Kreative Artikel zum Thema Quilten

Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne

Hypnotische Motive, pulsierende Formen und flimmernde Muster: Der Meister der optischen Täuschung stellt das Sehen auf die Probe.

Victor Vasarely (1906–1997)
Vega Pal, 1969
Acryl auf Leinwand, 200 x 200 cm
Musée Unterlinden, Colmar
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Foto: Städel Museum

Victor Vasarely (1906 – 1997) ist der schillernde Hauptvertreter der europäischen Op-Art und zentrale Figur der französischen Nachkriegskunst. Sein vielschichtiges Werk ist heute aktueller denn je: Es hat die Ästhetik der Computerspiele vorweggenommen, indem es sich visueller Effekte bedient, wie sie heutzutage von Computern generiert werden. Die kräftigen Farben seiner streng geometrischen Muster, aber auch die starken Kontraste seiner Schwarz-Weiss-Malerei sind noch immer Bestandteil ästhetischer Gestaltung. Techniken zur Vervielfältigung und der Einsatz seiner Ideen im Alltag haben dazu geführt, dass seine Kunst schliesslich überall präsent ist und bis heute unser Bewusstsein prägt.

Der aus Ungarn stammende französische Begründer der Op-Art – oftmals darauf reduziert – ist ein Jahrhundertkünstler, dessen Schaffen sich über mehr als sechs Jahrzehnte hinweg erstreckt. 1906 geboren, erlebt, prägt und verarbeitet Vasarely die unterschiedlichsten Stile und Einflüsse der Zwischenkriegs- und Nachkriegsmoderne, die er mit den Avantgarden der Swinging Sixties in Europa und Amerika verbindet. Er bedient sich Zeit seines Lebens klassischer Medien und Genres und integriert in den 1950er Jahren das Multiple, die Massenproduktion und die Architektur in sein weit verzweigtes Werk.

Victor Vasarely (1906–1997) und Yvaral (1934 – 2002)
Speisesaal, 1972, Rauminstallation
Kunstsammlung Deutsche Bundesbank, Frankfurt am Main
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Foto: Wolfgang Günzel

Wie bereits angekündigt, zeigt das Städel Museum in Frankfurt am Main derzeit eine gross angelegte, in Zusammenarbeit mit dem Centre Pompidou, Paris, entstandene Sonderausstellung ‘Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne’. Sie erschliesst Vasarelys sechs Jahrzehnte umfassendes Œuvre und zeichnet anhand von über 100 Werken die Entwicklung des Künstlers mit zentralen Arbeiten aus allen Werkphasen nach und lädt zur Wiederentdeckung einer der bedeutendsten Künstlerfiguren des 20. Jahrhunderts ein.

Victor Vasarely (1906–1997)
Kroa-MC, 1969
Siebdruck auf Aluminium, 50 x 50 x 50 cm
Vasarely Múzeum, Budapest
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Foto: Szépművészeti Museum – Museum of Fine Arts Budapest, 2018

Kunst, Leben und Handwerk miteinander verbinden – so lautet der Grundgedanke vom Weimarer Bauhaus, der auch zu Vasarelys Leitsatz werden soll. Bereits im Alter von 23 Jahren hat der Ungar Victor Vasarely einen Abschluss in Wirtschaftskommunikation vorzuweisen und begonnen, Ökonomie und Werbung zu studieren. In einem medizinischen Labor in Budapest ist er als Buchhalter und Grafiker tätig, besucht zudem Vorlesungen an der medizinischen Fakultät. Während einer zweijährigen Ausbildung an einer privaten Kunstakademie erlernt er das präzise Zeichnen. Nebenbei verdient er sich seinen Unterhalt als Werbegrafiker.

