Kreative Artikel zum Thema Quilten

Seh-Dinge 2

Am vergangenen Dienstag, den 24. Juli 2012 wurde die Ausstellung “Seh-Dinge” mit Werken von Dorothea Reese-Heim (München) – wie schon im Vorbericht angekündigt – im Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) eröffnet – ich war dort und traf auch die sympathische Künstlerin selbst. Mit meinen Impressionen und einer persönlichen Annäherung möchte ich alle Textil-Kunst-Interessierte, die es ermöglichen können, dazu motivieren, diese grandiose Ausstellung zu besuchen.

Schon beim Eintreten ins Foyer sind die ersten “Seh-Dinge” …

… unübersehbar und machen nicht nur neugierig auf die eigentliche Ausstellung, die eine Etage höher untergebracht ist. Nicht nur neugierig, nein, es ist eine besondere Atmosphäre schon jetzt spürbar.

Der riesige Ausstellungsraum scheint selbst am Abend lichtduchflutet und wird durch transluzente, vom Boden bis zur Decke verspannte Stoffbahnen gegliedert. Die Ausstellungsgestalter vom Atelier Erich Hackel lassen sich dadurch hervorragend auf das Spiel mit dem Licht und die Leichtigkeit der Exponate ein und greifen diese Eigenschaften ganz zurückhaltend auf, so dass die Exponate exzellent zur Geltung kommen.

Dorothea Reese-Heims Werke sprechen mich unmitelbar an, sind zunächst einfach durch ihre Ästhetik faszinierend.

Bei näherer Auseinandersetzung sind diese, auch durch ihre Grösse überraschenden Werke aber auch herausfordernd. Die Künstlerin setzt ungewöhnliche Materialien, wie z.B. Metallgewebe, glasfaserverstärkte Stäbe, Kabelbinder, Kozo-Papier, Federstahl … ein und vermag es, mit Hilfe textiler Techniken spannende Formen zu erzeugen.

Im extra für die Ausstellung eingerichteten Dunkelraum wird die Wahrnehmung durch nichts mehr abgelenkt. Flirrende Lichtspiele schweben im Raum, meine “normalen” Sehgewohnheiten sind ausser Kraft gesetzt, es eröffnen sich neue Dimensionen von Licht und Raum und den dort hineingesetzten Linien, Punkten, Flächen und Körpern.

Mit ihren Objekten und Installationen lotet die Künstlerin die Möglichkeiten und Grenzen ästhetischer Darstellung aus. Sie macht Formen und Körper im Raum sichtbar, bildet nicht ab, sondern lässt die Werke mit ihrer Umgebung und mit dem Betrachter kommunizieren.

Die Objekte sind oft mehrteilig, bestechend durch eine eigene Formensprache und Farbigkeit. Der Kontrast zwischen kompakt wirkenden, an Hüllen oder Kissen erinnernden Körpern und dünnen, wie Fühler herausragenden Stäben erzeugt Spannung. Gleichzeitig werden Gedanken wach an Dichte, Durchlässigkeit, Enge und Weite, Eingeschlossensein, aber auch Schutz, an Wesen, die mit ihren Antennen ihr Umfeld ertasten.

Nochmals ein Eindruck vom Ausstellungsraum, im Vordergrund die Arbeit “Das Fell des Bären verteilen” …

… bei der ein Gestrick aus Stahlwolle (Draht) verhäkelt wurde. Die Oberfläche wird von Spitzen durchbrochen. Durch seine Präsentation erfährt das Objekt, das mich an meinen Topfkratzer in der Küche erinnert, eine Erhöhung. Wieder ein mehrfaches Spiel mit Gegensätzen!

Das Ausstellungskonzept beinhaltet auch eine Dramaturgie. In zehn Schritten wird der Besucher an das Werk der Künstlerin herangeführt, beginnend mit Zeichnungen, über die plastischen Arbeiten (“Raumzeichnungen”) und Lichtobjekte bis hin zu Papierarbeiten und dort besonders zu Buchobjekten als Träger von Sprache. “Unnütze Bücher” lautet die Überschrift dieses Ausstellungsteils …

… hier eine ganze “Bibiothek” von Buchskulpturen, manche dadaistisch anmutend oder an die Readymades von Marcel Duchamp erinnernd …

… manipuliert oder in neue Kontexte versetzt …

… oder mit in Trichtern beginnenden Schläuchen perforiert. Soll dem hundertjährigen “Besoldungsblatt” etwa etwas eingetrichtert werden? Oder umgekehrt?

“Versiegelte Schriften” ist eine weitere Gruppe von Papierobjekten, bei denen die Künstlein mit Hilfe von Wachs einen Schutzfilm über die Objekte zu geben scheint, aber gleichzeitig die in eine bestimmte ästhetische Form gebrachten Objekte in dieser Form erstarren lässt. Im oberen Foto sind dies die Lochkarten für einen Jacquard-Webstuhl, die in der seitlichen Ansicht an eine Gewebestruktur denken lassen.


Allen Besuchern von jung bis alt bietet sich die Möglichkeit, die von Dorothea Reese-Heim verwendeten, aber doch ungewöhnlichen Materialien und Werkstoffe unter die Lupe zu nehmen und zu “begreifen”, sie auch mal auszuprobieren.

