Kreative Artikel zum Thema Nähen

Interview mit der ukrainischen Stickerin Natalia Patola

Liebe Leserinnen, liebe Leser

“Aus dem Nähkästchen geplaudert”, so lautet der Titel unserer Interviewserie, in der wir Persönlichkeiten aus der Textilbranche vorstellen. Heute haben wir auf diesen Titel verzichtet, weil er uns unpassend scheint. Zwar unterhalten wir uns mit einer Person, die beeindruckende textile Werke schafft. Es ist aber keine Plauderei, und es dreht sich bei weitem nicht nur ums Nähkästchen. 

Unsere Interviewpartnerin Natalia Patola ist Ukrainerin. Sie lebte und arbeitete in Kyjiw, wo sie mit einer BERNINA aurora 450 traditionelle ukrainische Kleidungsstücke schuf. Natalia leidet an einer Erkrankung des Immunsystems. Der Kontakt mit anderen Menschen kann für sie lebensbedrohend sein. Mit der BERNINA konnte sie ihren Lebensunterhalt bestreiten und Geld für den Kauf teurer Medikamente verdienen, ohne die Wohnung verlassen zu müssen. Bis sie durch den Krieg zur Flucht gezwungen wurde.

Inzwischen lebt Natalia in Polen und hat ihre Arbeit wieder aufgenommen – mit einer BERNINA 700, die wir ihr über unseren polnischen Importeur zur Verfügung stellen konnten.

Das folgende Interview ist keine leichte Kost. Bitte lest es trotzdem. Es wird Euch bedrücken, aber auch berühren und ergreifen. Es zeigt, wieviel Kraft in einem einzelnen Menschen steckt, der sein Leben unter schwierigsten Umständen gestaltet.

Bitte schaut Euch auch die Werke von Natalia im Beitrag unten und auf ihrem Facebook-Kanal an! Sind die Stickereien nicht aussergewöhnlich schön? Vielleicht mögt Ihr selber ein Werk von Natalia kaufen. Dann könnt Ihr das über Natalias Etsy-Shop tun.

Interview mit Natalia Patola

Liebe Natalia, wer bist du und was machst du? Kannst du dich als Person in ein paar Sätzen beschreiben?
Ich bin eine Ethno-Näherin. Vor dem Krieg habe ich bestickte Hemden hergestellt. Dank BERNINA mache ich das jetzt wieder.

Du warst aber nicht immer in der Textilbranche tätig, oder?
Ich bin gelernte Historikerin und habe nach dem Studium geforscht. Meine Krankheit hat meiner wissenschaftlichen Arbeit aber ein Ende gesetzt. Danach war ich im Bereich Grafikdesign tätig und arbeitete als Layouterin für den Verlag Smoloskyp. Dieser unterstützte die Rückkehr der vom Sowjetregime unterdrückten ukrainischen Autoren. Das heisst, ich verliess die Geschichtswissenschaften und landete wieder bei der Geschichte. Nach dem Tod des Verlagsgründers, Osyp Zinkevych, hatte ich die Wahl, mir einen neuen Verlag zu suchen oder meinem Traum zu folgen und mein eigenes Unternehmen zu gründen. Ich habe die Unternehmensgründung gewagt und es nie bereut.

Am 24. Februar griff Russland die Ukraine an. Du warst da in Kyjiw. Wie hast Du den Krieg erlebt, was hast Du getan?
Für mich begann der Krieg im Morgengrauen mit dem Anruf meiner Schwester: “Trojeschina wird bombardiert”. Das ist das Quartier, das neben uns liegt. Das stimmte zwar nicht, die Nachbarstädte Boryspil und Brovary wurden bombardiert, aber meine Mutter und ich nahmen schnell Rucksäcke mit Dokumenten und versuchten, uns so weit wie möglich von den Hochhäusern zu entfernen. Damals dachten wir, dass Wälder und Seen, in denen es keine militärischen Einrichtungen gab, sicher sein würden. Dann sahen wir im Fernsehen, wie feindliche Hubschrauber in ähnliche Seen auf der anderen Seite von Kyjiw stürzten. Wir hörten, dass eine Rakete direkt über unseren Häusern abgefangen wurde. So beschlossen wir, in den Luftschutzkeller zu gehen.

