Kreative Artikel zum Thema Quilten

Made in Oceania

Was verbindet den Entdecker James Cook, die Meuterer der Bounty und etwa 15 Millionen Menschen in Ozeanien? Ein einzigartiger Stoff, hergestellt …

Plakat / Key Visual zur Sonderausstellung (2013)
Idee und Gestaltung: lange + durach, Köln © Rautenstrauch-Joest-Museum


… aus Baumrinde. Ob als Kleidungsstück in Hawaii, als Ritualmaske in Papua-Neuguinea oder als Raumteiler in Fidschi, ob als wichtige Gabe bei Hochzeiten in Samoa oder sogar als „roter Teppich” bei Krönungszeremonien in Tonga – Tapa ist im Pazifik allgegenwärtig und die materielle Ausdrucksform pazifischer Identität. Dennoch ist dieser faszinierende Stoff hierzulande bisher kaum bekannt.

Tapa aus Tonga, Ende des 20. Jahrhunderts, Rindenbaststoff (Tapa) ngatu, 4,3 x 3,6 m
Museum of Cultural History, University of Oslo, EM46154
Foto: A.C. Eek © Museum of Cultural History, University of Oslo

 

Seit dem Zweiten Weltkrieg, währenddessen Tonga in militärischer Allianz mit Grossbritannien stand, sind grossflächige ngatu mit den Emblemen des Königshauses sehr beliebt. Sie zeigen das königliche Wappen, einen Seeadler und einen Löwen sowie eine Reihe stilisierter Pinien, die den Weg zum königlichen Anwesen in Nuku’alofa säumen.


Tapa wird hauptsächlich aus dem Rindenbast des Papiermaulbeerbaumes hergestellt. Dazu wird die Rinde abgezogen, der darunter liegende Rindenbast abgelöst, gewässert, so dass die Fasern aufquellen und zu einem Faservlies flach geklopft. Das Klopfen der Tapa-Schlägel ist in manchem Südseedorf immer noch gegenwärtig. Die Oberfläche des sowohl papier- wie auch textilähnlichen Stoffes – blassbrauner Pappe nicht unähnlich – vergrössert sich dabei.

Bemalter Rindenbaststoff (maro), Saboiboi, Lake Sentani, Papua, Indonesien, 19.–20. Jh., Farbpigmente; H 129, B 187 cm
Museum der Kulturen, Basel (VB6658) © Museum der Kulturen Basel, Foto: Peter Horner

 

Diese maro markierte einst das Grab einer Frau. Ihr Muster zeigt eine doppelte Spirale (hakhalu), eines von zwei früher gebräuchlichen Spiralmustern. Ab den 1930er Jahren wurden vermehrt stilisierte Tiere gezeichnet – vor allem Fische, Vögel und Eidechsen, da diese Motive bei europäischen Sammlern beliebt waren. Im Zuge des Zweiten Weltkriegs kam die maro-Herstellung völlig zum Erliegen. Erst ab den 1980er Jahren werden sie wieder gefertigt, nun zunehmend von Männern.


Nahezu beliebig grosse Flächen können durch das Verkleben der Seitenränder mit Harzen hergestellt werden. In der Ausstellung im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum fällt ein spektakulärer Paravent von 60 Quadratmetern Grösse aus dem 19. Jahrhundert ins Auge, der mit Ornamenten opulent verziert ist.

Bemalung von maro (Tapa aus Papua) durch ein Kind, Asei Island, Lake Sentani, Papua, Indonesien, 2006
Foto: Oliver Lueb, © Oliver Lueb


Muster werden mit Pflanzenfarben oder Ocker aufgemalt oder eingeprägt. Aber auch ganze Geschichten werden erzählt – Ausdrucksmittel einstiger schriftloser Kulturen.

