Kreative Artikel zum Thema Quilten

Fashion Drive. Extreme Mode in der Kunst

Ab dem 20. April 2018 lädt das Kunsthaus Zürich zu ‘Fashion Drive. Extreme Mode in der Kunst’.

Jakob Lena Knebl: Chesterfield, 2014
Digitaldruck, Format variabel
Courtesy of Jakob Lena Knebl
Jakob Lena Knebl aus Wien hinterfragt den normativen Charakter von Kleidern, die sich auf Erwartungshaltungen rund um Gender, Alter, Herkunft und Figur drehen. Dafür verbindet die Künstlerin selbsterschaffene ‘Begehrensräume’ mit starken Selbstinszenierungen, wie hier mit Bezug auf das bürgerlich-bieder konnotierte Chesterfield-Mobiliar, wo Objektophilie und Performance zusammenfallen.

Von der Schlitzmode über die Schamkapsel zu Haute Couture und Streetwear: 200 Werke zeugen davon, wie Kunstschaffende die Modewelt über Jahrhunderte wahrgenommen, kommentiert und beeinflusst haben.

Joos van Cleve: Der Selbstmord der Lucretia, 1515–1518
Öl auf Eichenholz
47,7 x 35,3 cm
Kunsthaus Zürich, Ruzicka-Stiftung 1949
Die so genannte ‘Schlitzmode’ war im 16. Jahrhundert und bis zu ihrem Verbot 1633 gross und europaweit in Mode. Sie versinnbildlicht Wohlstand durch Verschwendung, da man durch den geschlitzten oder zerrissenen Stoff eine zusätzliche Schicht emporschwellen lassen musste. Die Mode wurde sogar in biblische, zeitlich entrückte Darstellungen wie diese hier aufgenommen – ein Anachronismus.

Die Ausstellung reicht von malerischen und plastischen Erscheinungen der Renaissance bis in die Gegenwart. Sie umfasst Gemälde, Skulpturen, Installationen, Grafiken und Aquarelle, Fotografien, Filme, Kostüme und Rüstungen von rund 60 Künstlerinnen und Künstlern.

Hans Asper: Herrenporträt Wilhelm Frölich
Ganzfiguriges Bildnis mit Wappen und Oberwappen der Familie Frölich, 1549
Öl und Tempera auf Holz, 213 x 111 cm
Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich
Sicherlich gehörten eine Rüstung, Beinkleider mit Schamkapsel und Strümpfe von so kühner (und wertvoller) Farbe nicht zur gewöhnlichen Kleidung an einem Ort wie Solothurn in nachreformatorischer Zeit. Die Schamkapsel auf Höhe des männlichen Geschlechtsteils war eine bemerkenswerte, europaweite Mode zur Hervorhebung männlicher Virilität und Potenz, die mit Henry VIII (1491–1547) ihren Höhepunkt fand.

Unter den von den Kuratoren Cathérine Hug und Christoph Becker zusammengestellten Leihgaben sind wahre ‘Hingucker’, wie ein Faltenrockharnisch (um 1526), den die Schweiz noch nicht gesehen hat.

Faltenrockharnisch, um 1526
Wohl im Besitz von Albrecht, Markgraf von Brandenburg, Herzog von Preussen
Blankes Eisen, teilweise geätzt: mit schwarzen Farbfüllungen, Leder
Kunsthistorisches Museum Wien, Hofjagd- und Rüstkammer
Dieser Faltenrockharnisch aus ziseliertem und poliertem Eisen wurde von einem norddeutschen Plattnermeister nach einem Innsbrucker Vorbild für Albrecht von Brandenburg (1490–1545), dem Hochmeister des Deutschen Ritterordens, gefertigt. Man nimmt an, dass Albrecht den klappernden Faltenrock wahrscheinlich an seiner Hochzeit mit Dorothea von Dänemark (1504–1547) trug, es sich also um einen Zierharnisch gehandelt haben muss. Mit seinem ‘Cross Dressing’-Charakter wirkt er auch heute mehr denn je aktuell.

Auch Werke der English School haben ihr Heimatland erstmals verlassen oder sind, wie das Gemälde von Robert Peake, das die ‘Gentlewoman of the Privy Chamber to Queen Elizabeth I’ (um 1600) in kostbar besticktem Seidenkleid zeigt, aus Privatsammlungen aufgetaucht.

