Kreative Artikel zum Thema Quilten

Glanz und Grauen

In Tracht und Dirndl, am besten noch mit Gretchenzopf – wie sah die Kleidung der 1930er und 40er Jahre aus? Kleidete sich so die typische Frau dieser Zeit? Oder elegant wie Zarah Leander? Die NS-Zeit ist so gut wie keine andere historische Epoche erforscht, aber mit der Frage nach der Kleidung hat sich bislang kaum jemand befasst. Aus diesem Grund sind viele Klischees entstanden: Trachten und Uniformen gelten als typisch für die NS-Zeit. Dass dies aber lange nicht alles war, zeigt die Ausstellung ‘Glanz und Grauen – Mode im “Dritten Reich” ‘, die sich auch Alltagskleidung und Notgarderobe im Nationalsozialismus widmet und die politische Bedeutung vermeintlich banaler Hosen oder Jacken aufzeigt.

Ausstellungsplakat

Ausstellungsplakat

Zum Auftakt der Ausstellung wird ein Querschnitt von eleganten Kleidern präsentiert, die einen Überblick über die Modeentwicklung von den späten 1920ern bis in die ersten Nachkriegsjahre geben. Die einfache Form des ‘Hängerkleides’ löst sich gegen Ende der 1920er Jahre auf, Saum- und Taillenlinie verlaufen nicht mehr gerade, eingesetzte Stoffteile verlängern die Silhouette. Die wichtigsten Elemente der Kleidung der frühen 1930er Jahre waren die fliessende Form und der Schrägschnitt, mit einem schlanken, natürlichen Körperideal. Nach einer kurzen romantischen Phase mit weiten, schwingenden Röcken, inspiriert von Filmen wie ‘Vom Winde verweht’ (1939), prägte der Krieg die Mode. Stoffknappheit liess die Rocksäume kürzer werden und der Einfluss der Uniformen zeigte sich in der formalen Strenge von Schnitt, Material und Einfarbigkeit.

Alltags- bzw. Straßenkleidung, um 1940 Bild: LVR-Industriemuseum

Alltags- bzw. Straßenkleidung, um 1940
Bild: LVR-Industriemuseum

Die Ausstellung präsentiert auf 600 Quadratmetern über 100 Originalkostüme und Fotos, Modegrafiken, Zeitschriften, Kinderbücher und Spielzeug zum Thema. Zu sehen gibt es Kleidung aus dem Alltagsleben, Uniformen, aber auch die ‘Kluft’ der widerspenstigen Jugendlichen. Daneben werden die Vorbilder vorgestellt, an denen sich die Mode orientierte: die Frauen-Zeitschriften, die Eleganz der Welt des Kinos und der NS-Prominenz. Einfluss hatten aber auch die Sparappelle des Regimes und die Materialknappheit. Die Resteverwertung prägte die Alltags-Mode jener Zeit. So stehen in der Ausstellung seidene Abendroben und raffiniert garnierte Kleider neben einfacher Alltags- und Berufsgarderobe, Kleidern aus Ersatzstoffen und solchen der Notkultur.

Eleganz 1939: In der Ausstellung sind viele Modezeitschriften zu sehen, an denen sich schon damals die Frauen in Sachen Mode orientierten. Bild: LVR-Industriemuseum

Eleganz 1939: In der Ausstellung sind viele Modezeitschriften zu sehen, an denen sich schon damals die Frauen in Sachen Mode orientierten.
Bild: LVR-Industriemuseum

Trug man, was gefiel oder beeinflusste das Regime die Auswahl und die Art der Kleidung? Immer wieder wird deutlich, dass Kleidung keine Privatsache war. Dabei interessierten sich die Nationalsozialisten weniger für die Modefrage als vielmehr für die Konsumgewohnheiten. Jedes Kleidungsstück sollte aus ökonomischen Gründen möglichst lange getragen werden, denn gerade die Herstellung von ziviler Kleidung wurde erheblich gedrosselt, damit der Aufrüstung und damit der Uniformproduktion immer mehr Rohstoffe zugeteilt werden konnten.