Detailausschnitt einer masi kesa (Tapa aus Fidschi, vor 1905), Rindenbast aus Fidschi, 294,3 x 109,5 cm, RJM 15343
Foto: Rheinisches Bildarchiv © Rautenstrauch-Joest-Museum

 

Diese Tapa aus Fidschi wurde mithilfe von Schablonen bemustert. Schablonen können aus unterschiedlichen Materialien hergestellt werden. Historisch handelte es sich meist um Palmblätter; heute sind aus alten Röntgenaufnahmen gefertigte Schablonen wegen ihrer langen Haltbarkeit beliebt.


Bei einer anderen Art der Bemusterung kommen Matrizen zum Einsatz.

Rindenbaststoff masi, Fiji (?), um 1892, Rindenbast, 143 x 312,1 cm, Köln: RJM (31330)
© Rheinisches Bildarchiv Köln, Foto: Wolfgang F. Meier

 

Diese masi wurde mithilfe von Matrizen bemustert. Bei dieser Technik wird die Matrize unter den Stoff gelegt und dieser dann mit Farbe berieben, bis sich das Muster deutlich abzeichnet. Auffällig ist auch, dass an zwei Seiten das Muster mitten im Motiv abbricht. Ursprünglich war das Stück also viel grösser.


Detailausschnitt des Rindenbaststoffes masi, Fiji (?), um 1892, Rindenbast, 143 x 312,1 cm, Köln: RJM (31330)
© Rheinisches Bildarchiv Köln, Foto: Wolfgang F. Meier


Bis zur ersten Ankunft von Europäern trug man im tropischen Polynesien keine Kleidung. Dann wurden Kleidungsstücke aus Tapa hergestellt, aber man nutzt Tapa auch für Schlafunterlagen, Decken, Vorhänge. Auf den verschiedenen Inseln sind oder waren verschiedene Verwendungen üblich.

Fiji Times auf Tapa von 1888, 78 x 64 cm, Galerie Meyer Oceanic Art, Paris
Foto: M. Gurfinkel, Paris © Galerie Meyer Oceanic Art, Paris

 

Die Fiji Times ist eine englischsprachige Tageszeitung, die in Suva herausgegeben wird. Gegründet wurde sie am 4. September 1869 in Levuka. Damit ist sie Fidschis älteste noch existierende Zeitung.
Der Gründer G. L. Griffiths druckte einzelne Exemplare als Souvenir auf Tapa. Nach seinem Tod 1918 führte sein Nachfolger Sir Alport Barker dies fort. 1958 erhielt die Fiji Times eine neue Druckerpresse, die das Papier automatisch über Rollen einzog statt wie zuvor manuell. Damit endete diese Tradition der auf Tapa gedruckten Fiji Times.

Martha Ohee trägt einen von ihr selbst entworfenen Hut aus Tapa, Lake Sentani, Papua Neuguinea (2009)
Foto: Muridan Widjojo © Anna-Karina Hermkens

 

Martha Ohee ist eine der ersten Frauen in Lake Sentani, die Tapa professionell entwirft und verkauft. Zugleich ist sie auch eine der ersten Frauen, die Tapa für Hüte, Taschen und andere Utensilien verwendete. Ihre Kreationen sind sowohl bei Touristen beliebt, die Lake Sentani besuchen, als auch bei Einheimischen.


Das Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt in Köln widmet diesem Material die Sonderschau „Made in Oceania: Tapa – Kunst und Lebenswelten”, die seit dem 12. Oktober 2013 läuft und noch bis 27. April 2014 zu besichtigen ist.

Maske (vor 1922)
Elema, Papua-Golf, Papua-Neuguinea, RJM 35751, Rindenbaststoff (Tapa), Federn, Pflanzenfasern, Naturfarben, Rotang; 31 x 31 x 28 cm
Foto: Rheinisches Bildarchiv © Rautenstrauch-Joest-Museum

Die Dorfgemeinschaften am Papua-Golf stellten bis nach dem Zweiten Weltkrieg aufwendige Kunstwerke für regionale Ritualzyklen her. Dazu zählten verschiedenste Maskentypen, die von Vertretern der Männerbünde im Geheimen gefertigt wurden. Die Darstellungen repräsentierten Zugehörigkeiten zu Clans oder unsichtbare Geistwesen, die im Wald oder im Wasser lebten. Die Masken der in der östlichen Golfregion lebenden Elema und Purari gelten als Ikonen ihrer Ritualkunst.


