Kreative Artikel zum Thema Nähen

Rockabilly-Sommerlook, Teil 1:  Overall selber nähen

Selbst genähter Rockabilly-Overall

Gerade in diesem Sommer, in dem ein Urlaub unter Palmen durch die Pandemie und die bekannten Naturkatastrophen nicht möglich ist, entstehen die schönsten Träume von weißen Stränden, im Wind wogenden Palmen, leuchtenden Blumen und dichten Dschungeln im Kopf. So ging es zumindest mir.

Mit meinem neusten Sommeroutfit habe ich mir den Hawaii-Urlaub quasi nach Hause geholt – Direkt in einer Zeitkapsel verpackt, die uns in die fantastischen Fifties führt. Auf diese Reise, die mich zur Kombination zweier Schnittmuster und sogar einer Eigenkonstruktion geführt hat, nehme ich Euch jetzt mit.

Overall nähen – von der Skizze zum eigenen Schnitt

In den Vierziger und Fünfziger Jahren waren die süßen, kurzen Einteiler schon groß in Mode und auch heute sind sie wieder angesagt. So ein Overall, im englischen auch „Playsuit“ genannt, ist schon eine feine Sache – ein Teil, fertig und angezogen!

Während man sie heutzutage überall auf der Straße sieht, war diese Beinfreiheit vor 75 Jahren noch dem Garten oder Strand vorbehalten. Deswegen kam der Playsuit damals meist gleich als Set mit passendem Rock für darüber. So konnte man elegant zum Strand flanieren und musste dort dann nur noch den Rock schnell ausziehen.

Von Anfang an hatte ich eine Idee, wie mein Playsuit aussehen sollte, und habe alle Details erstmalig auf Papier gebracht.

Rockabilly-Overall mit Rock, Skizze

Nachdem ich schon so eine konkrete Vorstellung von meinem Playsuit hatte, war es natürlich schwer, das passende Schnittmuster zu finden. Das Internet ist groß und weit, aber genau diesen Playsuit mit eben jenen Details, die ihn so besonders machen, konnte ich nirgendwo finden.

Daher beschloss ich, einfach die Schnitte zu kombinieren, die mir besonders gut gefallen haben.

Ziemlich nah an meine Vorstellung kam das „Capri Set“ aus der Vintage Burda „die fantastischen Fifties“ aus dem Jahr 2014. Der Hosen-Teil brachte schonmal alles mit, was ich wollte: Abnäher, Nahttaschen und die süßen Aufschläge am Saum.

„Capri Set“ aus der Vintage Burda, 10/2014

Leider war das Oberteil mal so gar nicht mein Ding. Und einen versteckten Reißverschluss an der Seite wollte ich auch nicht.

 Also habe ich den Burda-Schnitt mit ein paar Schnitten kombiniert, die ich bereits genäht hatte:

  • Oberteil: „Lamour Dress“ von Charmpatterns
    Eigentlich ein Schnitt für ein Retrokleid mit Korsagen Oberteil. Ich habe das Oberteil im Stoffbruch und ohne die Falte im Vorderteil zugeschnitten.
  • Träger: McCall’s 8091
    Ebenfalls ein Kleiderschnitt, den ich bereits genäht habe. Das Besondere an diesen Trägern ist, dass sie nicht gerade, sondern leicht geschwungen geschnitten sind. Dadurch können sie sehr nah an den Armen sitzen, ohne aber beim Tragen ständig über die Schulter zu rutschen. Außerdem haben sie die perfekte Breite, um BH-Träger zu verdecken.

Zwei Schnitte kombinieren: So geht’s

Ich habe also das Oberteil des Lamour Dress mit dem Shorts-Unterteil aus dem Capri-Set kombiniert.

Damit die Abnäher an der Shorts und die Teilungsnähte am Oberteil später aufeinanderpassen, habe ich die Abnäher etwas versetzt und die Weite der beiden Teile an der Taille auf meine eigene Taillenweite gesetzt.

Damit hatte ich meinen Traum-Overall schon fast zusammengestellt. Nun fehlte nur noch der Besatz am Ausschnitt.

