Kreative Artikel zum Thema Quilten

Chapeau!

Ausstellungsplakat

Ausstellungsplakat

Hüte waren bis in die 1960er Jahre hinein ein Muss. Weder Männer noch Frauen fühlten sich richtig angezogen, ja geradezu unanständig wäre es gewesen, ohne Kopfbedeckung auszugehen. Der Hut musste wie andere Accessoires – Handschuhe, Schal, Schuhe, Tasche – auf Mantel, Kostüm oder Anzug abgestimmt werden. Wer es sich leisten konnte, besass zu jeder Garderobe den passenden Hut. Darüber hinaus bestimmten Anlass und Tageszeit, welcher Hut getragen wurde.

Die extravagante violette Hutspange, verziert mit einer Perle, wirkt mit ihrer fast spinnenartigen Form eher wie ein Kopfputz als eine schützende Kopfbedeckung. Foto: Jürgen Hoffmann © LVR-Industriemuseum

Die extravagante violette Hutspange, verziert mit einer Perle, wirkt mit ihrer fast spinnenartigen Form eher wie ein Kopfputz als eine schützende Kopfbedeckung.
Foto: Jürgen Hoffmann
© LVR-Industriemuseum

Die Ausstellung präsentiert die Kulturgeschichte des Hutes von 1850 bis in die Gegenwart. Zu sehen sind über 200 Hüte und andere Kopfbedeckungen, die den Wandel von Mode und Gesellschaft widerspiegeln. Der Frauenhut hat sich erst mit der Auflösung der ständischen Kleiderordnung Ende des 18. Jahrhunderts durchgesetzt. Seither haben Modistinnen mal üppig verzierte ‘Wagenräder’, mal schlichte ‘Topfhüte’ kreiert. An den modischen Ausformungen des Hutes und der Art, wie er getragen wurde, lässt sich darüber hinaus das Frauenbild der jeweiligen Epoche ablesen – oftmals sogar deutlicher als an anderen Kleidungsstücken.

Blick in die Werkstatt einer Modistin, 1920er Jahre © LVR-Industriemuseum

Blick in die Werkstatt einer Modistin, 1920er Jahre
© LVR-Industriemuseum

Während in einigen Epochen vor allem Form, Material und Farbe die Hutmode bestimmen, dominiert zu anderen Zeiten der Aufputz und macht den besonderen Reiz eines Hutes aus. Mal sind es exotische Federn, mal schillernde Seidenblumen, die dem Hut das gewisse Etwas verleihen. Die Ausstellung zeigt die breite Vielfalt der Materialien aus den Werkstätten der Modistinnen: Bänder, Federn, Schleier, Früchte, Blüten, Hutnadeln und -broschen und vieles mehr.

Nicht nur Form, Material und Farbe, oft machte der Aufputz den besonderen Reiz aus, zum Beispiel mit exotischen Federn und Bändern. Foto: Jürgen Hoffmann © LVR-Industriemuseum

Nicht nur Form, Material und Farbe, oft machte der Aufputz den besonderen Reiz aus, zum Beispiel mit exotischen Federn und Bändern.
Foto: Jürgen Hoffmann
© LVR-Industriemuseum

Hüte sind mehr als nur modisches Beiwerk. An ihnen lassen sich soziale Unterschiede ablesen, manchmal aber auch die politische Gesinnung seines Trägers: so zum Beispiel am Zylinder, dem sogenannten ‘steifen Hut’. Begonnen hat er seine Karriere als ‘Revoluzzer’, bevor er zum typischen Hut des Bürgers im 19. Jahrhundert wurde. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts verlor er dann immer mehr an Bedeutung und büsste schliesslich auch seine Funktion als Hochzeits- oder Beerdigungshut ein. Die Haube war noch bis weit ins 19. Jahrhundert eingebunden in die Regeln von Anstand und Sitte und Kennzeichen der verheirateten Frau. ‘Chapeau! – 150 Jahre Hutgeschichte(n)’ präsentiert also nicht allein den Wandel der Hutmode, sondern auch den der gesellschaftlicher Konventionen, Benimm- und Anstandsregeln, die mit dem Huttragen verbunden waren.