Auf Samoa wickelt man Säuglinge, Hochzeitspaare und schliesslich Verstorbene in Tapa ein und auch als Kleidungsstücke fand und findet dieser besondere Stoff Verwendung. Die Schau zeigt Stücke einer aktuellen Modekollektion. Rosanna Raymond stammt aus Samoa, lebt in London, und kreiert “Urban Street Wear”, beispielsweise Jeansjacken mit Tapa-Applikationen. Ein Remix der Traditionen. Tapa als lebendiges Erbe – dies zeigt die Ausstellung auf beeindruckende Weise.

G’nang G’near. Customised Levis by Rosanna Raymond, 1997
Foto: Greg Semu © Rosanna Raymond und Greg Semu

 

Rosanna Raymonds künstlerischen Arbeiten reichen von Installationen über Poesie zu Mode und Körperschmuck. Dabei verbindet sie traditionelle pazifische Praktiken mit zeitgenössischen Sichtweisen und Techniken. Die Kreation G’nang G’near war Bestandteil einer grösseren Bewegung pazifischer Künstler in den 1990er Jahren. Ziel war die Herausbildung einer modernen, urban geprägten pazifischen Identität – Pasifika – mit eigenständiger und unverkennbarer Stimme in Neuseeland wie auch sonst auf der Welt.
In der Kombination von „westlicher“ Mode und urbanem pazifischen „Look“ entstand Kleidung, die eindeutig pazifisch war – und gleichzeitig völlig neu. Inspiriert von traditionellen Designs und Motiven (als Quellen dienten z.B. Tätowierungen und Tapa) entstand so nicht nur „Fashion“, sondern auch ein Ausdruck kultureller Identität für eine neue Generation.

Foto eines Tapa-Kleids von BilaWei, Papua Neuguinea, 2012, Kleid aus Tapa aus der Oro Provinz
Foto: Elsie Bilawei Roroipe, © BilaWei

 

Das von BilaWei entworfene Tapakleid ist eine Kombination von Kostüm und Partykleid und kann zu unterschiedlichen Anlässen getragen werden. BilaWei stellt selbst keine Tapa her, sondern bezieht ihre Materialien aus der Oro Provinz. Sie arbeitet mit Tapa seit 2012. Dieses Kleid entstand im Oktober 2012 im Rahmen ihrer Abschlusskollektion an der Hochschule. Sie ist Teil ihrer Bemühungen, Tapa sowohl in der aktuellen Mode Papua Neuguineas als auch diese Mode selbst bekannter zu machen.

Foto eines Tapa-Kleids von BilaWei, Papua Neuguinea, 2012, Kleid aus Tapa aus der Oro Provinz
Foto: Elsie Bilawei Roroipe, © BilaWei


Auf insgesamt knapp 1400 Quadratmetern Ausstellungsfläche werden einzigartige Kunstwerke aus dem Museumsbestand, kostbare Leihgaben aus europäischen Museen und bisher in Europa noch nie gesehene Leihgaben aus dem neuseeländischen Nationalmuseum in Wellington und dem Australian Museum in Sydney präsentiert. Ein Grundprinzip der Ausstellung bildet der Dialog zwischen westlichem und ozeanischem Blickwinkel.

Rindenbast, Santa Cruz, Salomonen, vor 1900, Farbpigmente, 52 x 219 cm, Köln: RJM (3986)
© Rheinisches Bildarchiv Köln, Foto: Wolfgang F. Meier

 

In der Vergangenheit konnten sich nur wohlhabende Männer und ihre Frauen aufwändig bemalte Schurze leisten. Vermutlich dienten diese als Festtagskleidung. Bestimmte Motive waren exklusiv Frauen oder Männern vorbehalten, und wahrscheinlich hatte jeder Clan ein eigenes Motivrepertoire. Die Bedeutung der Muster ist nicht mehr überliefert. Im Alltag getragene Rindenbaststoffe waren unverziert.