Wie war die Zeit im Luftschutzkeller?
Ich las ein Kinderbuch, das ich am Vortag für meine Nichte gekauft hatte. Es war das Buch “Vorwärts, Drachen!” von Katya Shtanko. In Friedenszeiten fehlte mir immer die Zeit, um Märchen zu lesen. Jetzt fühlte ich mich wie in einem Traum einer anderen Person. Wir sammelten die Trümmer einer abgeschossenen Rakete in unserem Hof ein, in einer neuen schönen Ecke der Stadt, wo man am Tag zuvor noch Kinderlachen hörte. Nun sassen diese Kinder in den Kellern der Luftschutzkeller. In unserem Luftschutzkeller sass eine Frau mit einem Baby, das erst zwei Tage alt war, als der Krieg begann.

Womit hast Du Dich in dieser Zeit beschäftigt?
Das Wichtigste waren die Nachrichten. Das mobile Internet funktionierte weiterhin, sodass wir versuchten, die Ereignisse zu verfolgen. Unser Militär hat in diesen ersten Tagen des Krieges das Unmögliche geschafft.

Hattest Du mit diesem Krieg gerechnet?
Bis zum letzten Tag bestand die Hoffnung, dass es sich nur um eine zweite Kubakrise handelte und dass der gesunde Menschenverstand siegen würde. Obwohl ich wusste, dass ein ausgewachsener Krieg schrecklich sein würde. Die Ukraine hatte bereits die Erfahrung gemacht, dass Murawjows Truppen 1918 Kyjiw angriffen, und es gibt noch lebende Zeugen der Ereignisse von 1939 in der Westukraine. Wir könnten lange über die Verbrechen der Sowjetregierung sprechen, deren Nachfolger das heutige Russland ist, aber das ist nicht der Inhalt dieses Blogs.

Gemeinsam mit Deiner Mutter bist Du nach Polen geflohen. Wie kam es dazu?
Seit dem 1. März verkehren Evakuierungszüge von Kyjiw nach Lwiw. Die Leute aus unserem Luftschutzkeller, die versucht hatten, die Stadt zu verlassen, erzählten von den unglaublichen Warteschlangen. Es sei unmöglich, einen solchen Zug zu besteigen. Wir hatten einfach Glück. Am Morgen des 3. März beschlossen wir, zum Bahnhof zu gehen und uns die Situation mit eigenen Augen anzusehen. Wir näherten uns dem Bahnhof, und dort rannten die Leute irgendwo hin. Wir sind mit ihnen gerannt. Wir konnten sehen, dass ein Zug nach Lwiw fuhr. Meine Mutter und ich hielten uns an den Händen, um nicht in der Menge unterzugehen. Die menschliche Welle trug uns in den Zug. Wir waren verängstigt. Der Raketenangriff auf den Kyjiwer Hauptbahnhof erfolgte etwa eineinhalb Stunden, nachdem wir die Stadt verlassen hatten.

Natalias Mutter

Wie ging es in Lwiw weiter, wie seid Ihr über die Grenze gekommen?
In Lwiw sollten wir von Bekannten abgeholt werden. Das war aber nicht möglich, da der Zug verspätet ankam und die Ausgangssperre näher rückte. Es war dunkel, es schneite, man hörte Sirenen. Meine Mutter hoffte, sich im Bahnhof verstecken zu können, aber dieser war überfüllt. Wir standen in der Mitte eines Platzes auf dem Kopfsteinpflaster im Freien. Ich rief Freunde meines Bruders an, die 2015 mit ihm im Osten der Ukraine gekämpft hatten. Diese nahmen uns für die Nacht bei sich auf und übergaben uns am Morgen an Freiwillige, die uns halfen, die Grenze zu erreichen. Gleich hinter dem Tor des Grenzübergangs befand sich ein warmes Freiwilligenzelt, in dem wir verpflegt wurden. Wir erhielten einen kostenlosen Transport nach Warschau und konnten dann mit dem Zug nach Breslau reisen.