Robert Peake und Werkstatt: Catherine Carey, Countess of Nottingham, um 1597
Öl auf Leinwand, 198,1 x 137,2 cm
Privatsammlung, Courtesy of The Weiss Gallery, London
Catherine Carey war die ‘Gentlewoman of the Privy Chamber to Queen Elizabeth I’ und damit eine der einflussreichsten Personen in der Entourage der Monarchin. Dieses Porträt gehört zu den technisch anspruchsvollsten und thematisch reichsten Darstellungen eines Kleides aus jener Zeit. Da Carey auch ‘mistress of the robes’ war, kann gut sein, dass dieses kostbare Seidenkleid ursprünglich Elizabeth I gehörte. Heute weiss man vom ‘Stowe Inventory’ (1600, British Library), dass Elizabeth I rund 1200 einzelne Bekleidungsstücke gehört haben.

Die Ausstellung berücksichtigt die Darstellung von Herren- und Damenmoden gleichermassen. Und sie ist durchaus kritisch. Karikaturen aus der Lipperheideschen Kostümbibliothek in Berlin nehmen die Fashionistas und Designer des 19. Jahrhunderts aufs Korn. Und wenn Jakob Lena Knebl (*1970) Skulpturen von Maillol und Rodin einkleidet, die sonst souverän ihre Nacktheit zur Schau tragen, geht es der ‘hohen Kunst’ an den Kragen. Die Künstler und das Publikum sind sich der zwei Seiten der Mode – besser, des Modetriebs – bewusst. Inspiration, Innovation und Selbstermächtigung des Individuums einerseits stehen Ausgrenzungstendenzen und Ressourcenverschleiss gegenüber. In der Zusammenstellung der Werke verfolgt das Kunsthaus diesen differenzierten Ansatz.

William Larkin: Portrait of Diana Cecil, later Countess of Oxford, circa 1614−1618
Öl auf Leinwand, 206 x 120 cm
Suffolk Collection, Kenwood House
Dieses spektakuläre Porträt ist ein aussergewöhnliches Beispiel der Schlitzmode, die im 15. und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in ganz Europa grossen Anklang fand. Sie bildet einen thematischen Schwerpunkt in der Ausstellung.

Den Auftakt der Schau machen prächtige Gemälde aus dem 16. Jahrhundert. Schlitzmode und Schamkapsel galten in der Renaissance als der letzte Schrei – dabei finden wir die Anziehungskraft zerrissener Kleider, die auf jene Zeit zurückgeht, bis heute wieder. Im darauf folgenden Barock stritten die Halskrause und das Dekolleté miteinander. Als Zeichen der Aufklärung und der Loslösung von religiösen und standesbedingten Zwängen sind sie in Porträts von intro- und extrovertierten Persönlichkeiten dieser Zeit präsent. Monarchen wie Elizabeth I und Louis XIV gehörten dabei zu den frühsten Herrschern mit Weltruhm, die ihre Macht auch systematisch über ihre Garderobe inszenierten und festigten. In ganz Europa fanden sie Nachahmer, auch in der Schweiz.

Elisabeth Louise Vigée Lebrun: Marie-Antoinette en Chemise, 1783
Öl auf Leinwand, 89,8 × 72 cm
Hessische Hausstiftung, Kronberg
Dieses Gemälde von Elisabeth Louise Vigée Lebrun gehört zu den wichtigsten und letzten höfischen Darstellungen vor dem – auch vestimentären – Epochenbruch der Französischen Revolution. In diesem skandalumwitterten Bild hat es die Königin der Franzosen gegen die höfische Etikette und lässt sich unter ihrem Stand darstellen. Wir begegnen Marie-Antoinette hier in einem einfachen, blickdurchlässigen Baumwollhemd in Anmutung an die Mode ländlich-bäuerlicher Idealisierung des Hirtenlebens. Ein doppelter Skandal: Die damals erfolgreiche Malerin Vigée Lebrun präsentierte das Gemälde am vielbeachteten Salon, von dem Künstlerinnen praktisch ausgeschlossen waren.