Ab 1929 besucht Vasarely das Budapester Műhely (ungar., Werkstatt, Atelier) und lernt dort die aktuellen Tendenzen der internationalen Kunst kennen. Die Gründung der staatlichen Kunstschule Bauhaus 1919 in Weimar gibt der Kunst der Moderne entscheidende Impulse und beeinflusst auch die Lehren am Műhely. Einfache Formen und klare Farben prägen den Stil. In zahlreichen Studien wird deren Zusammenspiel und Wirkung immer wieder von Neuem ausgetestet. Victor Vasarely verinnerlicht die Bauhaus-Ideen und der Drang nach Veränderungen wächst. Aufgrund der politischen Lage in Ungarn verlässt er 1930 seine Heimat und geht nach Paris, wo er beginnt, äusserst erfolgreich als Werbegrafiker zu arbeiten.

Ausstellungsansichten ‘Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne’
Foto: Städel Museum

Mit optischen Effekten gezielt auf den Betrachter einzuwirken, ist Vasarelys tagtäglicher Beruf. Er erkennt, wie die Wahrnehmung auf Muster und Strukturen reagiert, die sich verzerren und verändern, und welchen Effekt Hell-Dunkel-Kontraste auf den Betrachter haben. Das Ausloten von Formen und Farbe, Linien und Flächen fasziniert ihn. Und so ergründet er die Zusammenhänge auch in seiner Malerei weiter.

Markante Muster und starke Kontraste stimulieren Victor Vasarelys Interesse. Das Fell des Zebras wird zum künstlerischen Experimentierfeld – dies reizt ihn über Jahre hinweg immer wieder.

Victor Vasarely (1906–1997)
Zèbres, 1932-1942
Öl auf Leinwand, 112 x 102,9 cm
Collection HAR
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018

In Paris bewegt sich Vasarely im Zentrum der künstlerischen Moderne. Die Vertreter der sog. Avantgarden in Moskau, Berlin, Paris und Wien stehen in regem künstlerischem Austausch. Es sind ganz unterschiedlich ausgeprägte Stile, die die Aufgaben der Kunst neu definieren und die auf den jungen Künstler einwirken.

Vasarely lässt sein Selbstporträt zersplittern. Wie durch Spiegelscherben blickt er nun gleich mehrfach aus dem Bild. Dekonstruktion und Bewegung sind Themen, denen sich auch schon die Futuristen gewidmet haben. Aus der Beschäftigung mit massgebenden Stilrichtungen der frühen Moderne heraus entwickelt Vasarely ein eigenes optisches Vokabular.

Victor Vasarely (1906–1997)
Autoportrait, 1944
Öl auf Leinwand, 116 x 89 cm
Galerie Philippe David, Zürich
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Foto: Galerie Philippe David, Zürich

Vibrationen, Rotationen und Schwingungen auf die Leinwand zu bringen, ist die wichtigste Herausforderung, der sich Victor Vasarely stellt. Schon als Werbegrafiker beginnt er, sie mithilfe von Linien, Flächen und Volumen zu konstruieren.

Das Erleben und Beobachten seiner Umwelt stellt Vasarelys Verständnis von Kunst auf den Kopf: Er wendet sich von der gegenständlichen Malerei ab. Die abstrakte Malerei arbeitet mit der Vereinfachung oder Umformung von realen Objekten. Diesen Prozess denkt Vasarely noch einen Schritt weiter und thematisiert die Wahrnehmung und den Sehprozess selbst.

Ausstellungsansichten ‘Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne’
Foto: Städel Museum

Das Objet trouvé – der gefundene Gegenstand – wird mit wenig weiterer Bearbeitung zur Kunst erklärt, eine Vorgehensweise, die aus Werken von Dada und Surrealismus bekannt ist, wo Objekte collageartig zusammengeführt werden und so eine neue Bedeutung erhalten.

Dieses Experiment mit natürlichen Objekten überträgt Vasarely schliesslich in die Malerei. Die Anordnung der einzelnen Formen und das Spiel mit den Farben rücken zunehmend in den Vordergrund. Über mehrere Jahre hinweg studiert er immer wieder die Wirkung unterschiedlicher Kombinationsmöglichkeiten. Es ergeben sich Momente, in denen sich Formen überlagern oder durchbrochen werden. Das Auge wird dabei herausgefordert: Beim Sehen startet ein unterbewusster Prozess, durch den die Flächen geordnet werden.