Was hattet Ihr dabei?
Wir reisten mit zwei kleinen Rucksäcken, in denen sich Dokumente, etwas Unterwäsche und eine Tafel Schokolade für zwei Personen befanden. Meine BERNINA aurora 450 war im Luftschutzkeller dabei. Ich hatte gehofft, sie mitnehmen zu können. Doch Leute, die am Vortag abgereist waren, erzählten, dass sie aufgrund des Gedränges einen Koffer mit Babywindeln auf dem Bahnsteig verloren hatten. Mir wurde klar, dass es schwierig sein würde, die Stickmaschine unter solchen Bedingungen mitzunehmen. Ich brachte sie deshalb zurück in die Wohnung und hoffte, dass das Haus überleben würde.

Wie sieht Euer Alltag in Polen aus?
Wir leben bei einem polnischen Freiwilligen in einer Wohnung. Meine Werkstatt ist ein Tisch in der Küche. Eigentlich ist das Leben eines Flüchtlings ein unwirkliches Karussell aus Papierkram, der Suche nach Arbeitsmaterialien, dem Versuch, sich auf den Arbeitsprozess selbst zu konzentrieren, der Kommunikation mit Kunden, die seit der Vorkriegszeit auf einen warten … Das Wertvollste ist der friedliche Himmel über dem Kopf und die enorme Unterstützung von Menschen aus der ganzen Welt.

Du leidest an einer Immunschwäche. Der Kontakt mit Menschen ist für Dich gefährlich. Wie war es möglich, unter diesen Umständen zu fliehen und wie lebst Du jetzt?
Wenn Raketen vom Himmel fallen, sieht die Immunschwäche nicht so schlimm aus. Auch wenn das irreführend ist. Ich hatte eine Atemschutzmaske der Klasse FFP3. Ich habe sie während meines Aufenthalts im Luftschutzkeller rund um die Uhr getragen. Neben den Menschen im Luftschutzkeller gab es auch noch Pilze an den Wänden. Wegen meiner Immunschwäche sind das meine grössten Feinde. Am fünften Tag stellte ich fest, dass meine Atemschutzmasken die Pilzsporen nicht aufhielten. Ich versuchte, systemische Antimykotika zu finden, aber zu dieser Zeit waren diese nicht in Apotheken erhältlich. Im Labor wachsen Schimmelpilze in vitro drei Wochen lang. Das war die Zeit, die ich hatte, um an Medikamente herankommen und mit der Einnahme zu beginnen, bevor es zu spät sein würde. Ich war mir dieses Risikos sehr bewusst.

Wie geht es Dir nun?
Ich kam ziemlich krank in Polen an. Ich hatte eine sehr schwierige Zeit. Auch heute ist die Situation alles andere als gut. Um die Basisimmuntherapie fortzusetzen, benötige ich derzeit Gamma-Interferon-Medikamente, die meine Immunschwäche auf das Niveau eines gesunden Menschen ausgleichen können. Vor dem Krieg haben wir sie in Russland gekauft, wo sie günstiger waren als in Deutschland, etwa 2’500 Dollar statt 12’000 Euro. Dies sind die Kosten für eine sechsmonatige Therapie, die jährlich absolviert werden muss. Dies ist jedoch nur etwa ein Drittel der medizinischen Kosten. Ich benötige viele andere Medikamente, um chronische Infektionen zu behandeln, die sich vor der korrekten Diagnose entwickelt haben, primäre Immundefekte. Im Moment bin ich nicht sicher, ob meine Flüchtlingsversicherung in Polen mir eine vollständige Behandlung ermöglichen wird.