Dass Mode und Design zu einem hedonistischen Lebensstil verschmelzen, der andere ausschliesst, erfährt der Betrachter im Kapitel vom Rokoko zur Französischen Revolution. Damals bereits ist nachweisbar, dass Künstler die Mode inspirieren: Die eigenwillige Falte an der hinteren Schulterpartie ist nach dem Maler Antoine Watteau benannt. Augenfällig illustriert werden diese Neuerungen und Extreme anhand der Gemälde von Marie-Antoinette, der ‘Merveilleuses’ (die Wunderbaren) und ihren männlichen Pendants, der ‘Incroyables’ (die Unglaublichen).

Unbekannter Künstler: Départ des Amateurs de L’île St. Ouen, um 1805
Radierung, mit Wasserfarbe handkoloriert, 21,2 x 26,2 cm (Platte); 24,3 x 30,5 cm (Blatt)
Staatliche Museen zu Berlin – Kunstbibliothek
Mit der französischen Revolution und der Erklärung der Menschenrechte ging auch das Recht auf selbstbestimmte Bekleidung einher. Nach der jakobinischen Terrorherrschaft kamen die nach Koblenz geflüchteten Aristokraten wieder nach Paris zurück. Sie pflegten einen extravaganten Kleidungsstil, der damals bei den Damen zur Bezeichnung ‘Merveilleuses’ (die Wunderbaren) und bei den Männern zu ‘Incroyables’ (die Unglaublichen) führte.

Das Erste Kaiserreich und der Wiener Kongress bringen eine Rückbesinnung auf antike Werte hervor. In den Darstellungen dieser Zeit erkennt man neben den Militär- nun auch Dienstuniformen. Einflussreiche Salondamen wie Juliette Récamier lassen sich porträtieren und inspirierten ihre Umgebung nicht nur zu neuen Möbeln, sondern auch zu neo-klassizistischen Auftritten. Trotz Napoleons Fall: Noch bestimmen die Pariser, was Mode ist. Diese Ausstellung wirft jedoch ein neues Licht auf die Bedeutung des Wiener Kongresses (1814–15) zur Neuordnung Europas. Erstmals reisten einflussreiche Herrscher gemeinsam mit ihren Gattinnen an. Es wurde verhandelt, aber noch mehr gefeiert, was eine entsprechende Garderobe verlangte und eine emsige lokale Produktion hervorrief. Formen und Techniken dieser Schneiderkunst sind in Märtyrer-Darstellungen ebenso auffindbar wie in Siegerposen.

Honoré Daumier : De l’utilité de la crinoline pour frauder l’octroi.
Vom Nutzen des Reifrocks, um den Zoll zu betrügen.
In: Le Charivari, 19.06.1857
Lithographie, 26,7 x 20,8 cm
Kunsthaus Zürich
Obwohl die französische Revolution Gleichberechtigung in die Bekleidung brachte, war die Trennung zwischen Frauen- und Männerbekleidung gesetzlich festgeschrieben. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter der Herrschaft von Napoleon III war die Mode wieder konservativer und der bereits tot geglaubte Reifrock kam wieder in Mode – ganz zum Gespött mancher Gesellschaftsbeobachter, die darin neben der Einengung des Frauenkörpers durchaus ‘Vorteile’ sahen.

Der Besucher kann sich auf ein nuancenreiches Spiel einlassen. Findet er die Details, die in der akademischen Malerei einen Gentleman vom Dandy unterscheiden?

Giovanni Boldini: Le Comte Robert de Montesquiou (1855–1921), 1897
Öl auf Leinwand, 116 x 82,5 cm
Musée d’Orsay, Paris
Foto © RMN-Grand Palais (Musée d’Orsay)/Hervé Lewandowski
Keine Geschichte der Mode ohne Geschichte der Dandys, unter denen George Brummell (1778–1840) und der hier dargestellte Robert de Montesquiou (1855–1921) zu den wichtigsten Vertretern gehören. Zu ihrer Zeit wurde deren Geschmack als subversiv betrachtet, dabei haben sie massgeblich zur schlichten und zurückhaltenden Eleganz mit der Liebe zum edlen Detail der Männermode beigetragen.