Ausstellungsansichten ‘Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne’
Foto: Städel Museum

Eine alltägliche Begebenheit in den 1930er Jahren wird zu einem prägenden Ereignis: Zufällig bemerkt Vasarely, auf einem fast leeren Bahnsteig auf und ab gehend, die weissen Kacheln an der Wand und darin ganz bizarre, feine Sprünge, die in ihm Assoziationen zu Städten bzw. Landschaften hervorrufen.

Ausstellungsansichten ‘Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne’
Foto: Städel Museum

Jahre später geben die Erinnerungen an die Kacheln Vasarelys Kunst einen neuen Impuls. Er übersetzt die gesprungenen Linien in abstrakte Zeichnungen. Daraus entstehen grosse Gemälde aus farbigen Flächen. Es scheint, als seien die Flächen hintereinander gestaffelt, als gäbe es einen Vorder- und Hintergrund. Die dunkle Farbe bildet offensichtlich den Hintergrund. Oder schiebt sie sich als eigenständige Form von oben ins Bild? Vasarely leitet den Blick in die Irre. Er spielt mit den Gesetzen des Sehens und der Wahrnehmung, wie sie in der Gestalttheorie formuliert worden sind.

Ausstellungsansichten ‘Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne’
Foto: Städel Museum

Im Sommer 1948 bezieht Victor Vasarely im Bergdorf Gordes Quartier. Am Berg reihen sich Häuser und Türme neben- und übereinander. Im gleissenden Licht erblickt der Künstler einen besonderen Effekt: Die kubischen Formen der Gebäude und Dächer erscheinen in der Wahrnehmung nur noch als helle und dunkle Flächen. Sie verlieren ihre Dreidimensionalität.

Die Häuser sind für Vasarely Mittel zum Zweck. Er übersetzt seine eigenen Seherfahrungen in Flächen und Farben. Sie scheinen im Raum zu schweben, nehmen mal zweidimensionale, mal dreidimensionale Formen an. Hier liegen sie übereinander, dort nebeneinander.

Ausstellungsansichten ‘Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne’
Foto: Städel Museum

Das Auge ist einer ständigen Flut visueller Reize ausgesetzt. Um sie verarbeiten und interpretieren zu können, gleicht das Gehirn die Bilder unterbewusst mit Erinnerungen und Erfahrungen ab. Darin unterscheidet sich die persönliche Wahrnehmung vom tatsächlich physiologisch Gesehenen.

Vorne grosse Objekte, hinten kleine und auf einen Fluchtpunkt zulaufende Linien: Sobald das Auge Signale wie diese empfängt, wird auch ein zweidimensionales Bild als räumlich wahrgenommen. Daher nutzen Künstler in der Regel die sog. Zentralperspektive für ihre naturalistischen Darstellungen, z.B. für Stadtansichten und arbeiten mit Linien, die sich der Wahrnehmung entsprechend nach hinten verkürzen.

Victor Vasarely (1906–1997)
Sauzon, 1950
Öl auf Leinwand, 130 x 97 cm
Privatsammlung. Courtesy Patrick Derom Gallery
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Foto: Luc Schrobiltgen

Vasarely hingegen setzt immer wieder die Axonometrie ein. Bei diesem Verfahren aus der Geometrie werden die parallelen Seitenlinien gleichmässig zur Seite gekippt gezeichnet. Dem Sehen bleibt nichts als reine Irritation: Ist tatsächlich ein dreidimensionales Objekt dargestellt?

Bereits 1915 bricht der russische Künstler Kasimir Malewitsch mit der Tradition der Malerei: Er malt ein schwarzes Quadrat auf weissem Grund, das schwarze Quadrat, das nur sich selbst darstellt – ein Kunstwerk, das sich nicht weiter reduzieren lässt. Die absolute Gegenstandslosigkeit wird erstmals zum Thema der Kunst.