Du hast über Facebook mit uns Kontakt aufgenommen. Wie kam es dazu?
Das hat mit Mykola Podrezan zu tun. Er hat 60 Länder im Rollstuhl bereist und ist Autor des Fotoprojekts “Planet Erde – ein Blick aus dem Rollstuhl”. Ein Bild zeigt ihn am 24. August 2021, dem Unabhängigkeitstag der Ukraine, in Kyjiw. Auf diesem Bild trägt er ein Hemd von mir. Als ich unterwegs nach Polen war, rief er mich an und sagte: “Du musst weiter sticken.” Ich fragte ihn, wie. Schliesslich konnte ich meine BERNINA nicht im Rucksack mitnehmen. Er sagte: “Du hast Deine Hände und Dein Wissen dabei. Du wirst zu einer Stickmaschine kommen.” Da entschloss ich mich, BERNINA zu kontaktieren.

Mykola Podrezan am 24. August 2021, dem Unabhängigkeitstag der Ukraine, in Kyjiw.

Du hast Deine Arbeit wieder aufgenommen, nähst und bestickst traditionelle ukrainische Kleidung, die Du online verkaufst. Wie sieht Dein Angebot aus?
Das Besondere an meinem Angebot ist Kombination von traditionellen Ornamenten und den neuesten modernen Technologien. Die Maschinenstickerei macht es mir möglich, auf besonders dünnen Stoffen zu arbeiten. Das Handsticken wäre da extrem schwierig, langwierig und teuer. Es würde auch eine unmenschliche Belastung für die Augen darstellen. Da es sich um Maschinenstickerei mit BERNINA handelt, erhalte ich eine Qualität, die der manuellen entspricht. Ihr habt Bilder meiner Hemden gesehen, bei denen ich weiss auf weiss sticke. Ich habe mit Handstickern gesprochen, die mir nicht glauben wollten, dass es sich bei meinen Werken um Maschinenstickerei handelt, bis ich ein Video zeigte. Ich arbeite mit praktischen, modernen Schnittmustern. Meine Hemden passen sowohl zu Jeans als auch zu einem Anzug.

Welches Material verwendest Du?
Nur natürliche Stoffe. 99% davon ist Leinen, also Flachs. Wenn man es in einem Satz zusammenfasst: Ich brauche traditionelle Ornamente, moderne Muster, Garne aus dem Spitzensegment – von Mettler, Gunold und Madeira –, wasserlösliche Vliese, natürliche Stoffe – reines Leinen oder Baumwolle – und meine BERNINA.

Welche Rolle spielen traditionelle Textilien in der ukrainischen Kultur?
Bestickte Hemden haben in der Ukraine seit vielen Jahrhunderten Tradition. In gewisser Weise sind sie Teil der ukrainischen Identität geworden, ein Symbol für den Kampf um die Freiheit und Unabhängigkeit des Landes. Dabei gibt es eine sehr grosse Vielfalt, mit charakteristischen Ornamenten für verschiedene Regionen, sogar für einzelne Dörfer. Das bestickte Hemd – die Wyschywanka – ist bei allen wichtigen Familienfesten präsent, also bei Hochzeiten, Geburtstagen, Erstkommunion, Schulferien. Gefallene Soldaten werden oft in bestickten Hemden beerdigt. Seit 2006 wird der Internationale Wyschywanka-Tag am dritten Donnerstag im Mai begangen. An diesem Tag tragen die Ukrainer in verschiedenen Teilen der Welt ihre bestickten Hemden und gehen zur Wyschywanka-Parade.