Galten diese männlichen Typen als modern, erstaunt es umso mehr, dass die Damen zur selben Zeit wieder den Reifrock angelegt bekamen. Künstler reagierten darauf fassungslos bis amüsiert, wie man an Werken von Édouard Manet …

Édouard Manet: Jeanne Duval, la Maîtresse de Baudelaire (La Dame à l’éventail), 1862
Öl auf Leinwand, 113 x 90 cm
Museum of Fine Arts, Budapest
In der Zeit des Second Empire unter der Herrschaft Napoleon III war der bereits tot geglaubte Reifrock (die Krinoline) wieder gross in Mode. Édouard Manet bringt in seinem Gemälde offensichtlich die höchst umständlichen Charakteristiken dieses Kleidungsstückes zur Geltung. Kess lässt die Porträtierte unter dem Kleiderberg ihren Fuss zum Vorschein bringen.

… Félix Vallotton, Contessa di Castiglione und heute John Baldessari unschwer erkennen kann. Ihre Darstellungen kippen ins Genre der Karikatur.

John Baldessari: Double Bill: … And Manet, 2012
Lackierter Inkjet-Druck auf Leinwand mit Acryl- und Ölfarbe, 152,4 x 152,4 cm
Courtesy of the artist and Marian Goodman Gallery, New York
© John Baldessari
Baldessaris Antwort auf Manets ikonisches Gemälde, im oberen Bildbereich jedoch durch ein grosses Passagierdampfschiff ergänzt, dessen technologisch fortschrittlicher Vormarsch ab den 1850er Jahren auf dieselbe Zeit wie die rückwärtsgewandte Krinoline-Mode fällt.

Konsequenterweise kam es Anfang des 20. Jahrhunderts zur Befreiung des Körpers. Mode erhielt eine breitere Öffentlichkeit, wurde erschwinglich und über Kaufhäuser verbreitet. Progressive Künstlerinnen und Künstler wie Gustav Klimt und Emilie Flöge, Henry van de Velde und die Futuristen Giacomo Balla und Filippo Marinetti entwerfen Kleider.

Giacomo Balla: Bozetto per vestito da uomo, 1914
Aquarell auf Papier, 29 x 21 cm
Fondazione Biagiotti Cigna, © 2018 ProLitteris, Zürich
In einem Manifest zur futurischen Herrenbekleidung plädierten Filippo Marinetti und Giacomo Balla 1914 für den Tod dunkler, symmetrischer und kleinkarierter Mode, um dem tristen Anschein der Strassenmassen etwas entgegenzusetzen. Balla schuf noch im selben Jahr entsprechende Kleiderentwürfe dafür.

Dadaisten definierten, wie sie es bereits mit der Sprache versuchten, den Zweck der Bekleidung neu.

Max Ernst: Au dessus des nuages marche la minuit. Au dessus de la minuit plane l’oiseau invisible du jour. Un peu plus haut que l’oiseau l’éther pousse et les murs et les toits flottent, 1920
Fotografische Vergrösserung nach der gleichnamigen Fotomontage, 53 x 55 cm
Kunsthaus Zürich, © 2018 ProLitteris, Zürich
Der damalige Dadaist und spätere Surrealist Max Ernst war wie viele seiner Kollegen vom gesellschaftlichen Potenzial der Mode fasziniert – ganz im Sinne dessen, dass der Mensch das ist, was er trägt. So veröffentlichte er ein Jahr vor dieser Fotomontage die provokative, schematische Modestudie Fiat modes, pereat ars (‘Es lebe die Mode, nieder mit der Kunst’), lange bevor sich die Mode mit Designern wie Jean-Paul Gaultier und Karl Lagerfeld zur Kunst deklarierte.

Kunst- und Modefotografie nähern sich an (Man Ray) und russische wie französische Avantgardistinnen (Natalia Gontscharowa, Sonia Delaunay) reagieren mit eigenen Entwürfen. Das Ornament ist in Mode und wird eingewebt oder gedruckt – in Bildfindungen des Jugendstils ebenso wie in die Kleidung.