Schnitt für Ausschnitt-Blende selbst konstruieren

Für die geteilte Blende am vorderen Ausschnitt habe ich kein passendes Schnittmuster gefunden. Daher musste ich diesen Schnitt selbst erstellen. Den Schnitt für die Blende zu konstruieren, war für mich die größte Herausforderung bei diesem Projekt – immerhin habe ich keinerlei Ausbildung oder Erfahrung im Erstellen von Schnittmustern.

Die Breite der Blende orientiert sich an der Breite des Aufschlags am Hosenteil und der Knopfleiste am Rock. Da sie direkt über dem oberen Rand des Kleids liegt, habe ich die kurvige Form von dessen Schnitt abgenommen. Damit sie sich sauber darüberlegen kann, habe ich noch ein paar Millimeter Stoff hinzugegeben.

Blende des Overalls konstruieren

Der Rest der Konstruktion folgte nach dem Trial-And-Error-Prinzip. Es brauchte zwei Probeteile, bis die Blende wirklich gut auf das Oberteil gepasst hat, ohne vorne abzustehen oder Richtung Seitennaht hin Falten zu schlagen.

Sonstige Anpassungen am Schnitt
Vor dem Zuschneiden habe ich meinen Schnitt dann nochmal genau ausgemessen und gecheckt:

  • Sitzt die Taille an der richtigen Stelle, also an „meiner“ Taillenlinie?
  • Ist die Schrittlänge des Hosenteils lang genug?
  • Ist die Länge des Oberteils ausreichend oder ist es oben zu kurz?
  • Passen Taillen- und Brustweite? Hier sollte alles sehr eng sitzen

Und noch ein Tipp dazu von mir: Beim „Ausmessen“ eines Schnitts ist es wichtig, die „Bewegungsweite“ mit einzurechnen, damit das Kleidungsstück später nicht so eng wird, dass man sich darin nicht mehr bewegen kann. Zur Orientierung, an welcher Stelle welche Mehrweite dazugegeben wird, dienen meistens die Größentabelle und die Tabelle der fertigen Kleidungsmaße vom Schnittmuster-Hersteller.

Nachdem ich insgesamt mehrere Tage nur mit der Konstruktion des Schnitts verbracht hatte, ging es dann endlich ans Nähen:

Das Material

Der Schnitt selbst ist schon raffiniert, das Set bekommt seine „Rockabilly-Vibes“ aber vor allem durch den süßen Totenkopf-Hawaiistoff, den ich über Etsy erstanden habe.

Für den Playsuit braucht Ihr:

  • 1,5 m bedruckter Baumwollstoff**
  • 0,5 m schwarzer Baumwollstoff**
  • 1 m Seidensatin Futterstoff
  • 0,5 m Vlieseline G785 oder vergleichbare Bügeleinlage
  • Reißverschluss 50 cm
  • 2 kleine Knöpfe für den Besatz
  • Passendes Nähgarn

Das komplette Set habe ich auf meiner guten alten BERNINA Record 830 genäht. Ihr seht, es braucht dafür nicht mehr als eine einfache Maschine, die saubere gerade Nähte kann, sowie einen normalen Nähfuß und einen Reißverschluss-Fuß.

Das Oberteil für den Overall nähen

Als erstes habe ich das Oberteil genäht. Dafür habe ich alle Teile des Oberstoffs und des Futters zusammengenäht. Wichtig ist dabei:

  • Nach dem Zusammennähen die obere und untere Kante des Oberteils mit einer Stütznaht versehen, damit sich im Laufe des restlichen Nähprozesses nichts verziehen kann
  • Die Nahtzugaben der kurvigen Nähte im Taillenbereich einschneiden und kleine Dreiecke rausschneiden. So kann sich die Nahtzugabe besser in die Kurvenform legen

Das Oberteil ist im Originalschnitt dafür vorgesehen, mit Stäbchen verstärkt zu werden. Das war mir allerdings zu unbequem, zumal mein Playsuit ja dank der breiten Träger auch an Ort und Stelle bleibt. Um das Oberteil aber trotzdem etwas zu verstärken, habe ich im Futter-Innenteil feste Baumwollbänder eingenäht. Die geben dem Oberteil etwas Festigkeit und Form und wenn ich mich später mal entschließe, doch noch Stäbchen einzubauen, sind die „Tunnel“ dafür schon vorhanden.

