Kreative Artikel zum Thema Quilten

Hinter dem Vorhang

In den meisten Fällen ist es ein textiles Objekt: der Vorhang. Er steht im Fokus einer sehenswerten Ausstellung, die sich ganz dem faszinierenden und zugleich spannenden Wechselspiel zwischen Zeigen und Verbergen, Verhüllen und Enthüllen mit Vorhang, Schleier oder Draperien widmet. Noch bis zum 22. Januar 2017 präsentiert das Düsseldorfer Museum Kunstpalast die von Beat Wismer, dem Generaldirektor des Hauses, und Claudia Blümle, Professorin am Institut für Kunst- und Bildgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, kuratierte Ausstellung ‘Hinter dem Vorhang. Verhüllung und Enthüllung seit der Renaissance. Von Tizian bis Christo’.

Édouard Vuillard: Le rideau jaune um 1893, Öl auf Leinwand, 34,7 x 38,7 cm Washington, National Gallery of Art, Washington, Alisa Mellon Bruce Collection, 1970.17.95 © Foto Courtesy National Gallery of Art, Washington

Édouard Vuillard: Le rideau jaune
um 1893, Öl auf Leinwand, 34,7 x 38,7 cm
Washington, National Gallery of Art, Washington, Alisa Mellon Bruce Collection, 1970.17.95
© Foto Courtesy National Gallery of Art, Washington

‘Wie präsent und, vor allem, wie bedeutungsgeladen der Akt des Ent- und Verhüllens, des Verschleierns und des Vorhanglüftens in unserer Kultur ist, zeigt nicht nur die Kunstgeschichte, sondern auch ein Blick in Gedichtbände oder Aphorismenlexika, in Songtexte, in die Welt des Theaters und nicht zuletzt in die des Kinos: Die suggestive mörderische Szene hinter dem Duschvorhang in Alfred Hitchcocks ‘Psycho’ ist hier vielleicht der Klassiker schlechthin’, meint Wismer, der sich im Philadelphia Museum of Art in einen Tizian ‘verliebte’, der zum zentralen Gemälde der Ausstellung wurde.

Am Anfang steht ein Wettstreit zweier antiker griechischer Maler, die sich in der Virtuosität der künstlerischen Augentäuschung überbieten wollten. Konnte Zeuxis allerdings nur die Tauben täuschen, die an seinen gemalten Trauben picken wollten, gelang Parrhasios die Irreführung des Konkurrenten. So wollte Zeuxis den von Parrhasios gemalten Vorhang beiseiteschieben, um das vermeintlich sich dahinter verbergende Bild betrachten zu können.

Arnold Böcklin: Trauer der Maria Magdalena an der Leiche Christi 1867, Öl auf Leinwand, 84 x 149 cm Kunstmuseum Basel, Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler

Arnold Böcklin: Trauer der Maria Magdalena an der Leiche Christi
1867, Öl auf Leinwand, 84 x 149 cm
Kunstmuseum Basel, Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler

Mit über 200 hochkarätigen Leihgaben aus internationalen Museen und Privatsammlungen – Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen, Installationen, Fotografien – spannt sich der Bogen dieser opulenten Präsentation über sechs Jahrhunderte von der Malerei der Renaissance und des Barock über die Kunst der Moderne bis hin zur Gegenwart, zur zeitgenössischen Kunst, mit Werken von beispielsweise Lucas Cranach d.Ä., Hans Holbein, Tintoretto, El Greco, Rembrandt, William Turner, Eugène Delacroix, Arnold Böcklin, Max Beckmann, René Magritte, Christo, Cindy Sherman, Neo Rauch oder Gerhard Richter.

Gerhard Richter: Schwestern 1967, Öl auf Leinwand (gerahmt unter Plexiglas), H: 65 B: 75 Kunstmuseum Bonn, Dauerleihgabe Jürgen Hall

Gerhard Richter: Schwestern
1967, Öl auf Leinwand (gerahmt unter Plexiglas), H: 65 B: 75
Kunstmuseum Bonn, Dauerleihgabe Jürgen Hall

Co-Kuratorin Claudia Blümle nannte den Schweizer Beat Wismer, der im kommenden Jahr das Museum verlässt, treffend einen ‘Bilderjäger’ – es ist wirklich ein wahrer Parforceritt durch die Kunstgeschichte.

