Kreative Artikel zum Thema Quilten

Deine Blicke fliehen

Das Staatliche Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) zeigt vom 12. März – 12. April 2015 die Ausstellung ‘Deine Blicke fliehen – Stickbilder von Victoria Martini’.

Victoria Martini setzt mit ihren gestickten textilen Bildern einen künstlerischen Kontrapunkt zu unserer hastig beschleunigten Zeit. Dabei entstehen Martinis Bilder zunächst digital am Computer. Hier werden Splitter von politischen oder sozialkritischen Themen zusammengesetzt, Themen, die aus Eindrücken einer entrückten Welt in einen neuen Kontext gestellt werden.

Victoria Martini: Selfie mit Mantel Foto: Victoria Martini

Victoria Martini: Selfie mit Mantel
Foto: Victoria Martini

Dafür wählt Martini die Stickerei, denn diese erlaube es, Brüche darzustellen. ‘Das Medium gibt durch seine liebliche und handwerkliche Prägung erst später die Sicht auf den Inhalt frei. Ich mag Widersprüche, das Klischee des Kunsthandwerklichen und das Spiel mit ihm, denn es erlaubt, Vorstellungen erneut zu reflektieren und sie aus einer anderen Perspektive zu betrachten’, führt Martini aus.

Victoria Martini: Boatpeople Foto: Victoria Martini

Victoria Martini: Boatpeople
Foto: Victoria Martini

Ereignisse, die um die Welt gehen, versucht sie zu verstofflichen und in ein Material umzusetzten, das viel Musse verlangt, denn das Sticken erfordert Zeit. Zeit um die ursprüngliche Idee auf gedanklicher Ebene zu zerlegen, zu untersuchen und zu hinterfragen, mit neuem Inhalt anzureichern.

Victoria Martini: Muse II Foto: Victoria Martini

Victoria Martini: Muse II
Foto: Victoria Martini

‘Betrachtungen werden in der Zeit des Entstehens reflektiert und die Innen- mit der Aussensicht collagiert, so dass irgendwann nicht mehr zu erkennen ist, von wem dieses Werk stammt’, beschreibt die Künstlerin ihre Vorgehensweise und fährt fort: ‘Letztlich ist es dann die Stickerei, die jedes Bild wieder zu einer Überraschung werden lässt, denn was zuvor am Computer entstand und dann mit Hilfe eines Transferverfahrens auf den Stoff übertragen wurde, um dann ausgearbeitet zu werden, ist nicht das Selbe. Ich gebe meine Vorstellung aus der Hand und sehe, was die Technik damit macht.’

Victoria Martini: Leichter Fall Foto: Victoria Martini

Victoria Martini: Leichter Fall
Foto: Victoria Martini

Anschliessend bestickt Martini jedes ihrer Bilder – ein ästhetisches Verfahren der Entschleunigung, das den Arbeiten eine künstlerisch völlig neue Qualität verleiht. So erfahren ausgewählte Bildpartien nochmals eine eigene Akzentuierung, die sich reliefartig von ihrer Umgebung abheben. Die Stickereien, die Comics ähneln, bilden zu den traditionellen Stoffen einen eigenartigen Gegensatz. Auf den ersten Blick scheinen die Bilder eine heile und friedvolle Welt darzustellen. Hinweise auf die Brisanz der Themen liefern bisweilen die Titel. Erkennt der Betrachter, was dahinter steckt, entstehen Brüche.

Victoria Martini: Coachella Foto: Victoria Martini

Victoria Martini: Coachella
Foto: Victoria Martini

tim-Museumsleiter Dr. Karl Borromäus Murr: ‘Victoria Martini gehört zu den beachtenswerten Vertreterinnen einer modernen Textilkunst. Mit ihren Stickbildern stellt sie die Wahrnehmung des Betrachters gleichsam auf die Probe. Denn in der Gegenwart des digitalen Zeitalters, das unentwegt eine zuvor nie gekannte Bilderflut produziert, entscheidet der Mensch oft im Bruchteil einer Sekunde, ob es sich lohnt, den ersten visuellen Eindruck weiter zu verfolgen. Martini experimentiert genau mit diesem ersten Blick des Betrachters, den sie zunächst auf die falsche Fährte einer idyllischen Szene oder einer vermeintlich belanglosen Ikonografie lockt.’

