Kreative Artikel zum Thema Nähen

Jeansrock – Schnittkonstruktion und Passformprobleme

Hallo Ihr Lieben,

Ihr habt schon einige Wochen nichts von mir gehört und das hatte einen guten Grund. Schon seit vielen Jahren interessiert mich das Thema Schnittkonstruktion. Warum?

  1. Grenzenlose Freiheit bei der Gestaltung…
  2. Wenn man keine „Normalfigur“ hat und deshalb immer wieder auf Probleme beim Bekleidungskauf stößt und irgendwann einfach „schreiend“ aus der Umkleidekabine läuft…
  3. Ich auch endlich in die Tiefe der Bekleidungsschneiderei eintauchen will und verstehen möchte, warum manches wo Falten wirft und wie ich es von vornherein ändern kann…

Ich habe mir also Hofenbitzer, Aldrich und Co. zugelegt und mich in den letzten Wochen mit Grundschnitten, Schnittaufbau, Abnähern, Balancen und Schnittabwandlungen befasst.

Und hier seht Ihr mein erstes „Lehrlingswerk“. Einen Jeansrock nach einer Zeichnung von Harriet Pepin aus dem Buch „Modern Pattern Design“ aus dem Jahre 1942…

Bilder

 

Rock_Vorne

Wie bin ich vorgegangen?

Zunächst habe ich mir einen Grundschnitt für einen Bleistiftrock nach meinen Körpermaßen erstellt. Er ist sehr einfach zu konstruieren – eigentlich eine Röhre in Hüftweite, die in der Taille angepasst wird.

Hier die wichtigsten Messpunkte…

JEANSROCK

Grundlage für meine Konstruktion war die Anleitung „The straight skirt“ von Winifred Aldrich aus dem Buch „Metric Pattern Cutting for Women‘s Wear“. Und so in etwa sah mein erster gezeichneter Schnitt aus…

Bilder2

…der dann die Grundlage für mein erstes Modell aus Nessel wurde. Leider habe ich vergessen zu fotografieren und das Nesselmodell existiert nicht mehr. Deshalb beschreibe ich Euch anhand von Grafiken die nächsten Schritte. Ich habe dabei die Grafiken etwas übertrieben, damit Ihr die Probleme besser erkennen könnt.

Auf dem ersten Blick passte der Rock ganz gut, auf dem zweiten Blick – na ja. Er hatte so seine Probleme mit der Balance. Mein ausgeprägtes Hohlkreuz und mein Hinterteil waren schuld daran…

Bilder3

Zum Vergleich: Im Idealfall sitzt der Rock bei einer „Normalfigur“ so…

Bilder4

…die Seiten- bzw. Mittelnähte verlaufen senkrecht und die Saumlinie waagerecht zum Boden!

Was ist also passiert? Winifred Aldrich verwendet bei der Konstruktion des Rockes ja nur Hüft- und Taillenweite und geht so von einer „Normalfigur ohne Haltungsfehler“ aus. Die Stellung meiner Taillenlinie wird jedoch nicht berücksichtigt. Durch mein Hohlkreuz kippt mein Becken nach vorne und die Taille kippt mit. Da ich auch noch „ein ausladendes Hinterteil“ habe, zieht der Rock hinten zwangsläufig nach oben, da ich hinten einfach mehr Stoff brauche. Das Ergebnis: die Seitennähte laufen nicht mehr senkrecht und die Saumlinie nicht mehr waagerecht.

Was also tun? Den Rock neu in Balance bringen! Das Vorderteil des Rockes muss angehoben und die Taillenlinie korrigiert werden, so dass die Seitennähte wieder senkrecht und die Saumlinie wieder waagerecht verlaufen….

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Das geht am besten vor einem Spiegel. Dann ein Gummiband um die Taille legen und den neuen Taillenverlauf auf dem Nesselmodell von einer zweiten Person aufzeichnen lassen. Wenn man es selbst versucht, verrenkt man sich dabei ziemlich.