Detailausschnitt des Rindenbaststoffes , Santa Cruz, Salomonen, vor 1900, Farbpigmente, 52 x 219 cm, Köln: RJM (3986)
© Rheinisches Bildarchiv Köln, Foto: Wolfgang F. Meier


Dabei reicht die Zeitspanne von den ältesten Objekten aus dem 18. Jahrhundert – der Cook-Sammlung – bis zu rund 35 Werken zeitgenössischer Künstler aus Polynesien und Melanesien. Die gezeigten Rindenbaststoffe stammen aus Papua-Neuguinea, den Salomonen und Vanuatu, aus Samoa, Tonga, Futuna, Niue und Fidschi.

Schurz, Admiralitätsinseln, Papua-Neuguinea, vor 1897, Rindenbaststoff, Conusscheibchen, Palaquiumschale, Pflanzenfasern, Baumwolle, 82 x 86 x 3 cm, Köln: RJM (13969)
© Rheinisches Bildarchiv Köln, Foto: Wolfgang F. Meier

 

Bis in die 1950er Jahre stellten Frauen diese reichhaltig dekorierten Schurze aus Tapa oder auch Fasergeflecht her und trugen sie zum Tanz. Die Tanzschurze der Männer waren weniger aufwändig geschmückt. Wahrscheinlich trugen Frauen zwei bis vier Schurze, wobei sie die verzierte Seite vorne um die Hüfte wickelten und mit einem Gürtel aus Tapa befestigten. Der troddelartige Schmuck verwies auf den Reichtum und den Familienstatus der Trägerin. Heute werden die Tanzschurze aus bedruckten Stoffen mit Bast, Glas- und Kunststoffperlen dekoriert.

Detailausschnitt des Schurzes, Admiralitätsinseln, Papua-Neuguinea, vor 1897, Rindenbaststoff, Conusscheibchen, Palaquiumschale, Pflanzenfasern, Baumwolle, 82 x 86 x 3 cm, Köln: RJM (13969)
© Rheinisches Bildarchiv Köln, Foto: Wolfgang F. Meier


Gleich zu Beginn der Ausstellung werden die Besucher auf die Region Ozeanien durch die Fotoarbeit „Ocean III” von Andreas Gursky eingestimmt. Die Ausstellung befasst sich mit einem Gebiet, dem südlichen Pazifik, das etwa ein Sechstel der Erdoberfläche ausmacht.

Andreas Gursky: Ocean III, 2010, Inkjet-Print, 242,4 x 453,4 x 6,4 cm
Foto: Andreas Gursky, © Andreas Gursky / VG Bild-Kunst, Bonn 2013, Courtesy Sprüth Magers Berlin London

 

Gursky verwendete Satelliten-Material und ergänzte es mit diversen anderen Bildquellen. Satelliten-Fotos beschränken sich auf die Wiedergabe scharf umrissener Landmassen. Der Künstler rückt die Übergangszonen zwischen Land und Wasser sowie auch die weite Fläche des pazifischen Ozeans – vollständig künstlich erzeugt – ins Zentrum. Von der Kartografie vernachlässigt, weil es ökonomisch kaum nutzbar ist: das Meer.


 

Der Rolle von Tapa in der historischen Studiofotografie des 19. Jahrhunderts ist ein eigener Ausstellungsbereich gewidmet. Das in Europa unbekannte Material wurde für die Inszenierung und Exotisierung der porträtierten Inselbewohner genutzt. Hier werden ausgewählte Beispiele aus dem historischen Fotoarchiv des Museums Fotoarbeiten der neuseeländischen Künstlerin Shigeyuki Kihara gegenübergestellt.

Zwei Komba Rindenbaststoff tragend, Neuguinea, Finisterre-Saruwaged-Gebiet, Barytabzug 11,5 cm x 8,5 cm
Foto: Carl August Schmitz, © Historisches Fotoarchiv/Rautenstrauch-Joest-Museum, Inv.Nr. 19031

 

Der Ethnologe Carl August Schmitz, der diese Fotografie 1955/56 aufnahm, dokumentierte während seines Aufenthaltes bei den Komba die Produktion dieser beiden Rindenbaststoffe fotografisch.

