Kreative Artikel zum Thema Nähen

Aus dem Nähkästchen geplaudert mit Janika von “näh mit mir”

Liebe Leserinnen, wann seid Ihr der Liebe zum Nähen verfallen? Bei Janika von “näh mit mir” fing es früh an. Sie beschreibt ihre Beziehung zum Nähen mit dem Wort “Kindergartenliebe”. In unserem Interview erfahrt ihr, wie es zu dieser Liaison gekommen ist, was Janika heute in ihrem Münchner Atelier anbietet und warum sie fast – aber nicht ganz – Opernsängerin geworden ist:

Interview mit Janika von “näh mit mir”

Portrait von Janika

Liebe Janika, beschreibe dich mit wenigen Worten.
Kreativ, immer mit mehr Ideen als Zeit, perfektions-verliebt, hilfsbereit.

In deinem Näh-Atelier «näh mit mir» in der Nähe von München bietest du unter anderem Nähkurse an. Worum geht es da, an wen richten sich die Kurse?
Bisher habe ich Gruppen-Nähkurse für Anfänger und Fortgeschrittene angeboten, jeweils für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. In den Anfänger-Kursen wird von allen das Gleiche genäht, Fortgeschrittene nähen jeweils an individuellen Projekten. Ausserdem gibt es Individual-Kurse, Geburtstags-Kurse und Dirndl-Workshops.

Kinder-Nähkurs im Atelier "näh mit mir"

Momentan musst du dein Kurslokal geschlossen halten. Wie erlebst du die Zeit im Lockdown, was fehlt dir besonders?
Grundsätzlich habe ich diesen Umstand hinsichtlich meiner Tätigkeit nicht als so katastrophal empfunden, ich war ja nicht total ausgebremst. Ich habe nach langer Zeit wieder Auftragsarbeiten gemacht, Stoffe zur Abholung verkauft und mich, wie gerade im Januar, völlig in die Arbeit an einem Buch gestürzt. Ich bin aber auch in der überaus luxuriösen Situation, nicht von den Einkünften aus meinem Atelier leben zu müssen. Wirklich gefehlt hat mir der direkte Kontakt zu meinen Kunden.

Kannst du der schwierigen Zeit auch Positives abgewinnen?
Absolut! Die Beschränkungen haben einerseits ganz neue Energie, Kreativität und Flexibilität freigesetzt und andererseits zu einem viel entspannteren Umgang mit dem “einfach-nicht-planen-können” geführt. 

Du hast die Arbeit an einem Buch erwähnt. Wie bist du unter die Autorinnen gekommen?
Vor fast genau einem Jahr habe ich die Anfrage des EMF-Verlages erhalten, ob ich Lust hätte, ein Buch zu “füllen”. Na klar! Die Lektorin hatte meinen Instagram-Account entdeckt.

Kannst du uns schon etwas über den Inhalt verraten?
Nur so viel: Es handelt sich um Kleidung …

Neben dem Kurslokal betreibst du einen Shop. Was kann man da finden?
In meinem Atelier gibt es ein liebevoll ausgewähltes Sortiment an Stoffen für unterschiedlichste Projekte, dekorative Kurzwaren wie Ripsbänder, Spitzenborten, Zackenlitzen oder Gurtbänder. Ausserdem “Hardware” wie Magnetverschlüsse, Karabinerhaken, D-Ringe, Nieten usw… Für Basics wie Garn, Knöpfe o.Ä. empfehle ich die Konkurrenz.

Bietest du den Kunden während des Lockdowns einen Abhol- und/oder Lieferservice für deinen Shop an? Wenn ja, wie läuft das ab?
Klar. Es rufen regelmässig Kunden an, die lieber regional als online kaufen möchten. Im Regelfall sagen sie mir, was sie nähen möchten und ich schicke ihnen Fotos verschiedener Stoffe, die dafür in Frage kommen, nebst einer Beschreibung des Falls und der Haptik. Innerhalb von 30 Minuten habe ich das Material hier zur Abholung vorbereitet.

Wann hast du deine Begeisterung für das Nähen entdeckt und von wem hast du das Näh-Handwerk gelernt?
In meiner Erinnerung war sie schon immer da, die Leidenschaft für Stoffe, schöne Kleider und das Nähen. Die ersten Näherfahrungen habe ich im Kindergartenalter bei meinen beiden Grossmüttern gemacht. Die eine perfektionistische Hobbyschneiderin, die andere eine durch die Familiengeschichte verhinderte Schnittdirektrice. Als Teenie habe ich einige Jahre mit Schnittmustern und Verarbeitung experimentiert. Auf der Modeschule gab es dann endlich das nötige Fachwissen, erweitert in den Jahren meiner Tätigkeit für Escada und Rena Lange.