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Ich musste im hinteren Rockteil auch die Abnäher etwas tiefer stecken. Übrigens funktioniert das auch genau andersherum. Wer eher einen flachen Po, dafür aber mehr Bauch hat, wird das Problem haben, dass die Taille genau in die andere Richtung kippt. Die Änderungen auf dem Nesselmodell habe ich mir dann auf meinen Grundschnitt übertragen…

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Da der Schnitt dann doch ganz anders aussah, habe ich zur Kontrolle ein zweites Nesselmodell mit einem geraden Bund genäht. In der Regel verwendet man einen geraden Stoffstreifen bei geraden Röcken. Das war eine ziemlich dumme Entscheidung…

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Wie Ihr seht, steht der Bund hinten ab. Ist ja auch logisch, da hätte ich von vornherein drauf kommen müssen. Da ich meine Taillenlinie vorn deutlich ausgerundet habe, kann ein gerader Bund einfach nicht mehr passen. Ich muss also zwangsläufig einen Formbund konstruieren. Nachdem ich diesen an das Nesselmodell genäht habe, saß er auch richtig.

Ich hatte nun einen perfekt passenden Grundschnitt, den ich entsprechend weiter variieren kann.

Mein Ziel war, ein Schnittmuster nach der Zeichnung von Harriet Pepin zu erstellen. Wenn man sich den Entwurf anschaut, dann sieht man einen geraden Rock, der leicht ausgestellt ist und eine Passe und Falten im Vorderteil hat. Das Rückenteil dazu ist nicht abgebildet, aber ich ging von einem geraden Rockteil mit Reißverschluss in der Mittelnaht aus…

Bilder

Ich habe mir also zunächst meinen Papiergrundschnitt dupliziert und danach meinen Nesselrock wieder angezogen. Munter vor dem Spiegel die perfekte Höhenlinie für die Passe gesucht und auf meinen Nesselrock aufgezeichnet. Danach das Ganze wieder auf meinen Schnitt übertragen.

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Im Hinterteil fand ich eine Passe und eine weitere Längsunterteilung der Fläche auch ganz hübsch und habe diese eingezeichnet. Anschließend habe ich auf jedes Schnitt-Teil die Fadenläufe eingetragen und die einzelnen Teile auseinander geschnitten.

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Da ich keine Abnäher in den Passe-Teilen wollte, habe ich diese kurzerhand eliminiert. Das habe ich nach dem System meiner Mutter gemacht: die Abnäher aufschneiden, zusammenschieben, an der Nählinie zusammenkleben und die Form wieder etwas abrunden…

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Jetzt war nur noch zu überlegen, wie tief die Falten sein sollen. Ich habe diverse Bücher gewälzt und irgendwann ein Mittelmaß genommen. Da ich den Rock auch aus Jeans nähen wollte, dachte ich mir, dass bei diesem schweren Stoff eine Faltentiefe von ca. 6 cm ganz passend wäre. Ich habe mir also einen langen Papierstreifen von 12 cm Breite geschnitten, diese in der Mitte gefalzt und zunächst rechts an mein vorderes Mittelteil geklebt. Dann nach hinten die Falten umgeschlagen (so wie sie auch liegen sollen) und den oberen Bogen ausgeschnitten. Dann das vordere Mittelteil und das vordere Seitenteil mit der Falte dazwischen wieder zusammengeklebt. Danach links die Falte angebracht. Als der Schnitt fertig war, habe ich diesen nochmals als Nesselmodell genäht und erst danach den Rock aus Jeansstoff zugeschnitten. Und hier das fertige Ergebnis. Da es in Blaustein gerade ziemlich regnet, musste das Fotoshooting auf unserem Balkon stattfinden. Teilweise stand ich mit einer Seite auch im Regen…

Rock_Vorne

Rock_hinten_neu

Rock_seite

…an der Seite dreht die Falte im unteren Bereich noch nach vorn. Das finde ich ein wenig suboptimal. Das werde ich noch ändern und nochmals heften und und die Falte richtig einbügeln, damit sich die Falte anlegt.

Zur Umsetzung…

An einem Jeansrock dürfen natürlich die „jeanstypischen“ Details nicht fehlen. Zu meinem dunkelblauen Stoff habe ich von Gütermann das Nähgarn Extra Stark No. 40  in silbergrau gewählt und mit einer 90er Jeansnadel vernäht. Meine Stichlänge lag dabei bei 3,5. Kleiner hätte einfach ein wenig pimpfig ausgesehen. Damit die Nähte auch wie Jeansnähte aussehen, habe ich die Seitennähte und die beiden hinteren Teilungsnähte mit einer flachen Kappnaht genäht. Das solltet Ihr, bevor Ihr den Stoff zuschneidet überlegen. Ich habe also hier anstatt 1,5 cm, 2 cm Nahtzugabe eingeplant.