Wer sind Deine Kunden? Verkaufst Du in die ganze Welt?
Ja, meine bestickten Hemden gibt es in Kanada, Italien, der Schweiz, Zypern und sogar auf den Bermudas. Ich sticke normalerweise für Familienfeste. Obwohl die Hemden meist für Männer bestimmt sind, werden sie auch von Müttern, Grossmüttern, Töchtern, Ehefrauen und Bräuten bestellt, die ihren geliebten Ehemännern ein besonderes Geschenk machen wollen. Kurz vor dem Krieg, als das Interesse an der Ukraine in der ganzen Welt wuchs, erhielt ich viele Bestellungen von Männern aus verschiedenen Ländern. Heute handelt es sich bei der überwiegenden Mehrheit meiner Kunden um nicht-ethnische Ukrainer. Ich bin immer sehr besorgt, wenn ich solche Aufträge ausführe. Alles soll perfekt sein, denn durch meine Arbeit lernen diese Menschen die Ukraine kennen.

In der Ukraine hast Du mit einer BERNINA aurora 450 genäht und gestickt. Wir können kaum glauben, was für kunstvolle Kreationen Du damit gemacht hast. Wie bist Du auf die aurora 450 gekommen?
Ich habe die Maschinenstickerei zum ersten Mal in einem Fachforum gesehen und sie hat mir sehr gut gefallen. Vor allem wollte ich einen schönen Kreuzstich, und nachdem ich mir viele Arbeiten im Forum angesehen hatte, wurde mir klar, dass BERNINA einen perfekten Kreuzstich macht. Es war 2014, die Ukraine befand sich bereits im Krieg. Ich arbeitete an einem grossen Druckprojekt und hoffte, vom Lohn Medikamente für den nächsten Behandlungszyklus kaufen zu können. Zum Zeitpunkt des Zahlungseingangs gab es jedoch einen solchen Inflationssprung, dass ich meine Medikamente nur für drei der erforderlichen sechs Monate kaufen konnte. Und die Preise für die BERNINA aurora blieben stabil. Trotzdem haben wir nicht gezögert. Das Honorar vom Verlag ging sofort an den BERNINA Händler, und einen Monat später hatte ich meine Schönheit. Das Stickmodul wurde von einer der ersten Gehaltserhöhungen meines Bruders bezahlt, der als Offizier zu dieser Zeit bereits die Ukraine im Osten verteidigte.

Über unseren polnischen Importeur konnten wir Dir eine B 700 zur Verfügung stellen. Ich hoffe, Du hast Freude an der Maschine?
Ja, sehr, sehr! Ich habe von ihr geträumt. Es ist viel bequemer und funktioneller, mit ihr zu arbeiten. Obwohl ich meine aurora 450 geliebt habe, die acht Jahre lang für mich gearbeitet hat. Ich wurde manchmal müde, aber meine Maschine wurde es nie. Ich hoffe, dass ich irgendwann in der Lage sein werde, sie abzuholen.

Von wem hast Du das Nähen und Sticken gelernt?
Meine Mutter hat mir als Kind die Handstickerei beigebracht. Ukrainische Mädchen lernen das Sticken fast alle in früher Kindheit. Was das Nähen betrifft, so habe ich in der Schule einen ausführlichen Kurs in der Technik des Nähens leichter Frauenkleidung und den Grundlagen des Kleidungsdesigns absolviert. Zwei Jahre lang gab es jede Woche einen festen Tag, den Donnerstag, an dem nur Nähunterricht stattfand. Meine Lehrerin Lyubov Rozhdestvenets hatte viele Jahre lang als Schneiderin in einer grossen Bekleidungsfabrik gearbeitet, bevor sie Lehrerin wurde. Sie liebte ihre Arbeit und uns, ihre Schüler. Diese Kombination führt immer zu einem grossartigen Ergebnis.