Das ‘Schwarze Quadrat’ von Malewitsch weist Victor Vasarely rund 40 Jahre später einen neuen Weg. Er nimmt dieses Prinzip auf und entwickelt es in einem Gemälde weiter: Das festgefügte Quadrat, eben jene Ikone der Moderne, gerät in Bewegung, verdreht sich zur Raute. In ‘Hommage à Malevich’ stehen sich zwei schwarze Quadrate und zwei lang gezogene Rauten gegenüber. Erst auf den zweiten Blick fallen die Unstimmigkeiten auf: Die Formen fügen sich nicht genau ineinander.

Ausstellungsansichten ‘Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne’
Foto: Städel Museum

Um die Seherfahrung in den Mittelpunkt seiner Werke zu rücken, benötigt Vasarely keine Farbe. Starke Kontraste genügen, um die optische Illusion zu erzeugen. Daher verwendet der Künstler in den folgenden Jahren ausschliesslich Schwarz, Grau und Weiss. Auch das Quadrat dient immer wieder als funktionales Element im Spiel mit der Wahrnehmung.

Vergeblich wird der Betrachter darauf warten, dass sich die schwarzen Linien in ‘Fugue’ deckungsgleich übereinanderlegen. Die rhythmisch gesetzten, unterschiedlich breiten Linien flimmern vor dem weissen Hintergrund. Gleichzeitig ergänzt das Auge die unterbrochenen Linien zu Konturen: Ein Quadrat im Quadrat im Quadrat – ineinander verschachtelte Quadrate treten hervor.

Victor Vasarely (1906–1997)
Fugue, 1958–1960
Öl auf Leinwand, 100 x 79 cm
Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Verein e.V.
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Foto: Städel Museum – ARTOTHEK

Bewegt sich der Betrachter, verändern sich die Motive! Mit optischen Täuschungen erklärt Vasarely die Wahrnehmung zum künstlerischen Experimentierfeld.

Flirrende Linien überall! Folgt das Auge den horizontalen Linien oder bleibt es an der Figur haften? Ausgehend von Collagen aus unterschiedlich liniertem Fotopapier, beginnt Vasarely seine Untersuchungen anhand des Positiv-Negativ-Prinzips der Fotografie.

Er legt einen positiven und einen negativen Film von fotografierten Zeichnungen übereinander, so dass die Fläche zunächst einheitlich schwarz erscheint. Durch leichtes Verschieben nehmen die Linien vibrierende Gestalt an. Diese Strukturen überführt er auf die Leinwand.

Ausstellungsansichten ‘Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne’
Foto: Städel Museum

Die Linien geraten in Bewegung: Vasarely überträgt seine schwarzen Linienzeichnungen auf transparente Plexiglasplatten und stellt diese mit etwas Abstand dazwischen auf. Bewegt sich der Betrachter vor den sog. Kinetischen Tiefenbildern, verändern sich die Strukturen und das Werk beginnt zu leben.

Im April 1955 gelingt Vasarely mit der Gruppenausstellung ‘Le Mouvement’ (franz., die Bewegung) in Paris der Durchbruch. Vertreten sind Marcel Duchamp, Alexander Calder, Man Ray, Jesús Rafael Soto, Pol Bury, Jean Tinguely, Yaacov Agam und Robert Jacobsen.

Alexander Calder fertigt Mobiles, die sich durch Luftzug verändern. Jean Tinguelys Plastiken werden durch Mechaniken aktiviert. Victor Vasarely stellt als einziger Teilnehmer zweidimensionale Kunstwerke aus. Bei ihm entsteht Bewegung allein durch optische Phänomene, er arbeitet mit rein visuell wahrnehmbaren Bewegungen, die durch verschiedene Reizungen des Auges ausgelöst werden. Seine Gedanken zur kinetischen Kunst (griech., kinesis, Bewegung) veröffentlicht Vasarely 1955 im ‘Gelben Manifest’.

Victor Vasarely (1906–1997)
Mindoro II, 1954-1958
Öl auf Leinwand, 195 x 130 cm
Centre Pompidou, Paris
Musée national d’art moderne / Centre de création industrielle
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Foto: Bertrand Prévost

In einem Werkstattbuch versammelt Vasarely kleine Skizzen aller seiner Werke. Die Durchsicht regt ihn immer wieder zu spannenden Weiterentwicklungen an. Das flächige schwarz-weisse Muster eines 1935 gemalten Schachbretts überführt der Künstler in die visuelle Dreidimensionalität. Hierfür bläht er die gleichförmigen Quadrate mal auf, mal verkleinert er sie.