Jean-Étienne Liotard: Liotard riant (Selbstbildnis, lachend) um 1770, Öl auf Leinwand, 84 x 74 cm Collection des Musées d’art et d’histoire de la Ville de Genève © Musée d’art et d’histoire, Genève, inv. n° 1893-0009 Foto: Bettina Jacot-Descombes

Jean-Étienne Liotard: Liotard riant (Selbstbildnis, lachend)
um 1770, Öl auf Leinwand, 84 x 74 cm
Collection des Musées d’art et d’histoire de la Ville de Genève © Musée d’art et d’histoire, Genève, inv. n° 1893-0009
Foto: Bettina Jacot-Descombes

Wismer beschäftigte sich latent schon lange mit dem Ausstellungsthema. Den Ausschlag gab für ihn jenes Tizian-Gemälde aus dem Jahr 1558, das Bildnis des Filippo Archinto, der hinter dem Vorhang sitzt, einem absolut einmaligen Bild in der Kunstgeschichte, das eine der unzähligen Funktionen des Vorhangs in der Kunst belegt: die Inszenierung der Macht – oder hier besser der Ohnmacht – ist nur eine davon. Der halb vom transparenten Vorhang verdeckte Mailänder Erzbischof war nämlich entmachtet.

Tizian: Bildnis des Filippo Archinto Öl auf Leinwand, 114,8 x 88,7 cm © Philadelphia Museum of Art: John G. Johnson Collection, 1917 Foto: Philadelphia Museum of Art

Tizian: Bildnis des Filippo Archinto
Öl auf Leinwand, 114,8 x 88,7 cm
© Philadelphia Museum of Art: John G. Johnson Collection, 1917
Foto: Philadelphia Museum of Art

‘Unser Ausstellungsprojekt verstehen wir auch als Bild-Essay zu Grundfragen der Malerei und der Kunst, aber auch zu darüber hinausgehenden Themen des Sehens, des Erkennens und der augenlustigen Neugier’, sagt Beat Wismer. Tatsächlich verändert sich der Blick, man achtet nicht mehr in erster Linie auf Maria mit dem Christuskind, sondern vielmehr auf den Faltenwurf der samtenen Draperie im Hintergrund. Der Vorhang unterstreicht hier die lntimität der innigen Mutter-Kind-Beziehung und hinterfängt die Gottesmutter wie ein Adelsprädikat.

Hans Holbein d. Ä. (um 1465 Augsburg; 1524 Basel oder Isenheim): Maria mit dem schlafenden Christuskind um 1520, Öl auf Lindenholz, 73,8 × 55,9 cm Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz Foto: Christoph Schmidt

Hans Holbein d. Ä. (um 1465 Augsburg; 1524 Basel oder Isenheim): Maria mit dem schlafenden Christuskind
um 1520, Öl auf Lindenholz, 73,8 × 55,9 cm
Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz
Foto: Christoph Schmidt

Die Virtuosität der Trompe-l’Œils in der Geschichte von Zeuxis und Parrhasios bildet den Prolog der grossen Themenschau. Die Ausstellung ist nach epochen- und gattungsübergreifenden Kapiteln aufgeteilt, die sich Aspekten wie ‘Vorhang auf’, ‘Offenbarung des Göttlichen’, ‘Macht der Inszenierung’, ‘Gewalt der Enthüllung’, ‘Faszination des Verborgenen’ sowie ‘Innen und Aussen’ widmen und …

El Greco: Die hl. Veronika mit dem Schweisstuch um 1580, Öl auf Leinwand, 96 x 91 cm Museo de Santa Cruz de Toledo. Junta de Comunidades de Castillo-La Mancha © Museo de Santa Cruz de Toledo. Junta de Comunidades de Castillo-La Mancha

El Greco: Die hl. Veronika mit dem Schweisstuch
um 1580, Öl auf Leinwand, 96 x 91 cm
Museo de Santa Cruz de Toledo. Junta de Comunidades de Castillo-La Mancha
© Museo de Santa Cruz de Toledo. Junta de Comunidades de Castillo-La Mancha

