Kreative Artikel zum Thema Quilten

Mola


In meinem letzten Kurs vor vier Wochen kamen wir auch auf „Mola“ zu sprechen. Und ich stellte fest, dass zwar jede Kursteilnehmerin mit diesem Begriff etwas anfangen konnte, jedoch die Feinheiten … bekanntlich sitzt der Teufel ja im Detail. Wie es der Zufall will, sprach mich vor einiger Zeit eine Sammlerin an, lieh mir einige Fachliteratur aus, ich las mich ein und konnte meinen Kursteilnehmern Rede und Antwort stehen. Allerdings gehörte nur eine von mir abgewandelte Technik, sozusagen „à la Mola“, zum Kursinhalt – doch dazu später.

Mola mit Vogelmotiv, die Augen sind appliziert und mit Stickerei hervorgehoben.

Vogelmotiv, Detail

Vogelmotiv, Detail. Deutlich sind unterschiedliche Stoffqualitäten zu erkennen.

Vogelmotiv, Rückseite der Mola


Viel interessanter ist die Tatsache, dass besagte Sammlerin, Frau N., sich von Teilen ihrer Sammlung aus Platzgründen trennen möchte und mir deshalb eine Auswahl zum Fotografieren überliess. Da konnte ich doch nicht nein sagen! Also los, zu den wissenswerten Details und viel Freude mit den Fotos.

Kinderblüschen, das geometrische Muster der beiden Molakana für die Vorder- und Rückseite des Blüschens ist gleich und nur 30 x 23 cm inclusive der oberen Bordüre gross.

Kinderblüschen, Detail. Zweilagige Applikation mit feinen Stichen.


„Mola“ und „Molakana“ sind Wörter aus der Sprache der Kuna-Indianer, das erste im Singular und dazu der Plural. Einmal wird damit die vollständige traditionelle Bluse, die die Frauen tragen, bezeichnet, zum anderen wird damit die Technik, eine Art Stoffrelief mit Applikation und Stickerei, die diese Blusen schmückt, benannt. Der wichtigste Teil der Bluse sind die rechteckigen, abtrennbaren Molakana auf Vorder- und Rückseite, sog. „panels“.

Zwei Molakana (panels), für die Vorder- und Rückseite einer Frauenbluse. An den Rändern sind noch Teile der aufgetrennten Nähte sichtbar. Zum Vergleich: ca. 44 cm breit und 32 cm hoch.

Detail

Die beiden panels von der Rückseite gesehen


Die Kuna, ursprünglich auf dem Festland lebend, zogen sich vor etwa 150 Jahren auf die San Blas-Inseln vor der karibischen Küste Panamas zurück. Die hier immer wehende Brise brachte die Notwendigkeit sich zu kleiden mit sich, wobei die Symbole und Muster der vorher üblichen Körperbemalung mit roten und schwarzen Pflanzenfarben in die Musterung der Kleidung übergingen. So sind Schmuckbedürfnis, aber auch Abwehr- und Schutzfunktion erfüllt.

Zweilagige Mola. Bunte Stoffstückchen sind partiell eingeschoben.

Detail

Rückseite der Mola


Die Kuna-Indianerinnen nähen ihre Blusen, die sie zusammen mit einem blauen Wickelrock und einem Kopftuch tragen, selbst. Etwa eine Hälfte des Tages sitzen die Frauen täglich zusammen, nähen, schwatzen und lachen. So erfordert diese Handarbeit viele Monate, bis eine gute Mola fertiggestellt ist. Diese Kunst wurde früher von Generation zu Generation weitergegeben und bereits im Alter von vier Jahren begannen die Mädchen, das Nähen einer Mola zu erlernen. Da sie inzwischen aber zur Schule gehen müssen, fehlt die Zeit, sich so intensiv wie früher mit dem Nähen zu beschäftigen.

Mola mit Vogelmotiven, Spiralen und Stickerei.

Mola mit Vogelmotiv und Spiralen, Detail

Mola mit Vogelmotiv und Spiralen, Detail

Rückseite dieser Mola


Jede Frau ist stolz darauf, sowohl für den Alltag als auch für Feierlichkeiten eine Auswahl an Blusen zu haben. Je geschickter und ideenreicher eine Frau näht und ihre Mola gestaltet, desto höheres Ansehen geniesst sie in der Gesellschaft und auch im Jenseits darf sie eine bevorzugte Behandlung erwarten. Diese schöpferische Kraft wird in der Sprache der Kuna mit „kurgin“ bezeichnet und die Frauen sind bestrebt, sie zu besitzen. Sie unterziehen sich tagelangen Zeremonien, um diese Kreativität zu erlangen.