Wurde in Deiner Familie schon früher genäht und gestickt?
Mein Grossvater väterlicherseits war Schneider. Die Stickerei wurde in der Familie nicht professionell, sondern nur als Hobby betrieben; meine Mutter, Tanten und Cousinen stickten. Es gibt aber eine einzigartige Familiengeschichte, die von bestickter Kleidung handelt: Meine Grossmutter Maria, die Mutter meines Vaters, erhielt ihre erste vollständige Tracht im Alter von 18 Jahren. Es war eine sehr gute und teure Tracht. Sie bestand aus bestickter Bluse, langer Weste – der Horsik –, Blumenrock und Bund. Eine solche Kleidung wird normalerweise vererbt. Meine Grossmutter brachte drei Söhne zur Welt. Die Schwestern meines Grossvaters baten sie darum, die Tracht einem dieser Söhne zu schenken. Sie sagten: “Warum willst Du sie behalten? Du hast keine Tochter”. Meine Grossmutter antwortete: “Es wird eine Enkelin geben”. Aber auch die Enkelkinder waren Jungen. Alle vier älteren Enkelkinder. Ich bin das einzige Mädchen unter ihren Enkelkindern. Mein jüngerer Bruder ist wieder ein Junge. Meine Grossmutter schenkte mir die Tracht, als ich ein Teenager war. Sie hatte sie mehr als 50 Jahre lang für mich aufbewahrt.

Natalias Grossvater Volodymyr (rechts) mit seinem Bruder. Die beiden tragen Kleidung, die von Volodymyr genäht wurde.

Natalias Grossmutter Maria in Tracht, bestehend aus bestickter Bluse, Weste, Rock und Bund.

Wie hast Du die Ausbildung im Bereich Textil und Wirtschaft fortgesetzt? Wir gehen davon aus, dass Du aufgrund Deiner Erkrankung keine Schule besuchen konntest.
Wir leben im Zeitalter des Internets und der Bibliotheken. Ich habe das Maschinensticken in Online-Kursen gelernt. Die Technik, den Umgang mit  Sticksoftware. Ich lese viel Fachliteratur und tausche mich mit erfahreneren Kollegen aus. Während der Covid-19-Pandemie hat das Berufsbildungssystem in der Ukraine ausgezeichnete elektronische Lehrbücher zum Nähen herausgegeben. Ich kaufe auch gerne Fachliteratur aus den 60er- und 70er-Jahren bei Antiquariaten. Es gibt da sehr schöne Schnitte und gut aufbereitete Infos zur Schnittkonstruktion. Man muss heute nicht physisch in einer Klasse anwesend sein um zu lernen. Allerdings fehlt mir eine Hochschulausbildung in Modedesign und eine praktische Ausbildung bei führenden Modedesignern. Ich habe ein stark ausgeprägtes Hochstapler-Syndrom.

Wie war die Corona-Pandemie für Dich als Person mit Immunschwäche?
In diesem Fall wurde meine Immunschwäche zu einem Vorteil und nicht zu einem erschwerenden Umstand. Ich erkrankte in einer relativ milden Form. Natürlich waren wir sehr vorsichtig. Es waren Jahre der strengen Isolation, die nur durch den Krieg unterbrochen wurde. Ich habe eine Menge schöner Leinenmasken gestickt und genäht. 🙂

Hat sich der Stil oder die Bandbreite deiner Kreationen im Laufe der Jahre verändert?
Der Stil hat sich sehr verändert. Von “ich sticke alles in einer Reihe auf jedes freie Stück” bin ich fast ausschliesslich zu komplexen Produkten im traditionellen Stil übergegangen, bei denen wir zuerst sticken und erst dann nähen. Es ist eine Herausforderung, mit der Maschine zu sticken, was vorher nur mit der Hand gestickt wurde. Und zwar so, dass man nicht sieht, dass es maschinell gestickt ist.

Wo suchst Du nach neuen Ideen/Inspiration?
Im historischen Erbe meines Volkes.

Nähst und stickst Du für den eigenen Bedarf?
Mit grosser Freude, aber selten. Es fehlt die Zeit.

