Kreative Artikel zum Thema Quilten

Puppenhäuser einst und jetzt

Vom 13. Dezember 2014 an zeigt das Kindermuseum des V&A (The V&A Museum of Childhood) eine Ausstellung über Puppenhäuser unter dem Titel ’Small Stories: At home in a dolls’ house’ – wer also nach London kommt, nicht nur das Victoria & Albert Museum als eines der grössten und erlesen sortiertesten Museen für Kunst und Design ist immer einen Besuch wert, sondern auch das Museum of Childhood.

Die Ausstellung dreht sich um die Geschichte und Geschichten hinter den zwölf meistgeliebten Puppenhäusern aus den letzten 300 Jahren, die die Kuratoren aus der rund 100 Puppenhäuser umfassenden Sammlung des Museums ausgewählt haben. Die Besucher werden auf eine Zeitreise mitgenommen, die den damaligen Alltag durch Darstellungen von Hochzeiten und Feiern, Politik und Untaten wieder zum Leben erweckt. Jedes Haus wird zu einer bestimmten Tageszeit präsentiert. Die Besucher können selbst mithilfe von Buttons die Wiedergabe der Erzählung aktivieren, während die entsprechende Figur aufleuchtet. Die Ausstellung umfasst Herrenhäuser auf dem Land, das georgianische Stadthaus, Vorstadtvillen, neu erbaute Wohnungssiedlungen und Hochhäuser. Indem sie der Chronologie folgt, zeigt die Ausstellung gleichzeitig Entwicklungen in Architektur und Design.

Killer Cabinet, Detail: Küche England, 1835 -1838 Foto: © Victoria and Albert Museum, London

Killer Cabinet, Detail: Küche
England, 1835 – 1838
Foto: © Victoria and Albert Museum, London

Die Highlights:

The Tate Baby House aus dem Jahr 1760 gehörte fünf oder sechs Generationen und wurde von der Mutter auf die älteste Tochter weitervererbt. Zu sehen sind originale Tapeten, Wandmalereien im Stil von Robert Adam und ein Zimmer mit Wochenbett für eine schwangere Puppe. Im Mittelpunkt der Geschichte dieses Hauses steht die Stellung von drei Generationen von Frauen aus der georgianischen Zeit, die immer mehr Ansehen gewannen.

Das Haus ist nach seiner letzten Besitzerin, Mrs Walter Tate, benannt. Es wurde nach dem Vorbild eines Dorset-Hauses angefertigt und ist zerlegbar, so dass die Besitzerin, normalerweise eine Lady, es auf ihren Reisen mitnehmen konnte. Nicht nur die Reisen mit der Kutsche dauerten lang, sondern auch die Besuche. Puppenhäuser waren der ganze Stolz ihrer Besitzerin; Tapeten und Möbel wurden sorgfältig ausgewählt.

Die Möbel in diesem Haus sind nicht zeitgenössisch, da es ab 1830 in regelmässigen Abständen ‚renoviert’ und auf den neuesten Stand gebracht wurde. Auch die Fenster entsprechen dem 19. Jh. Kinder durften unter Aufsicht von Zeit zu Zeit damit spielen. Besucher brachten oft als Zeichen ihrer Dankbarkeit für die Gastfreundschaft kleine Geschenke wie z.B. einen silbernen Kessel für die Ausstattung mit.

Tate Baby House England, 1760 Foto: © Victoria and Albert Museum, London

Tate Baby House
England, 1760
Foto: © Victoria and Albert Museum, London

The Killer House war ein Geschenk des Chirurgen John Egerton Killer aus Manchester für seine Frau und Töchter, der in den 1830er Jahren damit den vielen Damen der Familie eine Freude machen wollte. Dieses Haus ist etwas Besonderes, weil es nach dem Vorbild des Lieblingsmöbelstücks des Arztes in einen Schrank eingebaut wurde und kein Miniatur-Gebäude darstellt. Es ist im chinesischen Stil verschwenderisch mit vergoldeten Tapeten, Himmelbett und livrierten Dienern ausgestattet. Im Mittelpunkt der Geschichte dieses Hauses steht der permanente Kampf der Bediensteten um Sauberkeit und Hygiene in einer Industriestadt.

Killer Cabinet Dolls' House England, 1835-1838 Foto: © Victoria and Albert Museum, London

Killer Cabinet Dolls’ House
England, 1835-1838
Foto: © Victoria and Albert Museum, London

The Whiteladies House ist ein Entwurf der Künstlerin Moray Thomas und wurde in den 1930er Jahren im Stil der Zeit – Art Deco – angefertigt. Es entspricht der Handvoll Vorstadtvillen, die in Hampstead in dieser Zeit entstanden. Die Idee für dieses Projekt basiert auf einem deutschen Puppenhaus von 1750, das die Lebensweise dieser Zeit widerspiegelte. Im Mittelpunkt der Geschichte dieses Hauses steht der damalige Lifestyle der sehr Wohlhabenden, der en miniature wiedergegeben wird: Man feiert eine Party zwischen Cocktail Bar, Swimming Pool und Loggia.

Whiteladies House Moray Thomas England, 1935 Foto: © Victoria and Albert Museum, London

Whiteladies House
Moray Thomas
England, 1935
Foto: © Victoria and Albert Museum, London

The Hopkinson House basiert auf dem sozialen Wohnungsbau der Londoner Aussenbezirke in den 1930er Jahren und ist eine Replik eines wirklichen Hauses, in dem die Familie Hopkinson in Surrey wohnte. Das Interieur zeigt die Situation einer Familie während des Zweiten Weltkriegs. Es wurde unglaublicher Wert auf die Details gelegt: Man verharrt mit Miniatur-Gasmasken in Erwartung eines Luftangriffs, die Taschenlampe bereit, wenn der Strom ausfällt. Lebensmittelkarten, Ausweise, Zeitungen und Fotoalben entsprechen den Originalen en miniature. Die Fotos zeigen die Familie zu dieser Zeit. Jede Puppe wurde nach einem Familienmitglied modelliert. So ist das Haus eine genaue Wiedergabe dieser Epoche mit den gängigen Produkten, Lebensmitteln, Spielen und Möbeln aus der Zeit.