“Seh-Dinge” wird durch einen sehr empfehlenswerten Katalog begleitet, den man bei den Sitzgelegenheiten in der Ausstellung anschauen und im Museums Shop erwerben kann.

Besonders erwähnenswert ist “Seh-Dinge. Sehen – Staunen – Mitmachen” – ein Begleitheft für Kinder, das nicht nur zu einer Entdeckungsreise in diese Ausstellung einlädt, sondern darüber hinaus blickt und Mädchen sowie Jungs ab dem Grundschulalter zum Mitmachen einlädt. Das 44-seitige Heft ist unter Mitwirkung von Studenten der Kunstpädagogik entstanden und für 2 EUR erhältlich.

Beim Blick durch ein “Geschlossenes System” wird die Vorliebe der Künstlerin für Gegensätze deutlich und gleichzeitig auch, dass ich mich der Faszination der Werke nicht entziehen konnte. Selten, dass eine Ausstellung solche Möglichkeiten zum Fotografieren bietet!

Abschliessend noch ein kleiner Blick auf die Tanzperformance “silestra”, für die sich die Filmemacherin und Videokünstlerin Stefanie Sixt zusammen mit der Tänzerin Anina von Molnar auf die Ästhetik und Sprache der Kunst von Dorothea Reese-Heim mit einer eigenen Interpretation grossartig eingelassen haben. Die Performance läuft als Film, ist ebenfalls zu besichtigen und sollte nicht ausgelassen werden.

Zum Vorbericht: www.blog.bernina.com/de/2012/07/seh-dinge/

***

24. Juli bis 14. Oktober 2012

Sonderausstellung „Seh-Dinge“

Dorothea Reese-Heim

tim | Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg

Augsburger Kammgarnspinnerei (AKS)

Provinostrasse 46

86153 Augsburg

www.timbayern.de

Öffnungszeiten:

Di – So: 9 – 18 Uhr, montags geschlossen

Flyer

Fotos: Gudrun Heinz (mit freundlicher Erlaubnis des Museums)

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Kommentare zu diesem Artikel

7 Responses

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  • Jutta Hellbach

    Vorhin kam ich aus Augsburg zurück, wo ich mich mit einer guten Freundin traf um diese Ausstellung zu besuchen. Die Reise hat sich gelohnt.
    Die Objekte füllen die grossen Räume mit einer Leichtigkeit und Filigranität, einer Schwerelosigkeit und Stille, die somit auch nicht bedrückend ist – das ist sagenhaft.
    Ausserdem war ich fasziniert von den vielen unterschiedlichen Materialien, die Frau Reese-Heim in der Verarbeitung und Umsetzung fantastisch gut beherrscht. Was mich ebenfalls begeistert hat – und für mich immer auch ausschlaggebend für das Niveau eines langjährig arbeitenden Künstlers ist, ist, dass man ihre Entwicklung an den Ausstellungsstücken betrachten kann. Nicht dass ein bereits vor 10 Jahren gefertigtes Exponat weniger gut ist, sei es von der Umsetzung oder der Idee, sondern von der Wandelbarkeit der verarbeiteten Materialien. Hier ist Fortschritt drin, Bewegung und Flexibilität und zwar auf allerhöchsten Niveau, künstlerisch, sowie technisch. Bravo, Frau Reese-Heim!

    Und nochmals vielen Dank an Gudrun, für den Hinweis zu dieser Ausstellung.

    Reizvoll war selbstverständlich auch der anschliessende Gang durch das Textilmuseum – mit der Geschichte der Fugger – der Webereien in Augsburg – dem Stoffdruck, den uralten Musterbüchern und und und…… allein dafür hat es sich schon gelohnt.

    Viele Grüße,
    Jutta Hellbach

  • Gudrun Schmidt

    Hallo Frau Gudrun Heinz, ich freue mich, daß ich die verschiedenen Ausstellungen, dank Ihrer Vorstellungen
    im Internett ,verfolgen kann.
    Diese Arbeiten sind sehr beeindruckend. Leider kann ich diese Ausstellungen nie persönlich besuchen.
    Selbst habe ich jetzt auch eine Ausstellung in meiner Heimatstadt. Herzlichst Gudrun

  • Anette

    Danke für den erneuten Bericht. Ich bedaure sehr, dass Augsburg eine weite Reise für mich ist. Wirklich eine sehr beeindruckende Ausstellung!!!!

  • Gabi Schultz-Herzberger

    Hallo Gudrun, danke für diesen wunderbaren Bericht.! Ich werde mir die Ausstellung nicht entgehen lassen.

  • Gudrun Heinz

    lorchen, deine mikroskop-idee ist richtig gut! eine der werkgruppen trägt z.b. den titel ‘faszien’ – das sind bestandteile des bindegewebes – und es würde auch der vorliebe der künstlerin für gegensätzliches entsprechen, dies in extremer grösse darzustellen. selbstverständlich weist sie auf diese art auf die verletzlichkeit nicht nur dieser ‘häute’ besonders deutlich hin.
    beste grüsse
    gudrun

  • Lorchen

    Vielen Dank, Gudrun! Einiges erinnert mich an stark vergrößerte Strukturen, die man unter einem Miskroskop sehen kann. Die Ausstellungsräume sind sehr beeindruckend!

    Lorchen

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