Wie der nächtliche Sternenhimmel beginnt auch Vasarelys Kunst vor dem Auge des Betrachters zu flimmern. Es ist die Geburt der Op-Art, die das Spiel mit der Wirkung von Licht, Luft, Bewegung, Raum und Zeit auf die Spitze treibt. Dabei wird häufig mit vertrauten Mustern und Strukturen gearbeitet, die visuelle Effekte erzeugen: Werden gleichmässige Strukturen in ihren Formen verändert, wirken sie räumlich und eine flächige Wahrnehmung ist nicht mehr möglich.

Victor Vasarely (1906–1997)
Reytey, 1968
Tempera auf Leinwand, 160 x 160 cm
Solomon R. Guggenheim Museum, New York
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Foto: Solomon R. Guggenheim Museum, New York

Beeinflusst von den Experimenten der Futuristen, Konstruktivisten und Dada-Künstlern und angeregt von der Ausstellung ‘Le Mouvement’, entstehen überall in Europa Zentren der Op-Art. In der Ausstellung ‘The Responsive Eye’ wird die Op-Art 1965 im New Yorker Museum of Modern Art dem amerikanischen Publikum vorgestellt.

Mit der Serie ‘Vega’ kehrt Vasarely Anfang der 1960er Jahre zurück zur Farbe und nutzt das Spiel mit verschiedenen Grössen, Helligkeits- und Farbwerten, um den Effekt der Räumlichkeit zu verstärken. Sein Schaffen in den 1960er Jahren erinnert stark an die computergenerierte Ästhetik der Gegenwart. Bis heute nutzen Werbegrafiker und Spieledesigner visuelle Effekte dieser Art, jedoch digital animiert.


Victor Vasarely (1906–1997)
Vega 200, 1968
Acryl auf Leinwand, 200 × 200 cm
Courtesy Galerie Templon, Paris/Brüssel
© VG Bild-Kunst Bonn 2018

Zu Vasarelys wichtigster künstlerischer Erfindung wird sein ‘Plastisches Alphabet’: Ein einfaches, übertragbares System, das universell verständlich ist und so die umfassende Verbreitung seiner Ästhetik in allen Lebensbereichen ermöglichen und von allen Menschen anwendbar sein soll. Erneut dient das Quadrat als Basis. Es wird mit jeweils einer anderen geometrischen Grundform kombiniert und mithilfe von sechs vorgegebenen Grundfarben in verschiedenen Nuancen kontrastreich gestaltet. Dieses Grundmodul bezeichnet er als ‘plastische Einheit’.

Ähnlich den Buchstaben des Alphabets eröffnen die ‘plastischen Einheiten’ schier unendliche Kombinationsmöglichkeiten zur Erschaffung von Kunstwerken. 1963 lässt Vasarely sich seine Idee patentieren. Die Anleitung zu Vasarelys ‘Plastischem Alphabet’ gleicht einer Partitur, in der die einzelnen zu spielenden Noten eines Musikstücks vorgegeben sind.


Ausstellungsansichten ‘Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne’
Foto: Städel Museum

Unter dem Titel ‘Folklore Planetaire’ präsentiert Vasarely 1963 das ‘Plastische Alphabet’ erstmals der Öffentlichkeit. Im Pariser Musée des Arts Décoratifs, dem Museum für Kunstgewerbe, werden schnell die vielfältigen Möglichkeiten dieses Systems deutlich: Neben Gemälden und Druckgrafiken gestaltet Vasarely auch Tapeten, Stoffe oder Möbel.

Auch sein grosses Interesse an den Naturwissenschaften bestimmt das künstlerische Schaffen Vasarelys. In seinem Atelier gehen Forscher und Wissenschaftler ein und aus. Davon inspiriert, vergleicht er sein ‘Plastisches Alphabet’ immer wieder mit einem Atom: Wie Elementarteilchen die zentralen Bausteine der Atome sind, so ist das ‘Plastische Alphabet’ der Baukasten für Vasarelys Kunst.