Shigeyuki Kihara präsentiert “Taualuga; the last dance” auf der 4th Asia Pacific Triennial, Australia, 2002
Foto: Lukas Davidson © mit freundlicher Genehmigung von Shigeyuki Kihara Studio und Milford Galleries Dunedin, New Zealand

 

Die samoanisch-neuseeländische Künstlerin Shigeyuki Kihara kontrastiert in ihren Performances wie auch in ihren Fotoarbeiten den westlichen Blick des 19. Jahrhunderts auf die Bewohner der „Südsee“ mit ihrer eigenen künstlerischen Perspektive. Ausgangspunkt sind die Kolonialgeschichte und die kritische Hinterfragung historischer Fotografien, die Verwendung von Kostümen, die Funktion der Inszenierung sowie das europäische Missverstehen samoanischer Traditionen und die daraus resultierende Unterwerfung der dargestellten Individuen unter westliche Normen. Die auf dem Foto im Ausschnitt dargestellte Performance “Taualuga; the last dance” war auch Bestandteil von Kiharas Ausstellung Living Photographs im Metropolitan Museum of Art in New York im Jahr 2008.


Im Zentrum der Ausstellung stehen Tapa aus Melanesien, Polynesien und der Übergangsregion Fidschi. Zentrale Themen der Ausstellung sind Gabentausch, Ausdrucksformen von Religion, Auswirkungen des Tourismus auf die Stellung von Mann und Frau oder auch Wandel und Kontinuität der Objekte (z.B. Kleidung) ehemals unter dem Einfluss von Mission und Kolonialisierung, heute im Rahmen der Globalisierung.

Rindenbaststoff, Ena Yamöli und Steven Mdeböt, Nea Village, Santa Cruz, Salomonen, 2011, Rindenbast, Farbpigmente, 42 x 70 cm, Private Leihgabe
© Rheinisches Bildarchiv Köln, Foto: Wolfgang F. Meier

 

Die heutigen Tapa-Arbeiten verbinden oftmals altes Wissen mit neuen Ideen. Während die Gewinnung der Tapa Frauensache ist und sich wenig verändert hat, bietet die Bemusterung den Männern ein neues Feld kreativen Schaffens. Dieser von Ena Yamöli produzierte Rindenbaststoff dient ihrem Ehemann Steven Mdeböt als Grundlage für eine völlig neue Komposition der Bemalung, in der er traditionelle Muster von Tanzkeulen, Brustschmuck und Bananenbastschurzen aufgreift und individuell zusammenführt.


Detailausschnitt des Rindenbaststoffs, Ena Yamöli und Steven Mdeböt, Nea Village, Santa Cruz, Salomonen, 2011, Rindenbast, Farbpigmente, 42 x 70 cm, Private Leihgabe
© Rheinisches Bildarchiv Köln, Foto: Wolfgang F. Meier


Im „Fidschi-Haus“ findet sich die grösste Tapa der Ausstellung, ein fast 60 Quadratmeter großer Raumteiler aus Fidschi. Die Herkunft dieses einmaligen Objektes aus dem späten 19. Jahrhundert ist spannend beschrieben.

Raumteiler oder Wandbehang aus Fidschi, vor 1912, Rindenbaststoff (Tapa), 734 x 770 cm, RJM 31329
Foto: Stephanie Lüerßen © Stephanie Lüerßen/Rautenstrauch-Joest-Museum

Anfang des 20. Jahrhunderts hielt sich der Fotograf und Sammler Lindt in Fidschi auf und hatte Kontakt mit Ratu Joni Madraiwiwi und seiner Frau Adi Litiana Maopa, von denen er dieses Stück, das aufwändig restaurierte und grösste Objekt der Ausstellung erhielt. Die Familie gehörte zur lokalen Aristokratie; ihr Sohn Ratu Lala Sukuna studierte unter anderem in Oxford und gilt als einer der bekanntesten fidschianischen Politiker des 20. Jahrhunderts.


