeiten von Lalique oder an Plakate von Toulouse-Lautrec. Besonders bei meinen Reisen fallen mir z.B. in Budapest, Wien, Paris oder Prag viele gut erhaltene Gebäude auf, die schon auf den ersten Blick dem Jugendstil zuzuordnen sind. Was ist das also, was nicht nur mich daran fasziniert?

Elegantes Ballkleid aus Seidensatin und Mousseline, mit Perlen und Strass bestickt, Modehaus Worth, Paris 1904

Hier sind die Stilmerkmale des floralen Jugendstils wunderbar zu erkennen: geschwungene Linien, stilisierte Pflanzenmotive, dekorative Ornamente.

Die geschwungene Linie ist das Leitmotiv des Jugendstils, das zusammen mit den dekorativen Ornamenten von Natur- und Pflanzenmotiven hergeleitet und stilisiert wurde. Bauwerke, aber auch Möbel, Hausrat und Kleidung wurden in der Zeit um 1900 vor allem von Architekten, Künstlern, Kunsthandwerkern und Modeschöpfern dieser Stilbewegung gestaltet.

Kunstgeschichtlich befinden wir uns zwischen dem Historismus und der modernen Kunst, einer Zeitspanne von etwa zwei Jahrzehnten, deren Ende mit Beginn des Ersten Weltkrieges kam. Der Name „Jugendstil“, so benannt nach der 1896 gegründeten Münchner Kulturzeitschrift „Jugend“, bezeichnet im Allgemeinen nur die deutsche Variante dieses sich in Europa, aber auch in Nord-Amerika ausbreitenden Stils. Der Begriff ist darüber hinaus noch in den nordischen Ländern und Lettland in Gebrauch, während im englischsprachigen Raum von „Modern Style“, in Frankreich und Belgien von „Art Nouveau“ oder auch „Fin de siècle“, in Italien von „Stile Liberty“, in Russland von „Stil Modern“ und in Österreich von der „Wiener Secession“ gesprochen wird. Die Wiener Künstler verwenden neben streng stilisierten Naturmotiven geometrische Grundformen wie Quadrat, Kreis, Dreieck, Spirale und bevorzugen die Farben Weiss, Schwarz und Gold.

Die Abendgaderobe der Damen komplettierten Accessoires wie Fächer oder das passende Schuhwerk. Die erhalten gebliebenen Schnallen fanden an Gürteln, aber auch als Zierde von Schuhen und Taschen Verwendung. Im Vordergrund sind einige Hutnadeln zu sehen, die für einen allzeit korrekten Sitz der Kopfbedeckung sorgten, aber auch schmückten.

Junge, avantgardistische Künstler, wie z.B. Otto Eckmann (1865 – 1902), lehnten Althergebrachtes ab. Der Maler und Grafiker entwarf neue Schrifttypen, bewirkte dadurch eine Erneuerung der Druckschrift (heute Klingspor Museum Offenbach, Deutschland) und war Mitarbeiter der Zeitschriften „Jugend“ und „Pan“, bevor er als Professor an die Kunstgewerbeschule nach Berlin berufen wurde. Mit seinen Lieblingsthemen – Schwan, Seerosen und Wellenspiel – gehörte er zu den Meistern des „floralen Jugendstils“.

Auch um 1900 trugen die Herren zu festlichen Anlässen am Abend einen Frack. Das ist auch heutzutage bei grossen Bällen immer noch üblich, wenn auch nicht mehr zwingend vorgeschrieben. Damals wie heute lässt ein Frack wenig Spielraum für Individualität.

Die Accessoires des Herrn um 1900: Zylinder, Schuhe und Handschuhe, Kragen und Schleife, Rasiermesser, Geldbörse sowie Mundstücke für Zigaretten, sog. Zigarettenspitzen. Zwicker, d.h. Brillen ohne Bügel, wurden auf die Nase geklemmt und von Männern getragen. Frauen bevorzugten das Lorgnon.