Victor Vasarely (1906–1997)
Cheyt-Pyr, 1970/71
Acryl auf Leinwand, 197 x 195 cm
Janus Pannonius Múzeum , Pécs
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Foto: István Füzi

Der Künstler beschäftigt in seinem Atelier inzwischen mehrere Mitarbeiter, die die zahlreichen Gemälde des ‘Plastischen Alphabets’ ausführen, die zuvor von Vasarely entworfen worden sind. So können die Werke effizient reproduziert werden – die sog. ‘Multiples’ entstehen.

Gleichzeitig entwickelt sich in Europa und Amerika die Konzeptkunst. Idee und Ausführung eines Werks werden hier klar voneinander getrennt. Der Künstler liefert dabei die Anleitung, deren Umsetzung jedoch häufig nicht konkret festgelegt wird. Sie kann von einer beliebigen Person übernommen werden. Vasarely greift diesen Ansatz in seinem ‘Plastischen Alphabet’ auf: 1969 bringt er einen verkäuflichen Baukasten auf den Markt, der auffordert: ‘Schaffen Sie ihren Vasarely!’

Victor Vasarely nutzt nicht nur seinen optimierten Kunstbetrieb, sondern lässt auch industriell Kunstdrucke herstellen, damit möglichst viele seiner Werke in Umlauf gelangen.

Ausstellungsansichten ‘Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne’
Foto: Städel Museum

Vasarely engagiert sich auch immer stärker in der Gestaltung von architektonischen Entwürfen, die den tristen grauen Wohnvierteln die ‘Farbige Stadt’ entgegensetzt. Sie soll positiv auf das Empfinden der Menschen einwirken und auf deren Bedürfnisse reagieren. Der Künstler designt Tapeten, Textilien und Teppiche. Die Wände und Böden der Häuser scheinen sich mit jedem Schritt zu bewegen.

In der Fondation Vasarely (1976 fertiggestellt) kann der Künstler alle seine Vorstellungen verwirklichen und die Kunst mit dem Leben vereinen. Das Gebäude setzt sich aus 16 Baukörpern mit sechseckigem Grundriss zusammen und bietet Arbeitsplätze für Künstler, Architekten und Städteplaner und gleichzeitig ideale Präsentationsflächen für Vasarelys Kunst.

Ausstellungsansichten ‘Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne’
Foto: Städel Museum

1972 ist Victor Vasarely auf dem Höhepunkt seines Erfolgs und er arbeitet für grosse Unternehmen. Seine Kunst ist überall präsent: Vasarely und sein Sohn überarbeiten das Logo des Autoherstellers Renault – die schlichte Raute, damals aus dynamischen Linien, begegnet uns noch heute. Ein weiteres Beispiel ist das Plakat zu den Olympischen Spielen 1972 in München, das mithilfe des ‘Plastischen Alphabets’ entsteht. Die in dreidimensionale Körper verwandelten Quadrate scheinen dem Betrachter entgegenzuschweben.

Im Speisesaal der Deutschen Bundesbank in Frankfurt realisiert er gemeinsam mit seinem Sohn Yvaral ein Gesamtkunstwerk. Das Farbkonzept aus Gelb, Gold, Grau und Silber durchzieht den gesamten Raum. Die silbernen runden Scheiben formieren sich zu einer kinetischen Wand, die vor dem Auge des Betrachters zu vibrieren beginnt, sobald er den Raum durchschreitet. Lichteinfall, Reflexionen und das Zusammenspiel der Materialien tragen ihr Übriges dazu bei.

Mit der rasanten Verbreitung seiner Multiples ist Victor Vasarely allgegenwärtig. Doch mit seinem Erfolg wird Vasarelys Kunst alltäglich – was tragischerweise zum Verlust ihrer Einzigartigkeit führen muss. Als er 1997 stirbt, hat sich die Popularität von Vasarely als auch die der Op-Art überlebt.