Rockabilly Overall - das Futter verstärken

Als nächstes habe ich den Besatz nach meinem eigenen Schnitt genäht. Da ich noch nicht so genau wusste, wie der Schnitt rauskommen würde, habe ich erstmal ein Probeteil gemacht und noch etwas an der Form und Breite des Besatzstücks gefeilt.

Rockabilly-Playsuit, der Besatz

Am Ende wurde der Besatz dann noch etwas spitzer und kürzer als ursprünglich geplant.

Die Shorts für den Playsuit nähen

Im Vergleich zum Oberteil sind die Shorts einfach und schnell genäht. Sie werden mit Abnähern auf Figur gebracht, die als Erstes genäht werden. Danach werden die Nahttaschen an den Seitennähten eingenäht und dann die Seitennähte geschlossen.

Rockabilly Playsuit: die Shorts des Overalls

Nachdem dann auch die innere Beinnaht und die Schrittnaht fertig waren, kam noch der Aufschlag an die Hosenbeine. Wie man auf dem Bild sieht, könnt Ihr den am einfachsten sauber verarbeiten, Indem Ihr Euch die Umschlagkanten vor dem Nähen mit Kreide auf dem Stoff anzeichnet. So wird er perfekt gleichmäßig.

Shorts und Oberteil zum Overall verbinden

Nun war es Zeit für die finale Anprobe! Ich habe die Shorts und die Träger erstmal nur mit großen Stichen ans Oberteil geheftet und dann das Ganze mal angezogen. Nun wurde es spannend: Passt alles?

Die Hose saß super und auch das Oberteil passte einwandfrei. Lediglich die Träger musste ich noch etwas rauslassen, damit ihre Länge perfekt war.

Rockabilly-Playsuit, Anprobe des Overalls

Nachdem alles gepasst hat, habe ich die Shorts nochmal mit einem engen Stich an das Oberteil genäht und dieses dann mit dem Futter verstürzt.

Seitlich verdeckter Reißverschluss

Nun sind wir endlich bei meinem absoluten Lieblingsteil von diesem Nähprojekt und dem „Finishing Touch“. Seit ich endlich einen richtigen Reißverschlussfuß für meine BERNINA Record 890 besitze, bin ich ein absoluter Fan von seitlich verdeckten Reißverschlüssen.

Diese Art, den Reißverschluss einzusetzen, wurde in den Vierziger- und Fünfzigerjahren wesentlich häufiger genutzt als heute. Damals gab es noch keine nahtverdeckten Reißverschlüsse und wenn man bei einem Kleid oder einem Rock den Reißverschluss „verstecken“ wollte, funktionierte das nur auf diese Weise. Außerdem hat die überlappende Kante am Rückenteil einen tollen, dekorativen Effekt. Sie macht die Rückseite des Kleidungsstücks direkt interessanter.  

Das Einnähen dieses Reißverschlusses ist nicht ganz einfach. Genaues Arbeiten und vor allem Messen ist angesagt! Benötigt wird dafür allerdings nicht viel. Lediglich der Reißverschluss, ein Reißverschlussfuß – in meinem Fall der Reissverschlussfuss #4 – und ein gutes Bügeleisen!

Image of Reissverschlussfuss # 4.

Reissverschlussfuss # 4

Durch seine schmale Mittelzehe kommt der Reissverschlussfuss # 4 sehr nah an die Reissverschlusszähnchen heran und kann den Reissverschluss sauber annähen.

Learn more

Bevor der Reißverschluss eingenäht wird, wird der überlappende Schlitz vorbereitet. Das macht ihr, indem ihr mit dem Bügeleisen die Kanten des Schlitzes nach innen umbügelt.