Uniformen der 'Hitler-Jugend' und des 'Bund deutscher Mädel' Bild: LVR-Industriemuseum

Uniformen der ‘Hitler-Jugend’ und des ‘Bund deutscher Mädel’
Bild: LVR-Industriemuseum

Die Mode unterlag aber auch während des Nationalsozialismus internationalen Einflüssen: Sie war feminin und figurbetont. Die Filmstars glänzten mit langen Kleidern, edlen Stoffen und aufwendigen Schnitten. Andererseits waren Rohstoffe knapp und Textilien Mangelware, so dass Spinnstoffsammlungen und Kleiderkarten verordnet wurden. Schliesslich diente Kleidung auch Ideologie und Rassismus: Die Uniformen für Parteiorganisationen, aber auch Parteiabzeichen oder die Plaketten für Winterhilfsdienst-Spender schufen eine sichtbare Einheit. Die Regierung diktierte anderseits ‘Judensterne’ als textile Kennzeichen für eine ganze Bevölkerungsgruppe, die sie ausgrenzte. Der Materialknappheit begegnete das Regime auch durch Enteignung der Juden und Ausbeutung der besetzten Gebiete.

Kinder im Kriegsspiel Bild: LVR-Industriemuseum

Kinder im Kriegsspiel
Bild: LVR-Industriemuseum

Die Ausstellung entstand aus einer Kooperation des LVR-Industriemuseums mit dem Institut für Europäische Ethnologie / Kulturwissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Innerhalb des begleitenden Forschungsprojektes wurden Zeitzeugen befragt, Quellen gesichtet und textile Objekte untersucht. Viele Personen aus dem Rheinland kamen der Aufforderung nach, Kleidung aus der Zeit zur Verfügung zu stellen. Zahlreiche private Spenden bereicherten die umfangreiche Sammlung des LVR-Industriemuseums zur Mode- und Kostümgeschichte der 1930er und 1940er Jahre. Die früheren Besitzer brachten mit den Kleidern Fotos, Erfahrungen und Geschichten mit ins Museum, durch die nicht nur die Politik des Regimes, sondern auch die vielfältige Perspektive der kleinen Leute, der Beherrschten, dokumentiert und sichtbar gemacht werden konnte. Die Ausstellung markiert zudem das Ende einer Ära, denn zukünftig wird die Geschichtsschreibung im Dialog mit den Zeitzeugen kaum noch möglich sein.

Kinder auf der Kölner Domplatte, um 1940 Bild: LVR-Industriemuseum

Kinder auf der Kölner Domplatte, um 1940
Bild: LVR-Industriemuseum

Zur Ausstellung ist eine Begleitpublikation erschienen.

***

Info:

10. November 2013 – 26. Oktober 2014
Verlängert bis zum 21. Dezember 2014!

Glanz und Grauen – Mode im ‘Dritten Reich’

LVR-Industriemuseum
Tuchfabrik Müller
Carl-Koenen-Straße
53881 Euskirchen

www.industriemuseum.lvr.de

Öffnungszeiten:
Di – Fr: 10 – 17 Uhr
Sa / So: 11 – 18 Uhr

Infos und Fotos vom Museum zur Verfügung gestellt – herzlichen Dank!

29. März – 1. November 2015

LWL-Industriemuseum
TextilWerk Bocholt
Spinnerei: Industriestrasse 5
46395 Bocholt

www.lwl.org

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Kommentare zu diesem Artikel

6 Responses

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  • Gudrun Heinz

    halli hallo,
    wie mir der veranstalter mitteilt, wird die ausstellung bis zum 21. dezember 2014 verlängert.
    beste grüsse
    gudrun

