Kreative Artikel zum Thema Quilten

Formen der Natur ː Pure Nature Art ¬ + Maximilian Prüfer: VIEH

Noch bis zum 3. Juni 2018 präsentiert das Museum Villa Rot ‘Formen der Natur ː Pure Nature Art’ – eine Gemeinschaftsausstellung von zehn Kunstschaffenden – und parallel dazu …

Plakat

… in seiner Kunsthalle die Einzelausstellung ‘VIEH’ mit Werken von Maximilian Prüfer, was ich hier bereits angekündigt hatte.

Ausstellungsansicht Raum 3

Etymologisch betrachtet sind die Begriffe ‘Natur’ und ‘Kultur’ ein Gegensatzpaar. Natur bezeichnet wildes, menschenunabhängiges Wachstum, zufällige und scheinbar nicht planbare Bewegungen innerhalb der Welt. Kultur, wozu die bildende Kunst zählt, ist hingegen das Ergebnis menschlicher Anstrengungen, der Versuch, das Chaos zu bündeln, zu strukturieren und begreifbar zu machen.

Charlotte Vögele: Zea Mais, 2017
Kleid aus Hüllblättern der Maiskolben
Charlotte Vögele befasst sich in ihren Werken mit dem Gebrauchswert realer Gegenstände. Hierzu zählen auch Bekleidungsstücke wie Schuhe, Mäntel oder Kleider. Indem die Künstlerin für die Produktion dieser alltäglichen Objekte jedoch Naturmaterialien nutzt, stellt sie zum einen die Tragbarkeit ihrer Kreationen in Frage, zum anderen schärft sie damit auch unseren Blick für Beiläufiges. Bei den beiden Stücken aus Birkenrinde ist die Fragilität des Materials deutlich sichtbar, wodurch sie sich der menschlichen Nutzung als Kleid im Grunde widersetzen und nur als ästhetisches Werk verbleiben.

Die Überzeugung einer Unvereinbarkeit von Natur und Kultur ist allerdings ein Phänomen der westlichen Neuzeit, der Vorstellungen von früheren Gesellschaften und einiger aussereuropäischer Kulturkreise entgegenstehen und die …

Charlotte Vögele: Betula III, 2013
Kleid, zweiteilig
Birkenrinde

… in den letzten Jahrzehnten deutlich ins Wanken geraten ist: Artensterben, Umweltkatastrophen und Ressourcenerschöpfung zeigen den Einfluss menschlichen Tuns auf die Erde und verdeutlichen, dass jeder menschliche Eingriff ins Ökosystem dieses gefährdet.

Björn Drenkwitz: Ikebana WW2, 2015
Diasec 80 × 80 cm
Courtesy: Galerie Heike Strelow & Künstler
Björn Drenkwitz’ Arbeit ist eine singuläre Position innerhalb des Ausstellungsrundgangs. Blumen und Pflanzen dienen ihm in den ausgestellten Arbeiten als Mittel zur Kommentierung von Politik, Geschichte und Ökonomie. Die Arbeit ‘Nationalblumen’ besteht aus rund 50 verschiedenen Pflanzen in einem 60 cm breiten Topf. Jede Pflanze steht stellvertretend für ein europäisches Land oder einen Staat auf europäischem Territorium. Drenkwitz orientierte sich hierbei jeweils an den offiziell von der jeweiligen Regierung benannten Nationalblumen. Es ist interessant zu hinterfragen, welche inneren und äusseren Faktoren, etwa Geschichte, Selbstverständnis, Klima oder Geografie, die Wahl der jeweiligen Symbolpflanze erklären. Zum anderen ist es jedoch auch spannend, warum so etwas Unpolitisches und Harmloses wie eine Blume zur Eigenidentifikation und Abgrenzung zu anderen Ländern dient. Schliesslich halten sich Pflanzen nicht an offizielle Ländergrenzen, sondern wachsen auch darüber hinaus.
Eine konkretere Ausarbeitung dieser Idee findet sich in den beiden Fotoarbeiten ‘Ikebana WW1’ und ‘Ikebana WW2’. Ikebana ist die japanische Kunst des Blumenarrangierens. IKE bedeutet ‘Leben’ und BANA ‘Blüte’. WW1 und WW2 (in den Titeln) stehen für den Ersten und Zweiten Weltkrieg. Die abgebildeten Blumen sind die jeweiligen Nationalblumen der an den Kriegen beteiligten Mächte, die Drenkwitz nach japanischen Ikebana-Prinzipien in historische Henkelmänner steckte.