Nun wird es knifflig! Damit der Reißverschluss später überlappt, werden an der linken Seite 6 mm umgebügelt und an der rechten Seite 1,5 cm. Die Maße müssen wirklich exakt stimmen, andernfalls sitzt der Reißverschluss später nicht richtig und der überlappende Teil liegt nicht am Kleid an. Damit das Futter später beim Öffnen und Schließen nicht in die Reißverschlusszähnchen gerät, wird es an jeder Seite ein paar Millimeter mehr eingeschlagen als der Oberstoff.

Grundsätzlich kann ich nur einen wichtigen Tipp dazu geben: Messen, messen, messen! Lieber einmal zu viel nachgemessen als zu wenig. Ich habe die Technik aus diesem genialen Video von Gretchen Hirsch gelernt:

Linke Seite einnähen

Als erstes wird die Seite des Reißverschlusses eingenäht, die später verdeckt werden soll. Das ist noch ziemlich einfach. Hier reicht es aus, den Reißverschluss ordentlich an die Schlitzkante zu stecken. Der Stoff liegt dabei direkt neben den Zähnchen.

Reissverschluss einnähen

Rechte Seite einnähen

Nun wird es knifflig! Denn jetzt kommt die zweite Seite des Reißverschlusses, die sauber über der ersten liegen soll.

Am Wichtigsten ist, dass die beiden Kanten zwischen Oberteil und Hosenteil auch wirklich exakt aufeinandertreffen. Deswegen werden diese zuallererst gesteckt oder geheftet. Ausgehend von der Mitte wird der Rest des Reißverschlusses dann nach oben und nach unten eingesteckt.

Reissverschluss einpassen

Die Kante des überlappenden Teils muss nun ganz exakt auf der Nahtlinie der rechten Seite liegen. Ich habe den unteren Teil des Reißverschlusses später noch zusätzlich geheftet, damit beim Nähen nichts verrutschen kann.

Reissverschluss vor dem Einnähen heften

Dann kam ganz zum Schluss – die letzte Naht!

Abschlussarbeiten:

Danach ist noch etwas Handarbeit angesagt, um das Futter am Reißverschlussschlitz und dann an der Nahtzugabe des Oberteils zu befestigen. Den Abschluss dieses Nähprojekts bildeten die zwei kleinen Knöpfe, welche die Blende am Ausschnitt an Ort und Stelle halten.

Rockabilly-Overall: Knöpfe an der Blende

Fazit: Let’s Play, Playsuit!

Der Hawaiiprint mit den Totenköpfen versetzt mich direkt beim Tragen in Urlaubsstimmung. Da ist es dann auch egal, ob ich mich auf Hawaii befinde oder eben doch nur am Neckarstrand.

Rockabilly-Overall selber nähen

Ich denke, meine Fotos sprechen für sich. Ein kurzer Overall ist definitiv nicht nur für Models! Durch die enge Taille und die weiten Hosenbeine zaubert er eine grandiose Sanduhr-Figur, gleichzeitig ist er aber auch ultrabequem und pflegeleicht. Außerdem hat er Taschen! Was könnte es für ein einfacheres und gleichzeitig elegantes Kleidungsstück geben?

Vintage-Overall: Seitentaschen

Und kann man das jetzt auch tragen? Overalls sind nicht umsonst diskutierte und oft ungeliebte Kleidungsstücke. Passen sie nicht richtig, sehen sie schnell unförmig aus und machen eine sehr unvorteilhafte Figur. Ist die Form des Overalls allerdings gut auf den eigenen Körper abgestimmt, machen sie echt was her. Zugegeben, es ist etwas kompliziert, damit auf die Toilette zu gehen, trotzdem möchte ich dieses Teil in meiner Garderobe nicht mehr missen.

Was eine Sache angeht, bin ich aber wohl doch etwas altbacken: Der Overall allein ist für mich eher ein Outfit für den Badesee oder eine Gartenparty. Daher brauche ich unbedingt noch den geknöpften Rock für darüber.

Und wie ich den genäht habe, zeige ich Euch im Artikel „Vintage-Sommerlook Teil 2“. Dieser erscheint hier im Blog bereits am nächsten Montag.

Bis dahin wünsche ich Euch ein wunderschönes Wochenende! Wir lesen uns wieder, hier auf dem Blog.

Bis dahin

Eure Lasercat

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