Welches ist Dein bisheriges Lieblingsprojekt und warum?
Ein Herrenhemd weiss auf weiss mit Hohlsaum. Das ist ein traditionelles Ornament aus der Region Poltawa in der Ukraine. Die Entwicklung eines so reichhaltigen Musters mit kleinen Abständen zwischen den Elementen war eine grosse Herausforderung für mich, die Maschine und die Technik. Im Design sind 1680 Elemente enthalten. Mit der aurora 450 habe ich es mit fünf Rahmungen umgesetzt. Nachdem dieses Projekt gelungen war, habe ich mich wie ein Halbgott gefühlt :-).

Was gefällt dir am meisten an deinem Job?
Das Feedback der Kunden.

Was ist das Aufwendigste, das Du je genäht oder gestickt hast?
Das ist schwer zu sagen, ich arbeite generell im Bereich der eleganten und aufwändigen Dinge :-). Vielleicht war es das Taufset für eine kleine Nichte.

Wie entspannst Du nach der Arbeit? 
Eigentlich bin ich ein Workaholic. Daher habe ich sehr wenig Freizeit. Ich versuche, in der Nachbarschaft spazieren zu gehen, um mich wenigstens fit zu halten.

Hast Du andere Leidenschaften neben dem Nähen?
Stricken und Häkeln, Typographie und Design am Computer, Fotografie, medizinische Übersetzungen im Bereich Immunologie.

Wie sehen Deine Pläne aus? Bleibst Du vorerst in Polen oder planst Du, in Deine Heimat zurückzukehren?
Ich würde gerne nach Hause zurückkehren, sobald es dort sicher ist. Für den Moment werde ich aber in Polen arbeiten.

Gibt es nach all dem, was Du erlebt hast, eine Botschaft, die Du uns mitgeben möchtest?
Kümmert Euch um Eure Verwandten, seid lieber zu ihnen. Was heute grundlegend und unerschütterlich erscheint, kann sich morgen dramatisch ändern. Niemand hat je bedauert, dass seine Familie zu zärtlich und herzlich war.


Kurz und bündig

Hast Du einen (Näh-)Tick?
“Die Naht ist um einen halben Millimeter abgewichen. Das ist ein schrecklicher Fehler!”

Soundtrack zum Nähen?
Stille, um die technischen Geräusche gut zu hören, während die Maschinen laufen.

Motto beim Nähen?
Qualität, nicht Quantität

Lieblingsort?
Kyjiw, Nebrezh- und Martyshiv-See

Das ist typisch ukrainisch an mir:
Ich kann nie genug Stoff und Garn haben.

Lieblingsnähutensil?
Frymyk – ein universelles Gerät, das ich von meinem Grossvater bekommen habe. Mit seiner Hilfe ist es möglich, Löcher zu machen, ohne den Stoff zu zerstören, Heftstiche zu entfernen und kleine Falten auf kalte Weise zu bügeln.

Lieblingszubehör von BERNINA?
Der BERNINA Mega Hoop

Ein Zubehörteil, das noch erfunden werden muss?
Ein Stickrahmen, der 50 cm lang ist 🙂

Einkaufstipp für Nähbegeisterte?
Qualitätsprodukte entstehen nur aus Qualitätsmaterialien.

Da möchte ich einmal hingehen:
Paris

Grösstes Nähdesaster bisher?
Ich habe einen Hohlsaum mit wasserlöslichen Fäden gestickt.

Wofür würdest Du mitten in der Nacht aufstehen?
Um ein Projekt zu beenden.

Redest Du mit Deiner Nähmaschine? 
Nein, wir kommunizieren durch Telepathie.

Dein Superheld / Deine Superheldin?
Das ukrainische Militär

Nähte auftrennen oder “Ach, egal”?
Sogar fünfmal hintereinander auftrennen, bis es perfekt wird.

Ordnung im Nähzimmer oder organisiertes Chaos?
Absolutes Chaos 🙂

Wichtigster Tipp für Stickanfängerinnen?
Nicht an die neue Stickmaschine gehen, bevor man die Anleitung gelesen hat.