Den Abschluss der Ausstellung bilden ausgewählte zeitgenössische Kunstwerke, bei denen sich Künstlerinnen und Künstler aus Polynesien und Melanesien gezielt mit Tapa auseinandergesetzt haben. In ihren Arbeiten bedienen sie sich der historischen Bildsprache, der Funktionen und/oder des Materials und stellen Tapa in neue Kontexte.

Michel Tuffery: Cookie in the Cook Strait, 2007, Acryl auf Tapa (Siapo), 54,5 x 66 cm; Privatbesitz
Foto: Michel Tuffery, © Michel Tuffery

 

In dem umfangreichen Werk “First Contact” beschäftigt sich Tuffery mit althergebrachten Erzählungen zu James Cooks Entdeckungsreisen im Pazifik. Durch die Illustration von realen und erfundenen Überlieferungen entsteht eine Neuinterpretation. Die dabei auftauchenden Abbildungen von Cooks Kopf wirken immer leicht ironisch – vielleicht ist diese Ironie ein Mittel, um die Folgen von Cooks Reisen im Pazifik zu reflektieren – oder bezieht sie sich auf Tufferys eigene Identität?


Film- und Hörstationen lassen die Menschen und Geschichten hinter den rund 250 Objekten für die Besucher lebendig werden und stellen Verbindungen her zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Alltagsgegenstand und Kunst und von Insel zu Insel.

Ritual zum Ende der Trauerzeit, Airara, Collingwood Bay, Papua Neuguinea, 2001
Foto: Anna-Karina Hermkens © Anna-Karina Hermkens

 

Am Ende der einjährigen Trauerzeit nach dem Tod seiner Frau durchläuft Abraham ein abschließendes Ritual (ro-babassi). Nachdem er sein Haar das ganze Jahr über nicht geschnitten hatte, rasieren seine Verwandten nun seinen Bart und sein Kopfhaar. Abraham sitzt auf mehreren Matten, Textilien und einem Stück Tapa, dass er von seinen Verwandten erhalten hat. Die abrasierten Haare wird er als Erinnerung an seine Trauerzeit in einem weiteren Stück Tapa aufbewahren.


Sowohl bei der Entwicklung des Ausstellungskonzepts als auch in der Präsentation der Objekte oder im Rahmenprogramm spielen die Bewohner des Pazifiks eine zentrale Rolle. Dies gilt sowohl für historische Quellen, als auch für zeitgenössische Produzenten, Künstler, Träger und Vermarkter. Sie sind nicht nur in Filmen und Interviews immer wieder präsent, sie haben das Museum auch bei der Auswahl der Objekte und der Geschichten, die mit ihnen erzählt werden sollen, unterstützt.

Malo-Village, Santa Cruz, Solomon Islands, 2011
Foto: Oliver Lueb, © Oliver Lueb

 

Tapa wird auf Santa Cruz im Rahmen traditioneller Tänze getragen.


Besuchern bietet die Ausstellung die einmalige Gelegenheit, noch nie gezeigte Kunstwerke zu sehen und gleichzeitig alte und neue Ausdrucksformen von Kulturen aus dem pazifischen Raum kennenzulernen. Viele der dargestellten Themen bieten Anknüpfungspunkte für weitere Auseinandersetzungen und werfen Fragen auf, die Menschen weltweit bewegen. Welche Rolle spielt Kunst als Ausdrucksform von kultureller und individueller Identität? Welche Rolle spielt die Rückbesinnung auf die eigene Kultur im Rahmen von Globalisierungs- und Migrationsprozessen? Tapa war und ist Ausdruck historischer und gegenwärtiger ozeanischer Identitäten. Wer sich für Kunst und gesellschaftliche Fragen und deren besondere Wechselbeziehung interessiert, sollte diese Ausstellung nicht verpassen.