Du hast für Escada und Rena Lange gearbeitet – wie war das und was hast du da gemacht?
Meine erste Stelle nach der Modeschule war die der Assistentin eines der Jacken-Modellmacher bei Escada. Jacken-und Mantelschnitte wurden damals meist noch als Papierschnitte konstruiert und erst zur Produktionsphase digitalisiert (ins CAD-System gebracht). Bis zu diesem Punkt hat man damals viel Zeit damit verbracht, Schnittteile von Hand zu kopieren. Assistentinnen-Arbeit, bei der sehr exaktes Arbeiten gefordert war. Bei Rena Lange war ich dann von Anfang an Erstschnitt-Direktrice, d.h. ich habe die Prototypen konstruiert nach den Entwürfen der Designer, diese gradiert und bis zur Produktionsreife verantwortlich bearbeitet – alles im CAD-System. Hier habe ich im Laufe der Jahre zuerst Hosen & Röcke, dann Jacken und schliesslich auch Blusen und Kleider (Abendkleider, ich liebe sie!) entwickelt.

Es war grossartig, in diesen Firmen zu arbeiten, in denen es nicht um die absolute Kosten-Minimierung bei der Entwicklung, sondern um schönst-möglich verarbeitete Kleidungsstücke mit der perfekten Passform aus den besten Materialien ging. Aber es bedeutete auch: Fast das ganze Jahr über Überstunden zu machen, viele Monate des Jahres, in der “Kollektionszeit” auch an Samstagen und Feiertagen und unter ständigem Zeitdruck zu arbeiten.

War für dich schon früh klar, dass du später einmal einen Beruf in dieser Richtung ausüben möchtest?
Das Nähen war für mich gewissermassen wie eine Kindergartenliebe: Schon früh vorhanden und immer meine Lieblingsbeschäftigung. Im späteren Teenie-Alter gab es mal einen “Seitensprung”. Da hätte ich mir sehr gut vorstellen können, Operngesang zu studieren. Als ich mich zwecks einer Entscheidung nach dem Abitur mit den vermutlich realistischen Umständen im Arbeitsalltag dieser beiden Berufs-Felder befasst habe, fiel mir die Entscheidung für die Modebranche leicht. Etwas Bodenständiges halt 🙂

Oh, Operngesang! Singst Du heute noch? Was und bei welchen Gelegenheiten?
Ich bin immer noch ein grosser Opernfan und regelmässige Besucherin der Münchner Oper. Im Moment singe ich aber nur situativ, für mich, im Auto, bei der Arbeit im Atelier, wenn das konzentrationsmässig geht. Jetzt begeistere ich mich für völlig unterschiedliche Stilrichtungen, die dann wochenweise für Ohrwürmer sorgen.

Welchen Beruf hast du gelernt und welche Tätigkeiten hast du in deinem Leben schon ausgeübt?
Ich habe die (ursprünglich französische) Esmod-Schule besucht und mit dem Diplom als “Styliste” und “Modeliste” beendet, eingedeutscht: Designerin und Schnittdirektrice. Da ich immer grossen Respekt vor dem Kreativ-sein-nach-Vorgabe hatte, habe ich mich beruflich für die Schnitt-Entwicklung entschieden. Damals wie heute für mich ein Traumberuf. Als werdende Mutter habe ich diese Tätigkeit dennoch bewusst aufgegeben. Für mich war klar, dass sich die mit meiner Vorstellung vom Mutter-sein nicht vereinbaren lassen würde. Was sich damit vereinbaren liess, war die Tätigkeit als Handarbeitslehrerin an einer Waldorfschule.

Wie kam es dann dazu, dass du dein eigenes Label «näh mit mir» gegründet hast?
Die Modebranche hier in München hatte sich sehr verändert seit meiner Zeit bei Rena Lange. Viele Firmen gab es nicht mehr, andere nicht mehr in München. Stellenangebote in der Schnittentwicklung gab es nur noch für Langzeit-Praktikumsplätze. Dafür konnte und wollte ich mich nach mehrjähriger Berufstätigkeit wirklich nicht mehr entscheiden. Also habe ich nach meiner Tätigkeit als Lehrerin beschlossen, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen.