Eine Mola mit reicher Stickerei, fein ausgeführt, nur 36 x 28 cm gross.

Detail der fein genähten Applikation und zierlich gestickten Kettenstiche.

Detail der fein genähten Applikation, der zierlich gestickten Kettenstiche und Punktationen, die kleineren Pünktchen sind gestickt, die grösseren durchbrochen.

Detail der fein genähten Applikation und zierlich gestickten Kettenstiche

Beispiel für die Ausführung, von der Rückseite her gesehen


Die Kuna verfügen über etwas Wildbaumwolle, die sie jedoch nur zu einem groben Faden spinnen, ausreichend für Hängematten, jedoch für Molakana völlig ungeeignet. Wurde in früheren Zeiten mit Missionsstationen, die wohl auch die Kenntnis des Nähens vermittelten,  Tauschhandel betrieben, bringen später kolumbianische Küstenschiffe die bevorzugten feinen und einfarbigen Baumwollstoffe zu den Inseln und bieten sie zum Kauf an.

Zweilagige Mola. Die roten Soffstreifen sind dazwischen appliziert (aufgesetzt).

Detail

Das Stück von der Rückseite her gesehen


Die ältesten, heute sehr selten gewordenen Molakana weisen die Symbole der Körperbemalung auf, dazu eine strenge Linienführung, Motivwiederholung und wenig Farben. Sie sollen vor Gefahren schützen.

Farbenfrohe Mola mit Stickerei

Detail

Detail

Detail

Detail des Durchbruchs

Rückseite dieses Stücks

Rückseite dieses Stücks mit deutlich sichtbaren Maschinennähten im Basisstoff, Detail


Doch dann fand eine Loslösung statt. Zwei oder drei verschieden farbige Stofflagen kommen zum Einsatz, sie werden ohne Rahmen übereinander gelegt, mit Ausnahme des Basisstoffes dem Muster entsprechend einzeln eingeschnitten und appliziert. In der Literatur gibt es zwei verschiedene Ansichten, ob eine Mola von der oberen Lage her oder von der unteren Lage her gearbeitet, also die umgeschlagenen Ränder der Applikation festgenäht werden. Vielleicht probiert man dies bei Interesse einmal selbst aus.

Mola mit geometrischem Muster und gezackten Linien.

Mola mit geometrischem Muster, Detail


Ein tragendes Motiv wird als durchbrochene Silhouette dargestellt und die Durchbrechungen auch ausserhalb des Motivs bis zum Rand ausgedehnt. Die dicht nebeneinander stehenden senkrechten Unterbrechungen zum Beispiel haben eine symbolische Bedeutung. Sie stellen die Zwischenräume der Bambusstangen der Hütte von innen betrachtet dar, ein Verweis auf Geborgenheit.

Mola mit zentralem Vogelmotiv als Silhouette, umgeben von einem labyrinthartigen Durchbruchmuster, insgesamt eine in sich geschlossene Form. Ein Nest?

Detail. Das Auge ist aufgesetzt, der Kopf durch feine blaue Stickerei betont.

Die Mola von der Rückseite her gesehen

Hier sieht man deutlich die drei Stofflagen

Roter Stoff am Rand umgeklappt


Im Lauf der Zeit steigert sich die Farbigkeit immer weiter, neue Gestaltungsformen, teilweise Unterlegungen, Aufsatzapplikationen und Stickstiche kommen hinzu. Es entstehen Stoffbilder, in denen das Bild hervortritt, die Silhouette zweitrangig wird und dies kann zu Vorder- und Hintergrund führen.

Mola mit Vogelmotiv, die umgebende Form mit den Durchbrüchen ist aufgelöst. Der Vogel scheint seine Flügel auszubreiten, ist aber als Silhouette dargestellt. An den Rändern sind Reste von aufgetrennten Nähten partiell sichtbar.

Detail, die Kopfform und der Schnabel erinnern an eine Ente.

Detail mit aufgesticktem Auge

Detail von der Rückseite dieser Mola


Vor einigen Jahrzehnten wurden die Molakana von Freunden der Textilkunst „entdeckt“. Man begann zu sammeln. Die Kuna-Frauen erschlossen eine Einnahmequelle. Jedoch, wie es immer so ist, kann das auf die Dauer nicht gut gehen.