Auch der Blick bildender Künstlerinnen und Künstler auf die Natur hat sich stark gewandelt. Die mannigfaltigen Erscheinungsformen organischer Prozesse sind faszinierend und bieten …

Werner Henkel: o.T., 2016
80 x 150 cm
Bananen- und Orangenschalen, Acryl auf Papier
Werner Henkel: o.T., 2016
80 x 150 cm
Bananen- und Orangenschalen, versch. Erden auf Papier
Werner Henkel begibt sich auf die Suche nach den Formen und Sprachen der Natur. Er spürt ihren Zeichnungen und Erscheinungsformen nach und macht sie den Betrachterinnen und Betrachtern durch seine künstlerische Interpretation deutlich.

… eine facettenreiche Inspirationsquelle. Von den Maserungen kleiner Kieselsteine …

Werner Henkel: Erdgedächtnis/Archiv der Zeichen, 2001
Steine, Grafitzeichnung, Acetathüllen
Für seine Arbeit ‘Erdgedächtnis/Archiv der Zeichen’ sammelte er beispielsweise Steine mit feinen Lineaturen. Mit Grafitstift übertrug Henkel die Muster der hellen Sedimentschichten und schuf so eine Art Alphabet der Steine. Dieses Alphabet erinnert an Sprachen, die wir nicht sprechen, deren Inhalte wir also nicht decodieren, sondern lediglich erahnen können.

… über zart verzweigte Pflanzenstängel bis hin zu schweren Baumrinden – der Reichtum an …

Werner Henkel: o.T., 2017
Bananen- und Orangenschalen, getrocknet
19 x 19 x 6 cm
Courtesy: Künstler

… Formen und Farben scheint unendlich und zudem haben sich heutzutage organische Materialien als Werkstoffe etabliert.

Werner Henkel: o.T., 2017
Bananen- und Orangenschalen, getrocknet
19 x 19 x 6 cm
Courtesy: Künstler

Die Beteiligten an dieser Gemeinschaftsausstellung bedienen sich aus dem schier unendlichen Fundus natürlicher Erscheinungen: Vom Samen über geschliffene Sepiaschalen bis zu schweren Baumrinden visualisieren sie nicht nur den ästhetischen Reiz scheinbar wertloser Materialien, sondern diskutieren damit auch aktuelle Themen, was in rund 50 Arbeiten höchst individuell zum Ausdruck kommt. Der Umgang mit Natur in all ihren Erscheinungen stellt nicht nur ein interessantes Feld des aktuellen Kunstgeschehens dar, sondern auch eines, das wissenschaftlich und ethisch derzeit stark debattiert wird.

Regine Ramseier: Laubläufer, 2016/18
Laub und Pflanzenrispen
Auch bei Regine Ramseier finden wir ein künstlerisches Interesse daran, Materialien aus dem Naturkreislauf herauszulösen. Das kreative Potenzial vermeintlich wertloser Materialien, das sie in der Natur findet, inspiriert sie zu vielgestaltigen Werken im Innen- und Aussenraum. Die Werke aus Wurzeln, Blättern oder Samen besitzen dabei mitunter selbst nur eine begrenzte Haltbarkeitsdauer, da einige ihrer Arbeiten nur für den einmaligen Einsatz im Museum konzipiert sind und danach entsorgt werden. Für ihre ‘Laubläufer’ sammelte sie Samenkapseln des Blasenstrauchs, Blätter und Rispen, die sie in kleinteiliger Arbeit in insektenähnliche Gebilde verwandelte. Diese humorvolle Installation lässt die abgestorbenen Pflanzenteile einen Moment lang wie lebendige Wesen erscheinen. Für die Künstlerin besitzt jedes einen eigenen Charakter und ein individuelles Wesen.

Unter dem Titel ‘Pure Nature Art: Naturmaterialien in der zeitgenössischen Kunst’ hatte diese Ausstellung eine erste Station im Museum Kunst der Westküste auf der Insel Föhr.


Regine Ramseier: Laubläufer, 2016/18
Laub und Pflanzenrispen

Im Museum Villa Rot wurde die Werkschau durch Werke von sieben weiteren zeitgenössischen Kunstschaffenden sowie ergänzende Fragestellungen erweitert.