Atelier "näh mit mir"

Was nähst du am liebsten?
Oberbekleidung. Früher auch regelmässig aufwändige Lederjacken, Mäntel usw., dafür fehlt mir jetzt leider meistens die Zeit.

Pullover nähen

Was schätzt du am Nähen besonders?
Eigene Ideen umsetzen können, den Flow während der Umsetzung, die Zufriedenheit, wenn das Stück fertig und gelungen ist (und gerne getragen wird).

Auf deinem Instagram-Kanal haben wir gesehen, dass du auch gerne mal die ein oder andere lange Autofahrt nutzt, um von Hand Stickereien anzufertigen. Wir stellen uns das sehr aufwendig und zeitintensiv vor. Wie bist du aufs Handsticken gekommen? Wie lange arbeitest du an so einer Stickerei und wofür sind die Stickereien bestimmt?
Normalerweise stricke ich auf Autofahrten. Da ich sowohl ein Faible für aufwändigere Designs als auch für bestickte Kleider habe (aber leider keine Stickmaschine besitze), wollte ich mich vor zwei Jahren an einem ziemlich üppig bestickten Kleid versuchen. Der mehrtägige Road-Trip durch Kroatien mit den vielen Stunden im Auto hat sich einfach angeboten für das Sticken von Hand. Ich hatte nicht wirklich Vorkenntnisse, dachte schon, das wird eine Weile dauern. Es hat länger gedauert … etwa fünf Stunden pro Blüte … viele Stunden also. Aber ich liebe das Ergebnis!

Sommer-Kleid mit Stickerei nähen

Als waschechte Bayerin bietest du auch Dirndl-Nähkurse an. Wie läuft das ab?
Ich finde Dirndl wunderschön, auch wenn ich im Alltag sehr selten eines trage. Und tatsächlich habe ich auffallend viele Anfragen zu Dirndl-Nähkursen. Selbst Hobbyschneiderinnen mit Erfahrung trauen sich das oft alleine nicht zu. Meine Kursteilnehmerinnen kommen vorab zu mir ins Atelier, wir besprechen das Modell, die Materialien, ich vermesse sie und konstruiere auf Wunsch einen Mass-Schnitt. Ich finde, ein Dirndl-Mieder muss sitzen wie “reingeschossen”. Aber natürlich bekommen meine Kundinnen auch einen bequemeren Schnitt.

Dirndl-Nähkurs

Neben allerlei Stoffen und Kurzwaren, findet man in deinem Nähatelier auch ein haariges Maskottchen. Erzähl mal, wer ist das? War er bisher immer brav oder hat er auch schon mal eine Fadenspule oder ähnliches gek(l)aut? 😊
Stimmt. Unser Shiba Nori besucht mich gerne im Atelier. Für Garnrollen hat er sich nie interessiert – aber die zwei, drei Stofftiere, die hier zur Inspiration stehen, auf die musste ich früher gut aufpassen! Inzwischen ist Nori schon ziemlich brav; er muss nur noch lernen, Kundinnen, die zum Stoffkauf vorbei kommen, weder anzubellen noch zu beschnüffeln.

Was ist dein Ausgleich zum Atelier-Alltag?
Mein Familienleben. Oder ist es doch umgekehrt?

Wie verbringst du deine Freizeit, wenn du nicht am Nähen bist?
Die Pflicht: Ich bin bei jedem Wetter mit Nori draußen, im Sommer ist der Garten ein fordernder Arbeitsplatz. Die Kür: Ich reise für mein Leben gern, versammle sehr gerne Freunde und Familie um eine gut gefüllte Tafel und versuche mich so oft wie möglich in meiner neuen Leidenschaft, der Feintäschnerei! Ich habe auf Instagram Peter Nitz entdeckt, seine handwerklich perfekte Arbeit und sein Workshop-Angebot. Letztes Jahr hatte ich die Chance, zwei Taschen-Projekte mit ihm zu realisieren. Eine Erfahrung, die mich nachhaltig beeindruckt hat.

Gibt es etwas, dass du Näheinsteigerinnen mit auf den Weg geben willst?
Probiert alles aus, gebt nicht auf, auch wenn etwas misslingt. Näht möglichst viel, weil die Ergebnisse umso besser werden, je mehr Übung man hat. Und: gönnt Euch gutes Werkzeug!