Tamara de Lempicka: Kizette en rose, 1927
Öl auf Leinwand, 116 x 73 x 1,3 cm
Nantes, musée d’Arts, Achat à l’artiste en 1928
Foto © RMN-Grand Palais / Gérard Blot
© Tamara Art Heritage / 2018 ProLitteris, Zürich
Die 1920er Jahre sind europaweit voller Aufbrüche gekennzeichnet, die sich in der Mode widerspiegeln: Nachdem sich mit der schrittweisen Einführung des Frauenwahlrechts die politische Landschaft grundlegend zu verändern begann, wurden Frauen auch modetechnisch selbstbewusster, wie die Kürze von Haar und Rock hier zeigen. Dabei spielte die Ausübung von Sport eine wichtige Rolle und so wurde der Sport-Look durch Modeschöpfer wie Elsa Schiaparelli salonfähig. Mit dem Primat des gesunderen Körpers wurde gleichzeitig jenes der Jugend immer wichtiger und ist bis heute vorherrschend.

Seither ist die anfangs idealistisch gemeinte Verbindung von Kunst und Mode auch kommerziell noch gewachsen. Der Personenkult verbindet Modemacher mit den Künstlern der Pop Art. Beide setzen auf Ikonen, nutzen laute, plakative Symbole und Slogans, wie die Werke von James Rosenquist, Andy Warhol und Franz Gertsch bezeugen. Die Jugend- und Subkulturen werden für Künstler wie Modemacher gleichermassen inspirierend. Mode wird ganz handfest künstlerisches Material.

Steve Schapiro: Porträt von James Rosenquist, gekleidet in einem Papieranzug, New York, 1966
Schwarzweissfotografie
Courtesy James Rosenquist Studio / Steve Schapiro, © Steve Schapiro
Praktisch zur selben Zeit interessierten sich die Surrealistin Meret Oppenheim in Europa und der Pop Art-Maler James Rosenquist in Amerika für die Eigenschaften des Papiers als tragbares Material. Papierbekleidung war für die Modeindustrie eine Provokation, liess aber der Fantasie der Künstler freien Lauf im Sinne eines erweiterten Kunstbegriffs.

Von der Haute Couture über das Prêt-à-porter zu Fast Fashion: In ihrem letzten Kapitel spannt die Ausstellung einen Bogen bis zur Nachhaltigkeit und zu posthumanen Visionen. Künstlichkeit, die (De-) konstruktion des Körpers und eine Kritik am Markenkult markieren die künstlerische Produktion im 21. Jahrhundert.

Peter Lindbergh: Linda Evangelista, Christy Turlington & Naomi Campbell, Brooklyn, 1990
Ausstellungsabzug, Hahnemuhle Photo Rag® Baryta 315 gr, 60 x 50 cm
Courtesy Peter Lindbergh, Paris, © Peter Lindbergh
Die Modefotografie hat wesentlich zur Etablierung des Topmodels – vorher namentlich unbekannt – in den 1980er und 1990er Jahren beigetragen, Peter Lindbergh war eine Schlüsselfigur in diesem Prozess. Diese spezielle Aufnahme ist auch darum besonders interessant, weil sie Frauen von ethnisch unterschiedlichen Hintergründen in ungewohnt bunten Männeranzügen mit maskulinen Frisuren und Posen widergibt: Ein gleich in mehrerer Hinsicht visionärer Tabubruch.

Seit Michelangelo Pistoletto leistet eine junge Generation mit Installationen, Performances und Videos Widerstand für ein ethisch, ökologisch und politisch korrektes Verhalten.

Michelangelo Pistoletto: Metamorfosi, 1976–2017
Spiegel, Lumpen
Installationsansicht Abu Dhabi Art Fair, 2013
Galleria Continua, © Michelangelo Pistoletto
Diese Arbeit macht unseren Umgang mit Kleidern deutlich: Obwohl Öko-Bewegungen bereits in den 1970er Jahren vor den humanitären und ökologischen Folgen der Modeindustrie warnten, hat die kapitalistische ‘Fast Fashion’-Logik der Modekonzerne sich zu einem katastrophalen Ausmass weiterentwickelt. Die Botschaft Pistolettos ist die einer ganzen Künstlergeneration: Es muss fair und nach nachhaltigen Kriterien produziert und weniger konsumiert werden.