Hopkinson House, Detail: Schlafzimmer in den 1940ern England, 1980 -1990 Foto: © Victoria and Albert Museum, London

Hopkinson House, Detail: Schlafzimmer in den 1940ern
England, 1980 -1990
Foto: © Victoria and Albert Museum, London

Durch die vielfarbigen transluzenten Wände des Kaleidoscope House kann man die Miniatur-Nachbildungen der Möbel und Kunstwerke von Ron Arad, Cindy Sherman und Barbara Kruger sehen. Das Design stammt von Laurie Simmons und Peter Wheelwright (2001), die sich den Lebensformen im neuen Jahrtausend, wie z.B. Patchworkfamilien bewusst sind. Es ist das einzige Beispiel eines amerikanischen Hauses im Besitz des Museums, das ganz aus Plastik besteht und käuflich zu erwerben war.

Peter Wheelwright, ein Architekt aus NewYork, entwarf eine Reihe von Wohnungen für New Yorker Künstler. Laurie Simmons ist eine international bekannte Künstlerin und Fotografin, die auch Puppenhäuser in ihrer fotografischen Arbeit benutzt. Eines ihrer bekanntesten Bilder ist ein Haus auf Frauenbeinen. Der Inhaber der Spielzeugfirma Bozart, die das Puppenhaus herstellte und vertrieb, war ein früherer Kunsthändler, der Künstlern eine Chance für besseres Spielzeug geben wollte. Die Firma wurde 2004 von einer anderen übernommen.

Kaleidoscope House Laurie Simmons, Peter Wheelwright und Bozart USA, 2001 Foto: © Victoria and Albert Museum, London

Kaleidoscope House
Laurie Simmons, Peter Wheelwright und Bozart
USA, 2001
Foto: © Victoria and Albert Museum, London

Seit zwei Jahren arbeiteten die Konservatoren am Museum, um für die Ausstellung etwa 1900 Objekte zu restaurieren und zu konservieren. Weitere 20 Puppenhäuser aus der Zeit zwischen 1673 und 2014 sind in der Dauerausstellung des Hauses zu sehen.

Die Ausstellung ‘Small Stories: At home in a dolls’ house’ zeigt auf verblüffende Art seltsam vertraute Objekte, aber auch witzige kleine Begebenheiten aus autobiografischen oder fantastischen Welten. In diese kleinen Räume zu spähen und akribische Details zu entdecken ist für Kinder und Erwachsene gleichermassen faszinierend und eröffnet neue spielerische Perspektiven jenseits der eigenen Erfahrungen.

Wer sich die Puppenhäuser online näher ansehen möchte, kann dies unter diesem Link in der Datenbank des V&A tun, einfach den Namen des Hauses in die Suchbox eingeben und auf ’search’ klicken.

Zur Ausstellung ist eine Begleitpublikation erhältlich.

***

Info:

13. Dezember 2014 – 6. September 2015

Small Stories: At home in a dolls’ house

V&A Museum of Childhood
Cambridge Heath Road
London E2 9PA
England

www.museumofchildhood.org.uk

Öffnungszeiten:
Täglich: 10 – 17.45 Uhr

Geschlossen am 24., 25. und 26. Dezember und 1. Januar

Eintritt frei

Infos und Fotos vom Museum zur Verfügung gestellt – herzlichen Dank!

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Kommentare zu diesem Artikel

3 Responses

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  • Annette

    Hallo Gudrun,
    ich reise ja (bekanntlich) fast nur vom Wohnzimmersessel aus und bin daher für Deine posts immer wieder dankbar!
    Hab natürlich wieder Deinen link gegoogelt. Was ich nicht wusste: Auch in der “Neuzeit” gibt es Puppenhauser jenseits von Barbies “Welt”. Hat mich positiv überrascht 🙂
    Deiner Schwiegermutter und Euch allen wünsche ich, dass sie das Krankenhaus baldigst wieder, wenn überuapt, nur von aussen sieht!
    Liebe Grüße Annette.

  • Gudrun Heinz

    liebe regina,
    vielen dank für ihren netten kommentar! stimmt schon, ich besuche sehr gerne ausstellungen – relativ gesehen vielleicht.auch mehr, als es manch anderem möglich ist, aber längst nicht alle, über die ich hier berichte. im zeitalter des internet beruht vieles auf ‘reisen’ am heimischen schreibtisch und z.b. den presseinfos der museen … und so war ich gestern, als die puppenhaus-ausstellung in london eröffnet wurde, leider nicht auf der insel, sondern habe hier einen besuch im krankenhaus gemacht, worüber sich meine schwiegermutter sehr gefreut hat … aber ihr hätten die puppenhäuser auch spass gemacht 🙂
    einen schönen adventssonntag noch und
    beste grüsse
    gudrun

  • regina L.

    Liebe Frau Heinz, das ist eine schöner Bericht und ich wollte, ich könnte mir die gesamte Ausstellung ansehen. Ich beneide Sie fast ein wenig, weil Sie immer so tolle Ausstellungen besuchen können. Aber danke, dass Sie immer wieder an uns Daheimgebliebene denken. Viele Grüße von Regina L.

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