Ein typisches elegantes Jugendstil-Kleid für das festliche Diner aus Atlasseide (Satin) mit Tülleinsatz

Die Tambourstickerei (Kettenstich) ist maschinell ausgeführt, Sankt Petersburg 1912

Der Schweizer Hermann Obrist (1863 – 1927) zeigte 1896 in einer Münchner Ausstellung  eine Stickerei, der später sog. „Peitschenhieb“, ein Wandbehang, entworfen von Obrist und von Berthe Ruchet mit Seide auf Leinen gestickt, der großes Aufsehen erregte (heute im Münchner Stadtmuseum). Die dargestellte Pflanze, ein Alpenveilchen, wurde im dynamischen Schwung eines Peitschenhiebs zum Ornament stilisiert – die Kritik sprach von „der Geburt einer neuen angewandten Kunst“.

Sommerliches Ballkleid aus Seidendamast und Mousseline

Reich mit verschiedenen Perlen und Pailletten bestickte Partie, England 1902 – 03

Accessoires für die junge Dame um 1900: Ballschuhe,  Strumpfbänder, Tasche, Fächer in Kokardenform und Tanzkarten aus Celluloid

Auf diesem Close-up sieht man eine Tanzkarte näher, ein wichtiges Accessoire für die junge Dame, die in Begleitung der Eltern oder einer Anstandsdame den Ball besuchte und auf verschiedene Tanzpartner hoffte. In die Karte wurden die Reihenfolge der Tänze und die Namen der Tänzer, die um Reservierung gebeten hatten, eingetragen. Dieses auch “Ball- oder auch Damenspende” genannte kleine Geschenk wurde vom Veranstalter überreicht und als Souvenir gesammelt.

Hier ein Blick auf die Garderobe von Tatiana Samsonova, einer Wodka-Fabrikantin, Moskau 1910 – 13

Ein Abendkleid aus Seide, Samt, Spitze und mit Hermelin-Besatz, aus der Garderobe von Tatiana Samsonova, Moskau 1913

Reich besticktes Oberteil, Jugendstil, aus der Garderobe von Tatiana Samsonova

Hier ein Blick hinunter in das ehemalige Kirchenschiff

Eine entzückende Collection von Hutnadeln, auf unterschiedlichste Arten verziert. Mit Hilfe einer Hutnadel wird ein Hut auf dem Kopf der Trägerin befestigt, indem die etwa 20 cm lange Nadel durch den Hut und das frisierte Haar gesteckt wird.

Kopfbedeckungen waren ein absolutes Muss. Hut, Mütze oder Kappe erfüllt den Zweck, gegen Kälte, Nässe oder Sonnenstrahlen zu schützen, aber sagt natürlich auch etwas über den sozialen Status und den Wohlstand der Trägerin aus.

Bis heute werden Hüte von ModistInnen aus unterschiedlichen Materialien wie Filz, Pelz, Stoff, Stroh usw. angefertigt (meine Grossmutter, nebenbei gesagt, hatte diesen Beruf erlernt) …

… und mit Blüten, Spitzen oder exotischen Federn verziert. Ein Fächer hingegen war nicht nur Gebrauchsgegenstand, sondern vor allem modisches Accessoire und diente der Koketterie.

Schuhe (F. Pinet, Paris) und Tasche aus Leder mit Metalldekorationen, typisch für den Jugendstil. Ausserdem Gürtelschnallen, Knöpfe, Kämme und Haarnadeln

Zwei sommerliche Kleider mit Jugendstilornamenten …

… links ein Ballkleid aus Baumwollbatist, Paris um 1908, rechts ein Leinenkleid mit Stickerei, wahrscheinlich Russland 1910 – 12

Reich mit Baumwollgarn und Perlen bestickte Partie

Nochmals ein Blick von oben, mit besonderer Beachtung der linken Ecke …

… wo sich eine weitere Robe von Tatiana Samsonova befindet, ein weiteres Beispiel für die Ornamentik des Jugendstils.

