Kreative Artikel zum Thema Nähen

Aus dem Nähkästchen geplaudert mit Ines Weizenegger von “Karlotta Pink”

Über den Blog-Beitrag von Jutta Hellbach, in dem diese zeigt, wie eine Tote Bag mit Futter aus Shweshwe-Stoffen genäht wird, sind wir auf “Karlotta Pink” aufmerksam geworden. Wir freuen uns, dass wir Euch in einem Interview die Frau hinter diesem Label vorstellen dürfen: Ines Weizenegger. 

Unter dem Namen “Karlotta Pink” betreibt Ines einen Vertrieb und Onlineshop für Stoffe aus aller Welt. Wie es dazu gekommen ist, welche Ziele sie verfolgt, woher sie ihre aussergewöhnlichen Stoffe hat und welche Abenteuer sie auf ihren Reisen rund um den Globus besteht – das alles und noch mehr erfahrt Ihr im Interview:

Interview mit Ines von “Karlotta Pink”

Liebe Ines, wer bist Du? Bitte beschreibe dich mit wenigen Worten.
Ich bin 42, lebe mit meiner Familie in den Schweizer Bergen – total bodenständig. Ich liebe die Berge, den Winter und das Landleben, bin aber genauso gerne unterwegs als Reisende, Beobachterin und Unternehmerin mit der Mission, euch die wunderbaren und besonderen Stoffe aus aller Welt nach Hause zu bringen. Die bunten Stoffpakete und Ballen aus Indien, Afrika, Australien und Japan sorgen für den Hauch an Chaos und Exotik bei uns zu Hause.

Kissen aus südafrikanischen Shweshwe-Stoffen

Unter dem Label Karlotta Pink vertreibst Du Stoffe aus aller Welt. Wie ist es zu Karlotta Pink gekommen? Ist aus der Idee sofort ein Geschäft geworden?
Nähen ist – auch wenn das viele vermuten – nicht der Ausgangspunkt meiner Stoffliebe, sondern mein Studium der Geografie und Reisen in fremde Kulturen wie z.B. Westafrika.  Die Stoffe haben mich so fasziniert, weil sie die Kultur eines jeden Landes materialisieren. Später habe ich mit meiner Familie einen Monat Thailand bereist und von dort Stoff für meine bis dahin zaghaften Nähkenntnissen mit nach Hause gebracht. So fing alles an. Es ist nicht gesucht oder gewollt, es ist gewachsen.

Warum eigentlich der Name Karlotta Pink?
Wir haben etwas gesucht, das zu einem Brand werden kann. Karlotta Pink verbindet Ausgefallenes mit Bodenständigem, und soll sagen: Auch wir Europäer können Farben und Muster tragen!

Wie wählst Du Deine Stoffe aus? Worauf achtest Du?
Unser Sortiment umfasst ausschliesslich hochwertige Stoffe aus der ganzen Welt – und keine Allerweltsstoffe. Wichtig ist, dass ein Stoff etwas transportiert, eine Geschichte erzählt. Material und Farbe berichten, wer diesen Stoff gewebt hat, was ihm dabei wichtig war. Sie zeigen zum Beispiel Menschen, Mythen und Pflanzen der Aboriginies in Australien. Oder die Sorgfalt indischer Handwerker, die geduldig sechs Mal mit der Hand und einem handgefertigten Holzstempel (Pflanzen)-Farbe auf ein Gewebe stempeln, bis ein einzigartiger indischer Blockprintstoff entsteht.



Kleid aus einem Stoff mit Blockprints

Die Menschen, die Deine Stoffe herstellen, sind Dir wichtig. Ist Deine Ware fair-trade?
Ich beziehe unter anderem Stoff über Fair-Trade-Organisationen. Eine davon arbeitet in Südindien hauptsächlich mit Randgruppen zusammen – Frauen und HIV-Infizierten. Sie nähen, weben, stellen auch textile Fertigprodukte her und verdienen so ihr faires Einkommen. Auch in Westafrika arbeiten wir mit einer verifizierten Fair-Trade-Organisation. Für mich sind Zertifikate wie FAIR TRADE ein guter Hinweis, dass die Stoffe einen nachhaltigen Hintergrund haben. Aber viele Kooperativen/Familienbetriebe gerade in Indien, die ebenso fair arbeiten, können sich ein solches Zertifikat einfach nicht leisten. Deshalb gibt es für mich fairen Handel auch jenseits dieser Zertifikate.