Das Kunsthaus Zürich verfolgt hier das Ziel, mehrere Jahrhunderte Kunst-, Mode- und Sozialgeschichte vernetzt reflektierbar und sinnlich erlebbar zu machen.

Wolfgang Tillmans: Christos, 1992
Aus der Installation Im Kunstlicht, 1997
Farbfotografie, 60,8 x 50,7 cm
Kunsthaus Zürich
© Wolfgang Tillmans
In der Nachkriegszeit und besonders mit dem Siegeszug der Jugendbewegungen wie Hippies, Punks, Grunge, New Wave oder auch Hip-Hop sind die Subkulturen der Jugend zur ausschlaggebenden Antriebskraft für neue Modeströmungen geworden. Mode wird inzwischen nicht mehr einfach von einem einzelnen Modeschöpfer diktiert, sondern holt sich ihre Inspiration unter anderem direkt von der Strasse, aus Blogs und von ‘gewöhnlichen’ Menschen.

Werke vergangener Epochen sind überraschend frisch inszeniert. Ihre ursprüngliche Bedeutung wird im aktuellen Kontext neu erfahrbar.

Mai-Thu Perret: Flow My Tears I, 2011
Mannequin mit Glaskopf, Kopie von Elsa Schiaparellis Skelett-Kleid nach einem Entwurf von Salvador Dalí, 1938, hergestellt von Naoyuki Yoneto, 175 x 70 x 70 cm
Courtesy the artist and Galerie Francesca Pia, Zürich
© Mai-Thu Perret
Diese Plastik vereint Modedesign, Kunstgeschichte und die aktuelle Auseinandersetzung mit ihnen. Die Schweizer Konzeptkünstlerin Mai-Thu Perret erweist damit der genialen Zusammenarbeit zwischen Elsa Schiaparelli und Salvador Dalí die Ehre, denen kurz vor Kriegsbeginn dieses revolutionäre Abendkleid als Vorahnung einer düsteren Zeit gelungen ist. Diese Zusammenarbeit zwischen einer Modedesignerin und einem Künstler gehört zu den frühsten erfolgreichen Beispielen ihrer Art.

Schön, humorvoll, lehrreich ist der auf 1000 Quadratmetern und im Rahmen der Festspiele Zürich angelegte Parcours, der von einer Publikation und Veranstaltungen gesäumt wird. Ein Catwalk mit Schlaglöchern!

Sylvie Fleury: Mondrian Dress Rack, 1993/2016 (Detail)
3 Mondrian-Kleider, 1 Kleiderständer, 3 Kleiderbügel, Masse variabel
Courtesy Karma International, Zürich und Los Angeles
© Sylvie Fleury
Fleury macht hier das Thema der Aneignung und Kopie, die in der Modewelt schon früh weite Verbreitung fand, zum Thema. Das sogenannte Mondrian-Kleid wurde erstmals 1965 von Yves Saint Laurent entworfen, und war durchaus als Hommage an den berühmten De Stijl-Künstler Piet Mondrian gedacht, der bereits ab 1920 in seinem unverkennbaren, heute weltberühmten, aber damals wenig lukrativen Stil malte.