Zweilagige Mola mit geometrischem Muster

Zweilagige Mola mit geometrischem Muster, Detail

Rückseite dieser Mola mit Gebrauchsspuren (?)


Auch die Kuna-Frauen pflegen die sogenannten “Touristenmolakana” zu arbeiten und bieten sie zum Verkauf an oder sie besticken T-Shirts oder andere textile Gebrauchsgegenstände für Souvenirmärkte.

Mola mit Eulenmotiv, das die reine Darstellung der Silhouette verlässt. Die Grössenverhältnisse und die Anordnung der Fügel deuten auf eine perspektivische Darstellung hin. Nur 33 x 27 cm gross.

Die feinen Linien sind u.a. mit Kettenstich und buntem Garn gestickt.

Detail

Die zentrale Figur ist mit Brille dargestellt.

Gefieder und Füsse im Kettenstich, darunter scheint die Vorzeichnung durch.

Die Rückseite dieser Arbeit


Auf dem internationalen Markt treten heutzutage auch Applikationen auf, die keinen Bezug zur traditionellen Kleidung der Kuna-Frauen mehr haben, sondern irgendwo auf der Welt produziert und für schnelles Geld als „Airport-Art“ angeboten werden.

Mola mit Vogel- und Pflanzenmotiven.

Detail, zwei Stofflagen.

Detail mit Blütenmotiv

Detail mit Blattmotiv

Detail des Vogelkopfes mit geöffnetem Schnabel. Das Auge ist aufgesetzt appliziert, Kopf mit kleinen Vorstichen ausgefüllt und dadurch als einzige Stelle betont. Der dunkelgraue Basisstoff (Twill) ist kräftiger als die feinere orangefarbene Lage.

Rückseite der Mola


Die Kuna-Indios haben sich als Gemeinschaft ihre Eigenständigkeit durch ihre abgeschlossene Lebensweise bewahren können und auch ihre Traditionen leben (noch) fort. Wo kann man sich hierzulande ein eigenes Bild von „echten“ Molakana machen? Ich habe eine kleine Recherche angestellt.

Mola mit geometrischem Muster, bis auf die untere Reihe in Form von umrandeten Dreiecken.

Detail, die untere Reihe erinnert an die Darstellung von Gesichtern.

Detail, Partie am Rand, zwei durchgehende Stofflagen, rot und grün.

Detail der Rückseite

Rückseite der ganzen Arbeit


Unter den geliehenen Büchern befinden sich Schriften und Aufsätze von Günther und Ursula Hartmann, die mit dem früheren Völkerkundemuseum, heute Ethnologisches Museum Berlin, zusammenarbeiteten. Dieses Museum in Berlin-Dahlem besitzt zwar eine der grössten Mola-Sammlungen, jedoch liegt sie im Depot. Ich erhielt die freundliche Auskunft, dass es derzeit keine Dauerausstellungen zum südamerikanischen Tiefland gibt.

Farbenfrohe Mola, vielleicht mit Motiven vom Markt?

Detail

Detail. Innerhalb der Frucht ist die obere rote Stoffschicht appliziert, die kleinen Öffnungen sind durchbrochen und lassen die darunter liegende hellblaue Schicht durchblicken. Die darüber befindlichen, bunten punktförmigen Gebilde sind aufgesetzt appliziert, kein Durchbruch.

Rückseite der Arbeit


Genauso verhält es sich mit dem Linden-Museum Stuttgart, dem Museum der Kulturen in Basel, dem Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln, dem Museum für Völkerkunde Hamburg – oder ich erhielt erst gar keine Antwort. Alle diese Häuser haben zwar Molakana in ihren Sammlungen, die jedoch nicht öffentlich zugänglich sind. Aber es gibt doch noch eine Möglichkeit:

Detail. Geometrische Mola mit zwei Lagen Stoff.

Gesamtansicht, Rückseite (li) und Vorderseite (re) mit zentralem Kreuzmotiv.

Detail von den Partien am Rand der Molakana


Eine andere Begeisterte ist Christel Walter. Die Günter und Christel Walter-Stiftung betreibt in Bremen ein privates Museum, das FORUM MOLA-KUNST, wo eine umfassende Ausstellung von Molakana gezeigt wird. Die Dauerausstellung besteht aus Teilen der Sammlungen Hartmann, Berlin und Herta und Oscar Puls, Wales (UK), ergänzt durch die europäische Interpretation der Mola-Technik mit den Arbeiten von Christel Walter. In ihren Bildern weichen die Farben, Stoffe und Bildinhalte von denen der KUNA-Frauen ab, während die Technik als solche beibehalten wird. Frau Walter hat auch zwei Bücher veröffentlicht, in denen die Arbeitsanleitung zur Herstellung einer Mola enthalten sei.