… damit auch die Funktionen des Vorhangs in der Kunst beleuchten: So weisen gemalte Bildvorhänge aus dem 16. bis 20. Jahrhundert auf dahinter verborgene Bilder hin. Vorhänge werden von Figuren beiseitegeschoben, um Blicke in Innenräume freizugeben oder um pikant-galante Szenerien zu enthüllen. Vorhänge, die einen verbotenen Blick auf die Nacktheit gewähren, wecken erotische Phantasien. Vorhänge verschleiern Gewaltakte, die sich im Verborgenen abspielen und der Bildbetrachter wird zum Augenzeugen von Szenen, die unentdeckt bleiben möchten, wie etwa die Enthauptung des Holofernes durch Judith. Der Schleier, den eine Frau trägt, kann ein Symbol ihrer Scham sein, aber auch eine bedrohende Wirkung haben: Shirin Neshats Foto von der mit einem schwarzen Tschador bedeckten Frau, die eine Pistole auf den Betrachter richtet, könnte für die aktuelle Diskussion um das Burka-Verbot stehen.

Shirin Neshat: Faceless 1994, RC-Print und Tinte, 132,1 × 80,6 cm Courtesy Gladstone Gallery, New York and Brussels

Shirin Neshat: Faceless
1994, RC-Print und Tinte, 132,1 × 80,6 cm
Courtesy Gladstone Gallery, New York and Brussels

Die Auswahl der mit Verhüllung und Enthüllung raffiniert spielenden Werke vom Ende des 16. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert endet mit Ferdinand Hodlers Darstellung ‘Die Wahrheit’ von 1903, einem grossformatigen Gemälde einer nackten Frau, die von mehreren sich unter schwarzen Tüchern verbergenden und sich von ihr abwendenden Figuren umringt wird.

Ferdinand Hodler: Die Wahrheit 1. Fassung, 1902, Öl auf Leinwand, 196 × 273 cm Kunsthaus Zürich, Schenkung der Erben A. Rütschi, 1929

Ferdinand Hodler: Die Wahrheit
1. Fassung, 1902, Öl auf Leinwand, 196 × 273 cm
Kunsthaus Zürich, Schenkung der Erben A. Rütschi, 1929

An der Schwelle zur Moderne wird die Funktion des Vorhangs als Trennung zwischen Innen- und Aussenwelt von zahlreichen Künstlern in unterschiedlichen Gattungen thematisiert. Édouard Vuillards kleinformatiges Gemälde ‘Der gelbe Vorhang’ (1893) gehört ebenso dazu wie Robert Delaunays 1910 gemalter Blick aus einem Pariser Fenster.

Robert Delaunay: La tour aux rideaux 1910, Öl auf Leinwand, 116 x 97 cm © Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf Foto: Walter Klein, Düsseldorf

Robert Delaunay: La tour aux rideaux
1910, Öl auf Leinwand, 116 x 97 cm
© Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Foto: Walter Klein, Düsseldorf

‘Von der klassischen Moderne bis zum Surrealismus erhält der Vorhang den Stellenwert eines Motivs, in dem sich die Malerei als ein Operieren zwischen Oberfläche und Raum präsentiert. Eine erneute Transformation lässt sich im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein beobachten, wenn Bildfläche und gemalter Vorhang sich annähern und fast zur Deckung kommen. Damit wird es möglich, dass der Vorhang zum ausschliesslichen Thema der Kunst wird’, erläutert Claudia Blümle und fährt fort:

‘Die Vorhänge sind nun zugezogen: Raum und Bild verschliessen sich. Auch das Spiel mit dem Betrachter verwandelt sich und die Bewegung in das Bild hinein oder aus ihm heraus ist nicht mehr gegeben. Gemalte Vorhänge, verhüllte Objekte, Schleier in Fotografien oder Stoffe in Rauminstallationen werden in der Gegenwart radikal als Oberflächen und autonom als Verhüllung vor Augen geführt. In diesem Moment, in dem der Vorhang vollständig geschlossen ist, wird er zum Bild, wie auch umgekehrt das Bild zum Vorhang.’