Kennst Du alle Deine Hersteller?
Ich habe vor Ort den Grundstein gelegt für die Partnerschaften und kann jetzt auf ein breites Netzwerk und Kooperationspartner zählen. Dieses entwickelt und erweitert sich mittlerweile auch über Weiterempfehlung. Das letzte Mal waren wir als Team 2018 vor Ort. Gerade unsere Partner in Indien und Nepal leiden aktuell sehr stark unter der Corona-Pandemie. Wir unterstützen unsere Produzenten mit Bestellungen, die erst zu einem späteren Zeitpunkt geliefert werden können, damit das Einkommen von den Webern und Druckern dennoch gesichert ist.

Hast Du immer dieselben Stoffe im Angebot?
Nein. Denn die Herstellung ist abhängig von den Gegebenheiten eines Landes. Herrscht Trockenzeit, gibt es zu wenig Wasser, um Stoff zu weben und zu färben. Dann ist das eben so, und eine Bestellung verschiebt sich schon mal um ein paar Monate nach hinten. Aber das ist nicht schlimm. Dafür gibt es zu dieser Zeit wunderbare Stoffe aus anderen Gegenden.

Wir nehmen an, Du warst als Geografin schon viel unterwegs und bist nun auch als Unternehmerin überall auf der Welt anzutreffen. Welche Weltgegend hat Dich am stärksten beeinflusst oder beeindruckt?
Eindeutig Indien. Die Gegensätze, die Armut, die Slums, die vielen Menschen, die Farben, die Gerüche… das ist einmalig. Ich habe mich in Indien im Gegensatz zu Südafrika nie unsicher gefühlt und wenn man die geschäftstüchtige und manchmal schlitzohrige Art der Inder kennt, weiss man auch, wie man damit umgehen kann. Die aktuelle Coronasituation ist belastend. Wir versuchen, unsere Partner mit Vorabbestellungen und Bestellgarantien bestmöglichst zu unterstützen, damit ihre Existenz gesichert ist. Ich freue mich schon riesig auf die nächste Reise nach der Pandemie.

Es heisst: Wer reist, kann was erleben. Sicher musstest Du in Deiner Karriere schon viele Abenteuer bestehen. Erzähl mal, gab es schon brenzlige Situationen?
Abenteuer und Nervenkitzel pur ist das Autofahren in Indien. Die Fahrer bremsen für Kühe auf der Autobahn, aber nicht für entgegenkommende LKWs, die U-Turns und Geisterfahrten auf Autobahnen, weil einfach die Ausfahrt nicht richtig gelegen war, sind mir unvergesslich.

Sicher ist das Reisen manchmal auch eine Belastung. Hast Du einen Rückzugsort, einen Heimathafen?
Das ist meine Familie in Einsiedeln. Als wir vor drei Jahren im November aus Indien zurückkamen, war dies besonders an der frischen Luft spürbar. In Delhi ist zu dieser Zeit der Smog am schlimmsten, alles grau in grau, bei jedem Atemzug ist die schlechte Luft spürbar, man fühlt sich müde und unfit. Die frische Luft der Schweizer Berge war da wie eine Befreiung – ein Aufatmen und Ankommen und gleichzeitig wieder einmal ein Realisieren, wie gut es uns geht.

Welches war der schönste Moment seit der Firmengründung?
Der berührendste Moment in der Geschichte von Karlotta Pink war, als ich in Indien in einer unserer Produktionsstätten – eine Kooperative, die Frauen im Weberhandwerk ausbildet und sie auf den Weg in die Selbstständigkeit mit den notwendigen Kompetenzen begleitet – neben Amba am Webstuhl sass und ihr fasziniert zuschauen durfte, wie sie mit den vielen Schäften und Tritten in Handarbeit einen unserer Stoff herstellt. Man muss wissen, dass eine Weberin an einem Tag genau 1.5 m Stoff weben kann. 

Wie hat Covid-19 Karlotta Pink und Deinen Alltag beeinflusst? Gerade die Reisetätigkeit war sicher nur noch mit Einschränkungen möglich. Dafür gab es in der Schweiz und in Deutschland einen Nähboom. Hat sich dieser auf Dein Geschäft ausgewirkt?
Zu Beginn waren wir sehr unsicher, wie sich die Pandemie auf unser Geschäft auswirken wird. Weltweite Lockdowns, eingestellte oder nur sehr beschränkte Transportmöglichkeiten, wir wussten nicht, ob unser Geschäftsmodell weiterhin funktioniert. Glücklicherweise war unser Lager zu diesem Zeitpunkt sehr gut gefüllt und wir konnten den grossen Ansturm, der sich mit dem Lockdown in Deutschland einstellte, gut bewältigen. Man hat gemerkt, dass die Menschen nach kreativer Abwechslung gesucht haben und ihre Freude bis dato auch geblieben ist.