Victoria Martini: Sanfte Landung Foto: Victoria Martini

Victoria Martini: Sanfte Landung
Foto: Victoria Martini

Dass der flüchtige Schein trügt, erfährt derjenige, der sich auf eine tiefere Auseinandersetzung mit den Stickbildern einlässt. Denn erst auf den zweiten Blick geben diese ihre subtil inszenierten Kontraste, Brüche oder Verwerfungen preis. Auch die Bildmotive – bei Martini häufig politische oder kulturelle Themensplitter – stehen in starkem Gegensatz zu der handwerklichen Technik des Stickens.

‘Gerade die angesprochenen Brüche zeichnen die genuine künstlerische Qualität von Victoria Martinis Stickbildern aus. Diese Werke halten weit mehr als nur dem ersten Blick stand’, so Murr.

***

Info:

12. März – 12. April 2015

Deine Blicke fliehen – Stickbilder von Victoria Martini

tim | Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg
Provinostrasse 46
86153 Augsburg

www.timbayern.de

Öffnungszeiten:
Di – So: 9 – 18 Uhr
sowie Karfreitag und Ostermontag

Der Eintritt zur Foyerausstellung ist frei.

Infos und Fotos freundlicherweise vom Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg  zur Verfügung gestellt – herzlichen Dank!

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Kommentare zu diesem Artikel

7 Responses

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  • Pia René Schmitt

    Das sind ja richtig spannende Arbeiten!
    Danke für die Eindrücke
    Gruß
    Pia René Schmitt

    • Gudrun Heinz

      das finde ich auch und deswegen mussten die unbedingt hier vorgestellt werden 🙂

    • Gudrun Heinz

      … weswegen ich auch den vergleich zu den comics gezogen habe!
      vielen dank, liebe annette, für deinen cleveren hinweis!

      • Annette

        Hallo Gudrun,
        den link habe ich gerne reingestellt 🙂
        Dein Hinweis auf die comics hat bei meinem aktiven Nichtwissen leider nichts genützt. Dabei haben sich meine Eltern so viel Mühe gegeben, mir Kultur nahe zu bringen. Als Kind wurde ich ohne Ende durch Museen geschleppt. Ich persönlich fand Wanderungen mit Blümchen und Käfer bestimmen viel interessanter…
        Liebe Grüße Annette.

      • Gudrun Heinz

        … und, wärt ihr roy überhaupt begegnet? das hing ja dann auch vom geschmack deiner eltern ab, oder?
        ich find’s auf jeden fall klasse, dass sich dein interesse inzwischen auch in richtung kunst gerichtet hat 🙂

      • Annette

        Nee, eher nicht. Eher wären wir Annette von Droste-Hülshoff oder irgend welchen Verwandten von Napoleon begegnet. Von Puppen, Rittern und sonstigen leblosen Figuren ganz zu schweigen. Die Kunst, die ich in diversen Urlauben genossen habe, ist mir überhaupt nicht erinnerlich. Zur Entschuldigung meiner Eltern: Das war Ende der 50er bis, mit stark nachlassender Tendenz, Mitte/Ende der 60er voriges Jahrhundert (wie sich das anhört!) 🙂 Wir haben damals schon hier in der “Provinz” gewohnt. War also sicherlich weniger eine Frage des Geschmacks meiner Eltern als eine Frage der Erreichbarkeit mit zwei quengelnden Kindern im Auto, denen auch schon mal schlecht wurde, wenn es langweilig war 🙂
        Als ich nach dem Abi 1 Jahr in München war, bin ich lieber ins Deutsche Museum zum Experimentieren oder in den Zoo gegangen als in eine Pinakothek. Das Interesse für Kunst kam interessanter Weise erst so langsam, als ich die 30 überschritten hatte. Altersweise halt bereits da schon 🙂

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