Der Zylinder hat seine Karriere als 'Revoluzzer' begonnen, bevor er zur alltäglichen Kopfbedeckung des Bürgers und dann zu einem Hut für besondere Anlässe wie zum Beispiel Hochzeit oder Beerdigung wurde. Foto: Jürgen Hoffmann © LVR-Industriemuseum

Der Zylinder hat seine Karriere als ‘Revoluzzer’ begonnen, bevor er zur alltäglichen Kopfbedeckung des Bürgers und dann zu einem Hut für besondere Anlässe wie zum Beispiel Hochzeit oder Beerdigung wurde.
Foto: Jürgen Hoffmann
© LVR-Industriemuseum

Dass Kopfbedeckungen auch aktuell noch eine besondere Bedeutung haben können, zeigen die Caps, Boshis und Beanies von Jugendlichen in der Ausstellung. An einer Mitmachstation haben die Besucher und Besucherinnen die Möglichkeit, vor dem Spiegel Hüte auszuprobieren und zu beobachten, wie sich Eigen- und Fremdwahrnehmung durch das Huttragen verändern.

Schwarzer, gelackter Damenhut, aufgeputzt mit einem Satinband mit großer Schleife, 1930er Jahre Foto: Jürgen Hoffmann © LVR-Industriemuseum

Schwarzer, gelackter Damenhut, aufgeputzt mit einem Satinband mit großer Schleife, 1930er Jahre
Foto: Jürgen Hoffmann
© LVR-Industriemuseum

Als weiteres Highlight zeigt die Ausstellung einen bewegenden Film über einen Hutmacher der alten Schule, der noch alle Arbeitsschritte der Hutherstellung in bedächtiger Handarbeit durchführt. Darüber hinaus wird der Niedergang der Hutindustrie durch die Bildreihe des Fotografen Lorenz Kienzle thematisiert, der im Herbst 1999 in der ehemaligen Hutmacher-Hochburg Guben die letzten Tage einer Hutfabrik dokumentiert hat. Kienzle fotografierte dort mit einer Plattenkamera, ausschliesslich mit Naturlicht und langen Belichtungszeiten von 1/15 bis zu einer Sekunde. Die Ausstellung zeigt diese ruhigen und melancholischen Schwarz-Weiss-Fotos, die eine Welt im Bild festhalten, die es heute nicht mehr gibt.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

***

Info:

15. Juni 2014 – 19. April 2015

Chapeau! 150 Jahre Hutgeschichte(n)

LVR-Industriemuseum
Textilfabrik Cromford
Cromforder Allee 24
40878 Ratingen

www.industriemuseum.lvr.de

Öffnungszeiten:
Di – Fr: 10 – 17 Uhr
Sa / So: 11 – 18 Uhr

Infos und Fotos vom Museum zur Verfügung gestellt – herzlichen Dank!

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Kommentare zu diesem Artikel

4 Antworten

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  • Annette

    Hallo Gudrun,
    die Geschichte des Zylinders kannte ich noch nicht. Sehr interessant
    À propos Revoluzzer: Als Entenfahrer (zugegeben: Nur noch im Geiste) vermisse ich die Baskenmütze der 70er 🙂
    Schade, dass heute Hüte sehr selten geworden sind…
    Liebe Grüße Annette.

    • Gudrun Heinz

      hallo annette,
      na ja, bei 200 ausgestellten kopfbedeckungen könnte ja ein béret basque dabei sein, wenn vielleicht auch ohne 2CV …
      wem sagst du das, ich finde es auch schade, dass hüte heute out sind. meine grossmutter war gelernte modistin und von meiner mutter habe ich eine ansehnliche hut-sammlung (die sie alle mal getragen hat) geerbt.
      beste grüsse
      gudrun

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