Mit Werken von rund 60 Künstlern – darunter sind bekannte wie erst noch zu entdeckende – ist die Ausstellung eine logistische Meisterleistung. Ausgestellt werden Arbeiten von Hans Asper, Charles Atlas und Leigh Bowery, Hugo Ball, Giacomo Balla, John Baldessari, Joseph Beuys, Erwin Blumenfeld, Giovanni Boldini, Pierre Bonnard, Elisabeth Louise Vigée Lebrun, Daniele Buetti, Paul Camenisch, Contessa di Castiglione und Pierre-Louis Pierson, Joos van Cleve, Isaac George Cruikshank, Salvador Dalí, Honoré Daumier, Albrecht Dürer, Nik Emch, Esther Eppstein, Max Ernst, Hans-Peter Feldmann, Sylvie Fleury, Emilie Flöge & Gustav Klimt, Heinrich Füssli, Franz Gertsch, James Gillray, Natalia Gontscharowa, Jacques Grasset de Saint-Sauveur, George Grosz, Richard Hamilton, Hannah Höch, Johann Nepomuk Höchle, Beat Huber, Jean Baptiste Isabey, Tobias Kaspar, Franz Krüger, William Larkin, Tamara de Lempicka, Les Frères Lumière, K8 Hardy, Jakob Lena Knebl, Herlinde Koelbl, Jirí Kovanda und Eva Kotátková, Inez van Lamsweerde & Vinoodh Matadin, Peter Lindbergh, Nicolaes Maes, Édouard Manet, Manon, Malcom McLaren & Vivienne Westwood, Anna Muthesius, Meret Oppenheim, Robert Peake, Mai-Thu Perret, Suzanne Perrottet, Michelangelo Pistoletto, Charles Ray, Man Ray, Hyacinthe Rigaud, James Rosenquist, Tula Roy und Christoph Wirsing, Ashley Hans Scheirl, Michael E. Smith, Karl Stauffer-Bern, Elsa Schiaparelli, Wolfgang Tillmans, James Tissot, Félix Vallotton, Carle Vernet, Madeleine Vionnet, Édouard Vuillard, Andy Warhol, Jan Weenix, Mary Wigman, Charles Frederick Worth, Erwin Wurm, Andreas Züst. Die Leihgaben stammen aus europäischen öffentlichen und privaten Sammlungen sowie aus New York.

Sylvie Fleury: Untitled, 2016 (Valentino Muster grün)
Acryl auf Leinwand, 125 x 125 x 10 cm
Karma International Zurich, Los Angeles and Mehdi Chouakri Berlin
© Sylvie Fleury
Die Faszination der hypnotisierenden Kraft von Stoffmustern, die mit der industriellen Herstellung von bedruckten Baumwollstoffen ab den 1850er Jahren einsetzte, hält in der Kunst bis heute an, und wird bei Sylvie Fleury durch die Dekontextualisierung eines Valentino-Patterns in diesem gemalten Tondo aufgegriffen.

Der Katalog ‘Fashion Drive. Extreme Mode in der Kunst’ (Verlag Kerber, Bielefeld) ist zum Ausstellungsbeginn am Kunsthaus-Shop erhältlich. Das neue Standardwerk umfasst 300 Seiten, mehrere hundert Abbildungen und Beiträge von Christoph Becker, Sonja Eismann, Nora Gomringer, Cathérine Hug, Janine Jakob, Elfriede Jelinek, Inessa Kouteinikova, Monika Kurzel, Peter McNeal, Aileen Ribeiro, Franz Schuh, Werner Telesko, Katharina Tietze, Barbara Vinken und Peter Zitzlsperger.

Nähere Informationen zum umfangreichen Rahmenprogramm sind auf der Website zu finden.

***

Info:

20. April – 15. Juli 2018

Fashion Drive. Extreme Mode in der Kunst

Kunsthaus Zürich
Heimplatz 1
8001 Zürich
Schweiz

www.kunsthaus.ch

 

Fotos und Informationen freundlicherweise vom Kunsthaus Zürich zur Verfügung gestellt – vielen Dank!

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Kommentare zu diesem Artikel

4 Responses

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  • Birgit Berndt

    Hallo Gudrun,
    da sieht man mal wieder, welche Bandbreite die Mode abdeckt und in den vergangenen Jahrhunderten abgedeckt hat. Interessant aufbereitet wie immer. Danke.
    Viele Grüße
    Birgit

    • Gudrun Heinz

      halli hallo birgit,
      stimmt genau! lieben dank für deinen freundlichen kommentar. es wird bestimmt eine super ausstellung im kunsthaus zürich, die man nicht verpassen sollte.
      beste grüsse
      gudrun

  • stoffmadame

    Oh das ist ja wieder sehr inspirierend, liebe Gudrun! Vielen Dank für den schönen Artikel!
    stoffmadame

    • Gudrun Heinz

      halli hallo stoffmadame,
      1000 dank zurück! ich finde, mode ist doch immer spannend, egal aus welcher perspektive gesehen: was sich die couturiers einfallen lassen und per zeichnung zu papier bringen, was die stoffhersteller liefern, was fotografen draus machen, wenn man an schaufenstern entlangbummelt, wie sich künstler oder auch hobbyschneider inspirieren lassen – es gibt so viel zu diesem thema, unglaublich!
      beste grüsse
      gudrun

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