Ausstellungsansichten ‘Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne’
Foto: Städel Museum

Die umfangreiche Retrospektive im Städel Museum rückt Vasarelys malerisches Schaffen in den Vordergrund. Dabei begegnet man einem vollkommen anderen und komplexeren Künstler, einem der wenigen Künstler, der Vertreter der Vorkriegs- und Nachkriegskunst ist, welcher die Moderne wie keine andere Künstlerfigur des 20. Jahrhunderts in all ihrer Komplexität widerspiegelt.

Der Ausstellungsrundgang wird durch eine offene Ausstellungsarchitektur mit freistehenden Display-Wänden charakterisiert, die multiple Blickachsen ermöglicht. So wird deutlich, wie sich Vasarelys Werk trotz formaler Unterschiede der einzelnen Werkgruppen über die Jahrzehnte konsistent weiterentwickelt hat.

Vasarelys Gemälde spielen mit der Wahrnehmung von Dreidimensionalität. Aus 2D wird 3D, aus Quadraten werden Würfel, aus Bildern werden Skulpturen. Das Erlebnis der Op-Art dehnt sich auf den Raum aus und ist aus zahlreichen Perspektiven erlebbar. Beim Umschreiten der Skulpturen ergibt sich mit jedem Schritt ein neuer Eindruck. Nun gilt es, die optischen Effekte und Lichtspiele in der Ausstellung zu entdecken und sich selbst in die Irre führen zu lassen!

Ausstellungsansichten ‘Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne’
Foto: Städel Museum

‘Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne’ erzählt über zwei Stockwerke die Entstehung und Entwicklung von Vasarelys Werk entlang einer rückläufigen Chronologie und beginnt im Untergeschoss mit dem von Vasarely und seinem Sohn Yvaral gestalteten Speisesaal der Deutschen Bundesbank in Frankfurt.

Katalog und Begleitheft zur Ausstellung sind erhältlich.

Auf das Digitorial® und den Blog zur Ausstellung – wie das Rahmenprogramm auf der Website des Museums  zu finden – sei ausdrücklich verwiesen.

***

Info:

26. September 2018 – 13. Januar 2019

Victor Vasarely
Im Labyrinth der Moderne

Städel Museum
Schaumainkai 63
60596 Frankfurt am Main
Deutschland

www.staedelmuseum.de

 

Fotos und Informationen freundlicherweise vom Städel Museum Frankfurt am Main zur Verfügung gestellt – vielen Dank!

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Kommentare zu diesem Artikel

4 Responses

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  • Birgit Berndt

    Hallo Gudrun,

    danke für diesen ausführlichen interessanten Bericht. Sicher ein sehr vielseitiger Künstler, dessen Arbeiten schon einen wichtigen Hinweis auf das kommende Jahr mit dem Bauhaus-Jubiläum geben.

    Liebe Grüße

    Birgit

  • Wiebke Maschitzki

    Hallo Gudrun!

    Wunderbar, wenn so der Sonntag beginnt.

    Traumhaft, was Du uns da zeigst. Da könnte ich ja unendlich weitermachen mit meinen Vorschlägen für das Patchen und Quilten ohne Konventionen. Darauf darf ich doch die Teilnehmerinnen im nächsten Beitrag hinweisen und den Link zu Deinem Beitrag einfügen?

    Einene schönen Sonntag mit traumhaftem Wetter wünsche ich Dir!

    Liebe Grüße

    Wiebke

    • Gudrun Heinz

      halli hallo wiebke,

      1000 dank! ich verstehe meine ausstellungstipps – zwar nicht als kopiervorlagen – aber immer auch als inspiration für das eigene schaffen. und wenn man in diesem fall den text aufmerksam durchgeht, findet man desweiteren noch anregungen, wie z.b. das werkstattbuch, die beschäftigung mit dem bauhaus, hell-dunkel-kontraste, farbabstufungen … um nur einiges zu nennen, was sich lohnt, mal weiter anzusehen und zu prüfen. ja, und den ausstellungsbesuch sowieso!

      dir und allen leserinnen und lesern ebenfalls noch einen schönen sonntag mit traumwetter!

      beste grüsse

      gudrun

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