 Das Nähen einer Kappnaht…

Kappnaht2

 

Zunächst die Stoffteile links auf links! mit einer Nahtzugabe von 2 cm zusammennähen…

Kappnaht7

 

Kappnaht6

Dann die Nahtzugaben jeweils zur Seite auseinanderbügeln…

Kappnaht5

Eine Nahtzugabe um ca. 0,75 cm kürzen…

Kappnaht4

 

Dann alles zur Seite bügeln und die längere Nahtzugabe einschlagen und umbügeln…

Kappnaht3

Dann alles wieder auseinanderklappen und knappkantig feststeppen. Fertig. Das Ergebnis: Eine schöne saubere Jeansnaht, die sowohl vorn, als auch hinten toll aussieht ;)…

Kappnaht2

 

KappnahtBis bald

Andrea

 

 

 

 

 

 

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Kommentare zu diesem Artikel

7 Responses

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  • Rubina

    Hallo Andrea,

    es beruhigt mich, dass ich nicht die einzige bin, die frustriert aus der Umkleide geht. Ich habe etwas Bauchansatz, sodass ich um die Hüfte Größe 40 brauche. Beine sind aber eher 38. Da schlabbert es immer etwas viel. Oberweite ist mal 36, mal 38. Mit breiteren Hüften gibt es kaum Blusen oder Blazer, die nicht zu klein aussehen. Passen sie um die Bauchregion, ist oben rum wieder viel zu viel Stoff da.
    Da bin ich für den Hofenbitzer dankbar. Der “wohnt” seit etwa einem halbe Jahr in meinem Regal. Ich frage mich, wie ich ohne dieses Buch ausgekommen bin. Da ist wirklich eine Menge drin. Außerdem finde ich die Klassen bei Craftsy von Suzie Furrer richtig gut. Der große Vorteil ist, dass ich die Sachen selber machen kann, die zu mir passen und ich so unabhängig von Trends bin. Außerdem kann ich in meine Hosen so viel Platz einbauen, dass ich sie nochmal weiter machen kann, wenn ich mal wieder eine Schokiphase habe.

    Liebe Grüße in die Runde
    Rubina

  • Andrea Müller

    Hallo Ihr Lieben,
    vielen Dank für Euer Lob. Es macht mir gerade sehr viel Spass und ich habe auch schon einen tollen Cordstoff für mein nächstes Projekt zu liegen. @Monika: Ich kann es Dir nachfühlen und leider sind auch die meisten Beschreibungen, wie man was, wie ändert mehr als dürftig…
    Hätte ich meine Mutter nicht, die mir als gelernte Schneiderin, den einen oder anderen telefonischen Hinweis geben kann, wäre es wirklich sehr schwierig.
    Liebe Grüße
    Andrea

  • Annette

    Hallo Andrea,
    vielen Dank für die aufwendige und sehr gute Erklärung!
    Liebe Grüße Annette.

  • Wiebke Maschitzki

    Hallo Andrea !
    Das ist eine tolle, aber aufwendige Schnittanpassung, die Du uns da erklärt hast.
    Und auch ich kann diese Schnittänderung gut gebrauchen.
    Vielen Dank für Deine genaue Erklärung!
    Liebe Grüße
    Wiebke

  • Monika

    Liebe Andrea,
    du schreibst mir aus dem Herzen, denn ich habe auch das Problem, dass mir die Schnitte der üblichen Hersteller nicht passen. Kürzlich habe ich ein Kleid aus T-Shirtstoff genäht und musste aus der vorderen Weite einen Keil von 15 cm rausschneiden, da ich nicht die “passende Oberweite” habe…das hatte eine gesamte Schnittkonstruktionsänderung zur Folge mit viel Fummelei, und so richtig perfekt sitzt es immer noch nicht – ärgerlich!! Daher freue ich mich über deinen Beitrag hier im Blog.
    Liebe Grüße,
    Monika

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