Christiane Löhr: Kleines Gebirge, 2015
Efeusamen, 9,5 x 19 x 19 cm
Courtesy: Künstlerin
Foto: Serge Hasenböhler
Christiane Löhrs Werk kreist um die Ausdrucksmöglichkeiten von natürlichen Strukturen und Texturen. Essenzielle Basis ihrer Produktion sind die biologischen Eigenarten verschiedener Pflanzenteile, die sie gezielt für Ihre minimalistisch anmutenden Werke einsetzt. Leim, Kleber oder andere technische Hilfsmittel benötigt sie nicht, da die Natur selbst eigene Mechanismen des Haftens und Klebens entwickelt hat. Bei ‘Kleines Gebirge’ sind es Efeusamen, die die Künstlerin aufeinanderschichtet, um eine gebirgsähnliche Form zu schaffen. Es geht ihr aber nicht alleine darum, Natur abzubilden oder deren Struktur erkennbar zu machen. Ihre Themen sind auch klassische Themen der Malerei und Bildhauerei, wie Volumen, Form, Farbe oder Raum.

Parallel zur Ausstellung ‘Formen der Natur’ zeigt das Museum Villa Rot in seiner Kunsthalle die Einzelausstellung ‘VIEH’ mit Werken von Maximilian Prüfer. Ausgangspunkt seiner Arbeiten ist das Interesse an der Sichtbarmachung wissenschaftlicher Erkenntnisse und natürlicher Phänomene unserer Welt.

Maximilian Prüfer: Butterfly Print, 2017
Schmetterlingspigment auf dunklem Papier
Courtesy: Künstler

In seinen ‘Naturantypien’ gelingt es dem Künstler beispielsweise, die Flügelschläge von Motten, die Bewegungslinien von Ameisen oder die Muster fliessenden Wassers in hochästhetische Kunstwerke zu übersetzen, um so komplexe Zusammenhänge visuell verständlich zu machen.

Mirko Baselgia: Midada da structura – Bienenwabe 03, 2013
C-Print auf Fuji Crystal Archive DPII, auf Aluminium aufgezogen
77 cm x 55 cm
Courtesy: Künstler
Auch Mirko Baselgias Kunst ist geprägt vom Interesse und der Neugier an den Prozessen innerhalb der Natur. Anders als Henkel nutzt er bei seinen Werken nicht das natürliche Material, sondern übersetzt dieses in ‘klassische’ künstlerische Medien wie Bronze, Fotografie oder Skulptur. Diese Herangehensweise erlaubt es ihm, kleine Momentaufnahmen natürlicher Kreisläufe herauszuheben, zu vergrössern oder zu fokussieren, um so das Bewusstsein der Betrachterinnen und Betrachter für die Vielfalt unserer Umwelt zu schärfen.
Baselgia macht das Verborgene für uns sichtbar, z.B. bei den Arbeiten des Schweizers zum Thema der Bienenwabe. Diese ist nicht nur ein Sinnbild für die Organisation und Zusammenarbeit von Lebewesen, sondern auch ein faszinierender Prozess der Formentstehung, der in der Regel aber unabhängig vom Menschen stattfindet.

Im Zentrum der Schau steht die Untersuchung von natürlich vorkommenden Interferenzfarben. Hierfür entwarf Prüfer ein Tableau aus Arbeiten, bei denen er durch ein spezielles Transferverfahren die Pigmente von Schmetterlingsflügeln auf dunklen Karton übertrug. Dadurch demonstriert er nicht nur das beeindruckende Farb- und Formspektrum der Insektenwelt, sondern fragt gleichzeitig auch …