Dispela Sip bilong Kiapten Kuk (Das Schiff von Kapitän Cook), Mathias Kauage, 1999, Acryl auf Leinwand; 103,5 x 145,5 cm; Sammlung Weltkulturen Museum Frankfurt a.M., Obj.-Nr. 63059
Foto: Eva Raabe, © Sammlung Weltkulturen Museum Frankfurt a.M.

 

Kauage wurde 1944 in Papua-Neuguinea geboren und starb 2003. 1998 erhielt er für seine Tätigkeit als Künstler den Order of the British Empire. Seit Australiens Zweihundertjahrfeier ist Kapitän Cook, seine Pazifikfahrten und seine Entdeckung Australiens, ein von Kauage häufig gemaltes Motiv. Kauage erklärte, dass hier Kapitän Cook mit Begleiter und zwei seiner Frauen abgebildet seien. Später bezeichnete er die Frauen als seine Sekretärinnen.


Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm begeleitet. Nähere Informationen findet man auf der Website des Museums.

Salatasi, Tapaschurz aus Wallis/Futuna, 122 x 22,5 cm; RJM 42015
Foto: © Rheinisches Bildarchiv/Rautenstrauch-Joest-Museum

 

Charakteristisch für diese stets rechteckigen Tapaschurze sind die umlaufenden Fransen an drei Seiten und das feine schwarz-weiße Kästchenmuster, das über fast die gesamte Fläche läuft. An bestimmten Stellen werden durch Verstärkung von Linien weitere Muster gebildet. Typisch sind die auch hier zu sehenden „Treppenmotive“ sowie Rauten und Dreiecke.


Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher, zweisprachiger Begleitband mit Text- und Bildbeiträgen international renommierter Fachwissenschaftler. Ein Ausstellungsverzeichnis mit Objektfotos liegt in digitaler Form bei.

Tanzschmuck ojang
Wantoat, Finisterre-Gebirge, Papua-Neuguinea, 1956, Rindenbast, Rotang, Lianen, Bananenbast, Farbpigmente, 156 x 86 x 30 cm, Köln: RJM (46567)
© Rheinisches Bildarchiv Köln, Foto: Wolfgang F. Meier

 

Ein besonders imposanter Schmuck war dieses zylindrische Tanzgestell. Es wurde vollflächig rot oder wie hier mit mythischen Mustern bemalt und an einem bis zu 18 Meter hohen und am Rücken befestigten Bambusrohr beweglich montiert. Infolge seiner elastischen Bauart wippte es im Rhythmus der Tanzbewegungen entlang des Rohrs auf und ab. Da unterhalb des Zylinders ein überdimensional grosser Frauenrock angebracht ist, darf vermutet werden, dass dieses Ensemble ein weibliches Wesen darstellte.


Parallel zur Ausstellung bietet die Ecosign/Akademie für Gestaltung in Köln im WS 2013/14 den Hochschulwettbewerb „Tapa als natürlicher Werkstoff für Mode- und Produktdesign” an.

Plakat / Key Visual zur Sonderausstellung (2013)
Idee und Gestaltung: lange + durach, Köln © Rautenstrauch-Joest-Museum

 

Die Macher des Ausstellungsplakats, das die Verbindung von Kunst und Mensch visualisiert, hatten die Idee, ausgewählte Tapa-Muster in den Silhouetten zu verwenden. Sie repräsentieren damit die drei geografischen und kulturellen Regionen der Ausstellung: Das rote Muster stammt aus Melanesien, das gelbe aus Polynesien, das schwarze aus Fidschi.

Lassen auch wir uns inspirieren!

***

Fotos und Infos freundlicherweise vom Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt, Köln zur Verfügung gestellt – vielen Dank!

Info:
Made in Oceania: Tapa – Kunst und Lebenswelten
12. Oktober 2013 bis 27. April 2014

Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt
Cäcilienstraße 29 – 33
50667 Köln

www.museenkoeln.de/rautenstrauch-joest-museum

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Kommentare zu diesem Artikel

11 Responses

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  • uschi

    liebe liebe gudrun, das ist ja alles sooo toll – ich bin “hin & weg”!!!
    wahrscheinlich bekommen meine weihnachtsplätzchen heuer ein schönes tapa-muster!
    vielen dank + herzliche grüße – uschi

  • simone de haan

    Glucklich reise ich am Freitag nach Koln, konnte ich zum Ausstelling gehen. Danke fur die Tip, Top.