Im zweiten Teil der Schau werden ausschliesslich moderne Werke gezeigt, wie beispielsweise den in gelbes Tuch verpackten VW Käfer ‘Wrapped Beetle’ (1963) von Christo …

Christo: Wrapped Beetle 1963 (Objekt 2014) 1963 / 2014, Auto, Stoff, Seile 150 x 158,5 x 414 cm Im Besitz des Künstlers, © Christo 2014 Christo Foto: Wolfgang Volz

Christo: Wrapped Beetle 1963 (Objekt 2014)
1963 / 2014, Auto, Stoff, Seile 150 x 158,5 x 414 cm
Im Besitz des Künstlers, © Christo 2014
Foto: Wolfgang Volz

… jenem Künstler, der zusammen mit seiner Frau Jeanne-Claude 1995 den Reichstag in Berlin verhüllte oder in diesem Sommer mit seinem Projekt ‘The Floating Piers’ rund 1,5 Millionen Besucher an den oberitalienischen Lago d’Iseo lockte, um sie dort scheinbar über das Wasser wandeln zu lassen – zum Verbergen gehört eben, wie schon in der Kunst der Antike, auch das Täuschen.

Aino Kannisto: Aino Kannisto, Untitled (Translucent Curtain) 2002, C-Print, Aluminium, 90 x 113 cm courtesy: Galerie m Bochum © Aino Kannisto, courtesy: Galerie m Bochum

Aino Kannisto: Aino Kannisto, Untitled (Translucent Curtain)
2002, C-Print, Aluminium, 90 x 113 cm
courtesy: Galerie m Bochum © Aino Kannisto, courtesy: Galerie m Bochum

Es entwickeln sich hier verschiedene Stränge des Themas bis in die aktuelle Gegenwart, von surrealistischen Bildern bis zu den in situ für die Ausstellung entstandenen installativen Arbeiten. Künstlerinnen und Künstler nähern sich den vielfältigen Aspekten des Themas in verschiedensten Medien. Das Spektrum reicht von der klassischen figurativen wie auch ungegenständlichen Malerei, über die Objektkunst zur lnstallationskunst, von der erzählerischen wie bildkonstruierenden Fotografie bis hin zu Video- und Projektionsarbeiten.

Ähnlich wie der Vorhang – weit mehr als irgendein anderes Motiv – im Bild zwischen der Welt des Betrachters und jener des Bildes vermittelt, soll das Begleitprogramm zur Ausstellung den interessierten Besuchern weitere Bildräume und Bildschichten eröffnen.

Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter Katalog erhältlich.

***

Info:

1. Oktober 2016 – 22. Januar 2017

Hinter dem Vorhang.
Verhüllung und Enthüllung seit der Renaissance.
Von Tizian bis Christo

Museum Kunstpalast
Ehrenhof 4 – 5
40479 Düsseldorf

www.smkp.de

 

Fotos und Informationen vom  Museum Kunstpalast Düsseldorf zur Verfügung gestellt – vielen Dank!

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Kommentare zu diesem Artikel

5 Responses

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  • Annette

    Hallo Gudrun,
    herzlichen Dank für diesen interessanten Beitrag!
    Liebes Grüßle Annette.

    • Gudrun Heinz

      halli hallo annette,
      vielen dank zurück!
      ich kann es nur empfehlen: ein ausstellungsbesuch lohnt sich sehr!
      beste grüsse
      gudrun

      • Annette

        Hallo Gudrun,
        bitzele weit weg für einen kleinen Ausflug mit Hund … Deshalb bin ich ja so dankbar für Deinen Bericht!
        Liebes Grüßle!

  • Birgit Berndt

    Liebe Gudrun,
    schöner Beitrag. Unglaublich, wie vielseitig ein Vorhang als künstlerisches Element sein kann. Faszinierend, egal ob gegenständlich oder gemalt. Viel mehr als ein Alltagsgegenstand.
    Viele Grüße
    Birgit

    • Gudrun Heinz

      halli hallo birgit,
      danke schön!
      bei meinem ausstellungsbesuch hat mich die fülle bald erschlagen – das kann ich hier gar nicht so rüberbringen. und es war mir vorher auch nicht bewusst, was sich hinter diesem simpel klingenden stichwort eigentlich alles verbirgt – der wahnsinn!
      beste grüsse
      gudrun

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