  • Gudrun Heinz

    hallo annette,
    danke dir für deine zeilen.
    als ich mich mit dem artikel befasst habe, kam mir auch so manches wieder in den sinn, was meine mutter oder auch meine beiden grossmütter aus den kriegszeiten erzählten – es muss eine furchtbar schreckliche zeit gewesen sein, aber man musste trotzdem auch leben. irgendwie jedenfalls.
    während ein teil der familie ausgebombt wurde und nahezu nichts die zeit überstanden hat (einen grossen schönen knopf von einem mantel habe ich geerbt und besitze ich noch!), lebte der andere teil auf dem land, wo es nicht ganz so schlimm war. aber auf mode hat da keiner geachtet … alle kleidungsstücke mussten so lange wie möglich halten und was noch einigermassen taugte, wurde wiederverwendet. z.b. wurde aus einem gewendeten damenmantel ein kindermantel zugeschnitten und genäht. auf einer gusseisernen tret-nähmaschine, auf der ich dann in den 60er jahren meine ersten stiche bei oma lernte. diese maschine und handgewebtes leinen aus vorkriegszeiten – bett- und tischwäsche – habe ich immerhin noch!
    beste grüsse
    gudrun

    • Annette

      Hallo Gudrun,
      leider fand die Räumaktion statt, als der letzte “Zeitzeuge” aus dieser Familie verstorben war. Daher weiß ich nicht, ob das Leinen, das ich ebenfalls gefunden habe, handgewebt ist. Sicherlich war es mehrfach für Vorhänge o.ä. verwendet und auch geflickt worden. Auf einem Leinenstück sind Stempel aufgebracht. Auch weiß ich nicht, aus welcher Zeit die Knöpfe der umfangreichen Knopfsammlung stammen, die ich ebenfalls gefunden habe.
      Schade, dass ich die Sachen nicht bekommen habe, als ich noch hätte fragen können…
      Liebe Grüße Annette.

      • Gudrun Heinz

        hallo annette,
        ja, das ist wirklich sehr schade. und gerade weil man noch zeitzeugen befragen konnte, finde die oben vorgestellte ausstellung auch so interessant.
        ich habe als kind auch nicht gefragt, aber das thema ‘krieg’ und vor allem die ‘schlechte zeit’, also die nachkriegszeit, war in den erzählungen in der familie gang und gäbe, gehörte einfach dazu. ist ja auch kein wunder, wenn es ständig ums überleben geht, sind solche zeiten sehr eindrücklich und prägen die menschen.
        beste grüsse
        gudrun

      • Annette

        Hallo Gudrun,
        Du hast recht: Ich finde das Thema auch sehr spannend. Ich finde wichtig, dass das Gegenstand der Forschung geworden ist. Freiwillig und gerne über diese Zeit gesprochen hat, als ich Kind war, in meiner Familie niemand. Verstehe ich auch; verdrängen kann, je nach Typ, auch eine sinnvolle Bewältigungsstrategie sein. Der Krieg und die damit verbundenen Erfahrungen waren sicherlich ein extrem traumatisierendes Erlebnis. Nach so langer Zeit seit Kriegsende hat meine Mutter immer noch Sorge, dass das Geld wieder nichts mehr Wert sein könnte, und hat eine Notration Lebensmittel im Keller…
        Leider wohne ich wieder einmal am falschen Ende Deutschlands. Ich denke, dass diese Ausstellung und die dazu vermittelten Hintergründe ein wesentlich objektiveres, weil vielfältigeres Bild der damaligen Zeit zeigen kann, als dies nach Erzählungen von Zeitzeugen aus der eigenen Familie möglich wäre.
        Liebe Grüße Annette.

  • Annette

    Hallo Gudrun,
    Dankeschön für diesen Hinweis!
    Unter dem von Dir angegeben link finden sich weitere sehr interessante Informationen.
    Habe im Haus meines Großvaters (Schneidermeister) auf dem Speicher vor ca. 20 Jahren alte Modezeitschriften gefunden. Leider alle aus Nachkriegszeiten, obwohl einige älter sind als ich. Schade ((natürlich nicht nur deshalb!), dass das Haus ausgebombt worden war…
    Liebe Grüße Annette.

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