  • Gudrun Heinz

    halli hallo,
    inzwischen haben wir die ausstellung auch live gesehen – und wir sind ganz begeistert! es hat sich wieder einmal bewahrheitet, dass die besten fotos und beschreibungen den besuch mit den eigenen eindrücken nicht ersetzen können. schon allein, dass man den besonderen stoff, tapa, auch mal anfassen konnte. er fühlt sich wirklich textil an, ganz weich, allerdings nicht so schmiegsam.
    diese ausstellung beleuchtet das thema von den verschiedensten seiten, vom historisch-europäischen blickwinkel, aus pazifischer sicht, relativiert die wissenschaftlichen ansätze früherer jahrhunderte durch heutige ansichten und stellt dem ganzen die künstlerischen statements gegenwärtiger künstler aus dem pazifischen raum gegenüber. viele facetten also, ergänzt durch einen audio-guide und verschiedene arten der präsentation – und trotzdem eine runde sache.
    für mich als quilterin habe ich viele inspirationen mitgenommen, wie z.b. muster, grössenverhältnisse, farbzusammenstellungen, materialkombinationen. ich bin sicher, dass sich dieser besuch sehr lohnt und mich irgendwann in irgendeiner arbeit beeinflusst haben wird.
    fazit: eine unbedingte empfehlung!
    beste grüsse
    gudrun

  • brigitte simon

    große klasse! vielen dank. die interessanten berichte machen meine sesshaftigkeit erträglicher.

  • Gudrun Heinz

    liebe monika,
    vielen dank für das feedback! wir fahren diese woche noch hin, den ausstellungsbesuch hat sich meine tochter zum geburtstag gewünscht. jetzt sind wir noch mehr gespannt!
    beste grüsse
    gudrun

  • monika

    Liebe Gudrun,
    am Sonntag haben wir die Ausstellung besucht- außerordentlich eindrucksvoll!
    Wir waren alle begeistert !
    DANKE noch einmal für den Tipp!
    LG
    monika

  • Gudrun Heinz

    halli hallo,
    vielen dank für eure netten kommentare!
    durch den bericht habe ich mich jetzt eine ganze zeit lang mit den informationen des museums und noch weiteren bildern beschäftigt und auch bei anderen quellen recherchiert. es ist einfach faszinierend! ich werde die ausstellung mitte des monats tatsächlich besuchen und auf mich wirken lassen – bin schon sehr gespannt. mein skizzenbuch kommt selbstverständlich mit!
    beste grüsse
    gudrun

  • Wiebke

    Hallo Gudrun !
    Wie immer – ein ganz toller Bericht über diese Ausstellung in Köln (leider für mich etwas zu weit).
    Einen schönen, ruhigen Sonntagabend noch – bei uns stürmt es schon wieder.
    Wiebke

  • monika

    Liebe Gudrun,
    das ist ein ganz besonderer Bericht – herzlichen Dank dafür! Die Ausstellung werde ich auf jeden Fall besuchen – ohne Deinen Bericht hätte ich sie nicht wahrgenommen.
    DANKE, dass Du uns immer so umfangreich informierst!
    monika

  • Luitgard

    Liebe Gudrun,

    danke für diesen wunderbaren, informativen Bericht und den Hinweis auf diese Ausstellung.! Welch schöne Dinge!

    Sie dauert ja noch ein bißchen – und Köln ist in Reichweite!

    Danke!
    LG Luitgard

  • Jutta Hellbach

    Liebe Gudrun,
    wieder mal ein großartiger informativer Bericht. Faszinierende Materialien und Techniken sind das.
    Zu schade, dass ich heut abend spät an Köln vorbeifahre, sonst wäre das mehr als sehenswert gewesen. Vielleicht klappt’s im Januar.
    Grüße aus Holland 😉
    Jutta

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