Bethan Huws: Le Porte-bouteille, 2008
Muschel (Murex Pecten, Philippinen), Metall
Courtesy: Künstlerin
Bethan Huws schafft Werke, die in einem vielschichtigen Referenzsystem aus Linguistik, Kunstgeschichte und ästhetischen Theorien stehen. Eines ihrer künstlerischen Anliegen ist die Analyse und Weiterführung des Ready-Made. Dieser vor allem mit dem Künstler Marcel Duchamp in Verbindung gebrachte Begriff bezeichnet Kunst, die aus bereits existierenden Produkten besteht oder mit diesen identisch ist. Allein durch den Transfer ins Museum, durch das Hinzufügen eines Titels oder einer Signatur kann ein solches Objekt zum Kunstwerk werden.
Anders als die meisten ihrer (männlichen) Vorgänger nutzt die Britin für die ausgestellten Arbeiten keine industriell gefertigten Produkte, sondern natürlich entstandene, nämlich eine Muschel und Federn. Dadurch erreicht sie eine weitere Verschärfung der künstlerischen Autorenschaft. Die Natur wird zur eigentlichen Autorin, während der Künstlerin eher die Rolle einer Herausgeberin zufällt. Sie erkennt die ästhetischen Vorzüge der Naturprodukte, eignet sie sich an und deklariert sie schliesslich als (ihr) Kunstwerk.

… nach der philosophischen Bedeutung von Zeit, Wachstum und evolutionären Entwicklungen. Einen zentralen Bestandteil der künstlerischen Praxis Prüfers stellen auch Fragen nach Ökologie und unserem Umgang mit natürlichen Ressourcen.

Bethan Huws: Table of Feathers, 2009
Federn und Holztisch
119 x 112 x 74 cm
Courtesy: Künstlerin & Galerie Tschudi, Zuoz
Foto: Mancia/Bodmer Studio, Zürich © 2017: Bethan Huws & VG Bild-Kunst, Bonn
Ähnlich geht die Waliserin auch bei ihrer Arbeit ‘Table of Feathers’ vor. Bei dieser Arbeit stecken unterschiedlich grosse Federn in der Oberfläche eines Holztischs. Auf den ersten Blick ist diese Kombination ungewöhnlich. Bei näherer Betrachtung lassen sich jedoch inhaltliche und ästhetische Gemeinsamkeiten feststellen: Sowohl Holz als auch Federn sind Naturprodukte, die beide individuelle Maserungen und Muster aufweisen. Zudem lässt sich die Feder auch als (historisches) Schreibwerkzeug identifizieren, wodurch die Verbindung zum Tisch eine logische ist.

Die wissenschaftliche Bedeutung des Anthropozäns, des Einflusses des Menschen auf das Klima, die Geologie und die Ökosysteme, stellt neue Herausforderungen an die prinzipielle Herangehensweise an die Natur und ihre Erscheinungen. Ohne Anklage wirft der Künstler diese Fragen in den Raum und stellt sie zur Disposition.

David Nash: Cork Dome, 2014 Kork
97 x 170 x 170 cm
Courtesy: Galerie Scheffel, Bad Homburg & Künstler
Foto: Archiv Galerie Scheffel, Bad Homburg
Wie Bethan Huws stammt auch David Nash aus Wales. Für seine Arbeiten tritt er in einen direkten Dialog mit der Natur. Ausgangspunkt hierfür sind Bäume, deren jeweilige Beschaffenheit und Materialgesetze er beobachtet und denen er in skulpturalen Werken nachspürt. Nash gibt jeweils einen Rahmen vor, in dem die Kräfte der Natur ihren eigenen Gesetzen gehorchen. Dadurch entsteht ein gleichwertiges Miteinander von Natur und Künstler. Für seinen ‘Cork Dome’ wurden die Korkstücke nicht verändert, sondern lediglich ihrer jeweiligen Grösse nach gruppiert, so dass sich schliesslich ein rundes, kuppelartiges Gebilde ergibt, das zahlreiche Assoziationen zulässt und doch den sinnlichen Reiz des Materials erlebbar werden lässt.

Maximilian Moritz Prüfer (*1986) wuchs in Bayern und Portugal auf. Er studierte Design und Kommunikationsstrategie an der Hochschule Augsburg und an der Accademia di Belle Arti di Bologna, Italien. Prüfer lebt und arbeitet in Augsburg.

Info:

4. März – 3. Juni 2018

Formen der Natur ː Pure Nature Art ¬
+ Maximilian Prüfer: VIEH

Museum Villa Rot
Schlossweg 2
88483 Burgrieden – Rot
Deutschland

www.villa-rot.de

Flyer

Auf das Video von Regio TV Schwaben sowie die Veranstaltungshinweise auf der Website des Museums sei besonders hingewiesen!

 

Fotos und Informationen freundlicherweise vom Museum Villa Rot zur Verfügung gestellt – vielen Dank!

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