Du bist Geografin. Warum hast Du ursprünglich dieses Studium und diesen Beruf ergriffen?
Ich war schon immer Generalistin und nicht Spezialistin. Mich haben fremde Länder und Kulturen immer fasziniert. Das Studium habe ich allerdings eher in Ermangelung einer konkreten Idee für meine berufliche Zukunft begonnen, ich würde es aus heutiger Perspektive immer wieder so machen. Ich liebe es, die globalen Zusammenhänge zu verstehen, in den Alltag einzuordnen und Blickwinkel aus verschiedenen Kulturen heraus einzunehmen.

Arbeitest Du weiterhin als Geografin oder beansprucht Dich Karlotta Pink beruflich komplett?
Karlotta Pink hat mich wieder zurück zu meinen geografischen Wurzeln geführt. Ich habe sechs Jahre voll und ganz in den Aufbau von Karlotta Pink investiert. Meine Arbeit und Erfahrungen mit Karlotta Pink haben mir die Bedeutung von Nachhaltigkeit, die Sensibilität unseres Ökosystems, aber auch die Notwendigkeit des gegenseitigen Respekts und Toleranz zwischen den Kulturen nochmal mehr vor Augen und mich zurück an die Schule geführt. So habe ich 2019 neben Karlotta Pink mein Lehrdiplom für die gymnasiale Stufe absolviert und unterrichte nun seit zwei Jahren als Geografielehrerin am privaten Gymnasium in Einsiedeln. Meine Erfahrungen als Unternehmerin, als Reisende und als Mensch ergänzen sich wunderbar mit dem Ziel, meinen Schülern Allgemeinbildung und Perspektivenoffenheit mitzugeben.

Nähst Du selber? Wann hast du deine Begeisterung für das Nähen entdeckt und von wem hast du das Näh-Handwerk gelernt?
Das Nähen ist bei mir mit den Stoffen gekommen. Wenn man so viele tolle Stoffe immer um sich herum hat, dann kribbelt es einfach in den Fingern. Zum Glück ist mir gleich bei meinem ersten Markt mit Karlotta-Pink-Stoffen in München Stefanie Kroth über den Weg gelaufen. Nachdem sie über zwei Tage hinweg alle meine Stoffe 100 mal aufgerollt und auseinandergefaltet hat, war der Grundstein für unsere Freundschaft und Zusammenarbeit gelegt. Sie hat mir handwerklich sehr viel beigebracht und wir haben gemeinsam sehr viele Nähabenteuer erlebt.

Wohin soll Deine kreative und berufliche Reise noch gehen?
Das wird die Zeit zeigen. Auch wenn ich ein Planungsfreak bin, habe ich gelernt, dass alles kommt, wie es kommen soll.

Aus eigenem Interesse: Wir glauben, du nähst mit einer BERNINA. Stimmt’s? Magst du deine Maschine? 🙂
Ja, da bin ich im Team «BERNINA». Ich habe meine BERNINA activa 140 als Occasionsmaschine von einer älteren Dame gekauft, die wegen ihrer Augen das Nähen aufgeben musste und sich sehr gefreut hat, dass diese weiterhin in Einsatz steht.

Gibt es ein Zubehörteil, das du besonders magst?
Ich habe den Reissverschlussfuss #35 für den verdeckten Reissverschluss sehr lieben gelernt und seitdem auch die Angst vor Reissverschlüssen verloren.

Bild von Reissverschlussfuss # 35.

Reissverschlussfuss # 35

Reissverschlussfuss für nahtverdeckte Reissverschlüsse #35 bietet dank schräger Rillen die Möglichkeit, Reissverschlüsse an Kleidungsstücken und Accessoires verdeckt einzunähen.

Mehr erfahren

Fun facts 

Lieblingsort in der Schweiz?
Kein Ort, sondern die Berge allgemein, egal wo, es erdet mich, wenn ich von oben über die Weite blicken kann.

Lebensmotto?
«Veränderung gehört zum Leben». Diese anzunehmen, bringt einem immer wieder zu neuen Herausforderungen und wunderbaren Momenten. Es wird nie langweilig.