Wohin soll deine kreative und berufliche Reise noch gehen?
Da ich immer wieder von meinem Kundinnen höre, wie schwierig sie es finden, passende Schnittmuster zu finden, habe ich vor, zukünftig mehr Kurse rund um das Thema Schnitt-Anpassungen und -Erstellung anzubieten. Ausserdem möchte ich meine Stoffe endlich auch online anbieten. Und mehr Raum für die Lederarbeiten, das wäre toll!

Aus eigenem Interesse: Wir glauben, du nähst mit einer BERNINA. Stimmt’s? Magst du deine Maschine? 🙂
Nicht nur mit einer! Als ich für meine Abschlusskollektion auf der Esmod-Schule eine verlässliche Nähmaschine brauchte, habe ich mir die erste BERNINA gekauft, eine 1011. Viele Jahre war sie mein ganzer Stolz – mit ihr habe ich einige Brautkleider genäht, Lederjacken und Mäntel. Sie hat mich nie im Stich gelassen!

Als ich vor ein paar Jahren Maschinen für meine Nähkurse angeschafft habe, war klar, ich nehme wieder BERNINAs! Ich habe mich für die Modelle B 215 und B 350 entschieden, 5 Stück! Sie sollten auch Kinder und Anfänger nicht überfordern oder einschüchtern. Eine gute Wahl, wie ich immer noch finde und oft höre!

Gibt es ein Zubehörteil, das du besonders magst?
Spontan zwei: Den Obertransportfuss #50 und den Paspelfuss #38.

Bild von Obertransportfuss # 50.

Obertransportfuss # 50

Der Obertransportfuss # 50 mit drei Wechselsohlen und Kantenlineal ist ein unverzichtbarer Helfer beim Nähen von schwierigen Stoffen.

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Bild von Paspelfuss # 38.

Paspelfuss # 38

Beim Paspelfuss #38 liegt die rechte Fussseite höher. Dadurch gleiten dicke Stofflagen besser unter dieser Fussseite durch und es können Minipaspeln und Bänder genäht werden.

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Fun facts 

Hast du einen (Näh-)Tick?
Hmm… ich glaube nicht.

Schuhe an oder aus beim Nähen?
Immer an.

Auftrennen oder «ach, egal»?
Auftrennen; Ich liebe schöne Verarbeitung, auch innen.

Was hörst du beim Nähen?
Alles. Opern, Jazz, Weltmusik, Popmusik, Hiphop, je nach Stimmung!

Tee oder Kaffee beim Nähen?
Kaffee

Lieblings-Label für Bekleidung / Stoffe / Schnitte?
Hauptsache qualitativ hochwertig und ein bisschen besonders!

Lieblingsort?
Rom, Paris, Bali.

Deine grösste Nähkatastrophe?
Ich nähe schon so lange – da ist schon öfter mal was schief gegangen. Aber keine Katastrophe …

Dein Superheld / deine Superheldin?
Alleinerziehende Mütter und Väter!

Welche Stecknadeln verwendest du?
Hochwertige feine Stahl-Stecknadeln mit kleinem Kopf.

Streichelst du Stoffe?
Ich würde sagen, ich nehme sie in die Hand, um die Haptik zu erfassen.

Sprichst du mit deiner Nähmaschine?
Nein. Ich sehe sie als Werkzeug, auf das ich mich verlassen kann.

Ordnung im Nähzimmer oder organisiertes Chaos?
Anfangs Ordnung, bei grösseren Projekten dann zunehmend Chaos.

Wie reagierst du, wenn jemand deine Stoffschere zum Papierschneiden benutzt?
Das passiert nicht!

Bayrische Basis-Nähvokabeln?
Zu meinem Bedauern kann ich überhaupt kein bayrisch!


Mehr Informationen über Janika

Auf Janikas Website und Instagram-Kanal erfahrt ihr mehr über sie und ihre tollen Nähprojekte:

Website: www.naeh-mit-mir.de

Instagram-Kanal: www.instagram.com/naeh.mit.mir


Wir werden weiterhin Interviews mit Näh-, Stick- und Quiltpersönlichkeiten im Blog publizieren. Fällt euch eine Person ein, von der ihr gerne mehr wissen würdet? Dann teilt uns deren Namen gerne in den Kommentaren mit.

Liebe Grüsse
Corinna

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