Ein Abendkleid aus Seidenchiffon, Goldlamé und Spitzen …

… und Perlenstickerei. Modehaus Jenny, Paris 1912 – 13

Tasche aus Leder mit einem typischen Jugendstilmotiv

Tagesaccessoires: Seidenschuhe, Sommer & Kaufmann (San Francisco), Handschuhe aus Ziegenleder, Gürtelschnallen und ein Fächer

In vielen europäischen Städten sind Jugendstil-Gebäude bis heute erhalten – und Riga gehört dazu. Rund um die Alberta iela finden sich besonders viele, reich geschmückte Häuser, die einen Spaziergang durch das Viertel, besonders auch durch die Elizabetes iela, lohnen.

In Zeiten eines Baubooms baute hier, in der damals fünftgrössten Stadt des Russischen Reiches, z. B. der Architekt Michail Eisenstein mehrstöckige Mietshäuser und entfaltete bei der Gestaltung der Fassaden solch eine Pracht, dass sie kaum mehr zu überbieten ist.

Close-up des Giebels, der ausschliesslich dekorativen Zwecken dient und in dem die Symbolik der Fassade buchstäblich gipfelt.

Die Dekoration setzt sich stimmig fort bis hin zum Eisengitter.

Am Gebäude nebenan sind ebenfalls viele dekorative Elemente aus der Formensprache des Jugendstils zu entdecken.

Dass dann zu Sowjetzeiten die Stadtkasse so leer war, dass es weder für den Abriss noch für eine fachgerechte Instandsetzung dieser Gebäude gereicht hat, ist im Nachhinein betrachtet geradezu ein Glücksfall. Die quasi sich selbst überlassenen Häuser konnten nach dem Zerfall der Sowjetunion restauriert werden und stehen heute auf der UNESCO-Welterbeliste.

Das Baujahr: 1904. Zwei Drachen als Symbol der Wachsamkeit über dem Eingang.

Selbst vor einer Anleihe an das alte Ägypten machte der Architekt dieses Hauses nicht Halt …

… eine Sphinx musste es sein! Eine Wächterfigur, die nach griechischer Mythologie vorüberkommende Reisende erwürgt, wenn diese das von der Sphinx gestellte Rätsel nicht lösen konnten. Also schnell weiter!

Eine andere architektonische Handschrift – eine im Vergleich eher schlichtere Gestaltung des Giebels …

… wechselt sich ab mit einer anderen prächtigen Fassade …

… und hier der alles überragende Giebel.

Hier ändern sich die Formen der Fenster von Etage zu Etage und diesmal wird das Gebäude von Löwen bewacht.

Im Paterre sind – neben den zeitgenössischen Statussymbolen vor dem Haus – auch wieder Symbole aus der Mythologie zu finden, beispielsweise die beiden als Reliefs ausgeführten Greife (geflügelte Löwen), wohl als Schutzfiguren oder auch als Metapher für Jesus Christus zu deuten.

Man kann also noch immer viele Gebäude mit Jugendstil-Elementen in Riga entdecken, während die Ausstellung der Mode aus dieser Zeit inzwischen leider abgeschlossen ist. Trotzdem ist die Hauptstadt Lettlands immer eine Reise wert!

***

… eine Reise wert – das wird einmal mehr bestätigt durch eine aktuelle Ausstellung, die noch bis zum 7. Juli 2013 läuft:

Das Dekorativi Lietiskas Makslas Musejs, das Museum für Dekorative und Angewandte Kunst, von dem oben im Zusammenhang mit der Ausstellung der Jugendstil-Mode die Rede war, zeigt im Moment die Arbeiten der von mir sehr geschätzten lettischen Textilkünstlerin Aina Muze in just demselben Raum der ehemaligen Kirche. Aina sandte mir einen Link mit Impressionen von der Vernissage. Viel Vergnügen beim Betrachten der Art Quilts und Gobelins.

Fotos: © Gudrun und Valerie Heinz

Siehe bitte auch meine Berichte über die Reise nach Riga zum Quiltfestival 2012:

Riga

Riga 2

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