Da will ich noch bzw. wieder hin!
Oh, diese Liste ist lang… Nepal mit meiner Produktionspartnerin Pabita steht da ganz weit oben und Indien sowieso. Und im Kontrast dazu: Alaska und Lappland reizt mich privat sehr, da ich den Winter liebe.

Auftrennen oder «ach, egal»?
Gibt es was Schlimmeres als Auftrennen? Deshalb ganz klar «ach egal».

Lieblings-Label für Bekleidung / Stoffe / Schnitte?
In den letzten Jahren habe ich kaum mehr Kleidung gekauft. Die Kombi aus Karlotta-Pink-Stoffen und den Schnitten von SO! Pattern (https://www.so-pattern.com/) hat meinen Kleiderschrank gefüllt! Die Schnitte von SO! passen perfekt zu mir: sie sind geradlinig, super tragbar und durch die Anleitungen immer super zum Nähen.

Lieblings-Kleidungsstück?
Der Maxi-Rock «INES» von SO! Pattern aus einer handgewebten pinken Baumwollseide mit eingewebten silbernen Sarifäden.

Streichelst du Stoffe?
Na klar! Was für eine Frage. Jedesmal wenn eine neue Lieferung kommt, wird gestreichelt.

Ordnung im Nähzimmer oder organisiertes Chaos?
Da bin ich eindeutig die Fraktion «Chaos».


Mehr Informationen über Ines

Auf Ines’ Webseite,  Instagram-Kanal und Facebook-Profil erfahrt Ihr mehr über sie und Ihre tollen Projekte:

Webseite: www.karlottapink.com

Instagram: https://www.instagram.com/karlottapink_fabrics/

Facebook: https://www.facebook.com/KarlottaPink/


Wir werden weiterhin Interviews mit Näh-, Stick- und Quiltpersönlichkeiten im Blog publizieren. Fällt euch eine Person ein, von der ihr gerne mehr wissen würdet? Dann teilt uns deren Namen gerne in den Kommentaren mit.

Liebe Grüsse
Maria

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Kommentare zu diesem Artikel

7 Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Erforderliche Felder sind mit * markiert.

  • Franziska Sadeq

    Klasse Bericht, so weiss man wer hinter einem Label steckt👍👍👍👍👍👍

  • Magdalene GIESBERT

    Ich bin total neu hier. Ich finde das super dass Frauen in den Ländern gerade in Zeiten von Corona ünterstützt u gefördert werden. Herzlichen Glückwunsch. Könnte ich bei Ihnen Stoff  z. B. für Kinderbekleidung   oder für mich  bestellen bei Ihnen? Ich würde gern zum eigenen Bedarf zum Nähen  bei Ihnen kaufen. Geht das?

  • Magdalene GIESBERT

    Ich bin total neu hier. Ich finde das super dass Frauen in den Ländern gerade in Zeiten von Corona ünterstützt u gefördert werden. Herzlichen Glückwunsch. Könnte ich bei Ihnen Stoff  z. B. für Kinderbekleidung   oder für mich  bestellen bei Ihnen? Ich würde gern zum eigenen Bedarf zum Nähen  bei Ihnen kaufen. Geht das?

    • Kerstin Kroth

      Hallo,

      ja, das geht. Einfach direkt auf der Webseite bestellen.

      LG

      Kerstin von Karlottapink

  • ERIKA BORNEMANN

    Herzlichen Dank für das Interview über die Herkunft der wunderbaren Stoffe , das mit schönen , bunten Fotos versehen war. Auch ich liebe besonders die Australischen und die Blaudruckstoffe aus Südafrika.

    Liebe Grüße

    Erika

  • Karin Pawlak

    Ich habe diese Stoffe auch gekauft.. Die Qualität ist sehr gut, und die Auswahl der Stoffe aus aller Welt, riesig. Inzwischen gibt es soviele Stoffe von schlechter Qualität dass diese Firma sehr positiv ankommt.

  • mura2kami

    Tolles Interview und der Ansatz mit fairem Handel gefällt mir sehr.

    Und ich freu mich, das ich nicht so ganz alleine mit meinem Ansatz “ach egal”  bei kleinen Nähfehlern bin 😉

Liebe Leserin, lieber Leser des BERNINA Blogs,

um Bilder über die Kommentarfunktion zu veröffentlichen, melde Dich im Blog bitte an.Hier geht es zur Anmeldung.

Du hast dich noch nicht für den BERNINA Blog registriert?Hier geht es zur Registrierung.

Herzlichen Dank, Dein BERNINA Blog-Team