Mola mit zwei medaillonartigen Motiven

Detail des Stoffreliefs

Rückseite der Mola


Das FORUM MOLA-KUNST präsentiert ausserdem wechselnde Sonderausstellungen aus dem Bereich Textiles Gestalten. Auch die von mir organisierte Kleinformate-Ausstellung „Textile News: Freiheit ∙ Liberté ∙ Freedom“ war dort schon sehr erfolgreich zu Gast und in einem Jahr wird die neue Ausstellung „Textile News: Langeweile. Boredom. Ennui.“ auch wieder im Obergeschoss des FORUMS präsentiert. Erstmals werde ich selbst bei der Eröffnung anwesend sein und auch einen Workshop anbieten.

Labyrinthartige Mola mit Tierfiguren

Detail, an Katzen erinnernd

Detail, Stickerei mit Gebrauchsspuren

Rückseite der Arbeit


Aber kommen wir zurück zum Beginn des Features. Frau N. hat eine umfangreiche Sammlung alter Molakana (panels), die sie aus Platzgründen gern an jemanden verkaufen möchte, der mehr damit macht als sie in einem Koffer aufzubewahren. Sie schreibt: „Ein Freund, der Botschafter in Kolumbien war, hat mir vor Jahrzehnten dabei geholfen, die damals schwer zu findenden Stücke zu erwerben. Eine Zeitlang waren sie sehr hoch im Preis, jetzt, durch das Internet, bekommt man sie oftmals recht günstig. Meine Sammlung besteht aus alten, getragenen und ursprünglichen Teilen, keine Airport-Kunst.“

Mola mit Wassertieren (?) in doppelter, nahezu symmetrischer Darstellung.

Detail, eventuell ein Krebs (?) oder Frosch (?)

Detail von der Rückseite dieser Mola


Sie hat zahlreiche „Zwillinge”, d.h. Vorder- und Rückseite einer Bluse, auch ein vollständiges Kinderblüschen ist, wie oben gezeigt, dabei. Je nach Qualität bestehen unterschiedliche Preisvorstellungen für die einzelnen Stücke und natürlich auch für die ganze Sammlung. Sehr gerne vermittle ich bei Interesse den Kontakt. Am einfachsten nutzen Sie das Kontaktformular bei meinem Profil hier auf dem Blog.

Mola mit silhouettenförmiger Tierdarstellung, Kreuzmotiven, Durchbrüchen und Stickerei.

Detail. Das (Schilf-)kreuz (?) stellt bei den Kuna ein Symbol für den Schutz vor Gefahren dar, vielleicht vor dem (Raub-)tier (?)

Detail

Rückseite der Mola


Zu meinem eingangs erwähnten Kurs gehörte eine von mir abgewandelte, nicht mit der Hand genähte Technik, die einfach mit dem Prinzip der geschichteten und durchbrochenen Lagen spielt und die ich in einigen meiner Arbeiten schon eingesetzt habe. Ob ich ohne das Vorbild Mola darauf gekommen wäre?

Gudrun Heinz (D): Downshifting 2012, Detail. Teilnehmer an der Ausstellung ‘Zeichen der Zeit’

***

Vielen Dank an die Sammlerin, Frau N., für das Zur-Verfügung-Stellen ihrer Molakana und Teilen der Literatur.

Fotos: © Gudrun Heinz

Literatur:
Günther Hartmann: molakana – Volkskunst der Cuna, Panama, Berlin 1980
Ursula Hartmann: Molakana erzählen, Berlin 1986
Ursula Hartmann: Molakana – Textile Grafik der Kuna, Panama, Artikel in der Zeitschrift textilkunst international, März 1991
interstoff art gallery: Molakana Fantasia Color Y Algodon, Frankfurt 1984
Rainer Joedecke: Die Dickschädel von San Blas, Bericht in der Zeitschrift GEO-MAGAZIN, ca. 1977 / 78
Herta Puls: Textiles of the Kuna Indians, Aylesbury 1988
Christa Schneider: Mola-Applikation im Unterricht, Artikel in der Zeitschrift textilkunst international, März 1991
Victoria and Albert Museum: Notes on Applied Work and Patchwork, London 1938 / 1968

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