Mehr Informationen über Natalia

Auf Natalias Social-Media-Kanälen erfahrt Ihr mehr über sie und ihre tollen Projekte:

Etsy: https://www.etsy.com/shop/NataliaPatolaEmbArt

Facebook: https://www.facebook.com/nataliapatolaembroidery


Wir werden weiterhin Interviews mit Näh-, Stick- und Quiltpersönlichkeiten im Blog publizieren. Fällt euch eine Person ein, von der ihr gerne mehr wissen würdet? Dann teilt uns deren Namen gerne in den Kommentaren mit.

Liebe Grüsse
Matthias

Ähnliche Inhalte, die dich interessieren könnten

Kommentare zu diesem Artikel

13 Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Erforderliche Felder sind mit * markiert.

  • Stefanie Benz

    Liebe Natalia, mir fehlen die Worte! Ich bin sehr beeindruckt von Deinem Mut und Deiner Zuversicht! Wünsche Dir und Deinen Liebsten alles, alles Gute! Schön, dass Dich die Stickereien so positiv stimmen! Liebe Grüße, Stefanie

    • Nataliia Patola

      Danke Stephanie!
      Ja, bestickte Hemden sind ein Teil unserer Kultur. Die Kultur, die das sowjetische Unterdrückungssystem so sehr zu zerstören versuchte und die die derzeitigen Russen in den eroberten Gebieten zerstören. In größerem Maßstab ist dies mein kleiner Teil des Kampfes.

  • doris24

    Wau, was für eine Frau, Hut ab für das, was Sie fertigt und das was sie alles hinter sich hat. Wie digitalisiert sie Ihre Muster toll? So hoffe ich das, Sie jetzt nach vorne schauen kann Ihr und dem Land, das Ihre Heimat ist, es bald besser geht und dieser elende Krieg, ein Ende findet. Zwischendrin, beim Lesen, stockt einem der Atem. Doch möchte ich ihr viel Kraft und alles Liebe wünschen.

  • Gabi Bartoldus

    Danke, dass Ihr auch so einen – berührenden – Bericht bringt unter dieser Rubrik. Bitte mehr davon!!!und Danke, dass BERNINA  mit dieser tollen Maschine Natalia unterstützt, sodass sie ihr Einkommen sichern kann! Gezielte Projekte – finde ich einfach klasse 🙂

    • Nataliia Patola

      Danke Gabi! Ich hoffe, dass wir bald (das würde mir sehr gefallen) ein iiteres Interview aufnehmen können, bereits aus dem friedlichen Kyjiw.

      Die ukrainische Hauptstadt war eine sehr schöne Stadt, und ich hoffe, sie wird es auch bleiben. Ich lade dich ein, wenn alles vorbei ist 🙂

  • Jutta Hellbach

    Liebe Natalia, lieber Matthias,vielen Dank für diesen eindrücklichen Bericht. Es fällt schwer hier die richtigen Worte zu finden. Das Kriegsgeschehen in der Ukraine begleitet auch uns seit Monaten und ist doch so fern. Solange man selbst verschont bleibt, scheint vieles gut und der Verdrängungsmechanismus automatisiert sich. Doch hier funktioniert er nicht. Natalia, du bist mir so viel näher, durch die Verbundenheit von Beruf, Handwerk und Autoimmunerkrankung. Allein die Vorstellung Medikamente nicht zur Verfügung zu haben klingt traumatisch. Die Angst vor Rückschlägen mit Kraftlosigkeit, Schmerzen und Ungewissheit kann ich mir nicht ausmalen. Die Flucht, das Zurücklassen von allem, bis auf wichtige Papiere ist nach wie vor unvorstellbar. Und dann ist da doch die leise Freude, dass Du wieder nähen und sticken kannst mit der Unterstützung von BERNINA. Deine wunderschönen Arbeiten stehen in einem krassen Kontrast zu allem, was sich in Deiner Heimat abspielt. Es ist Lächeln und Trauern in einem. Schwer zu beschreiben, was beim Lesen Deiner Schilderungen in mir vorgeht. Ich bewundere Deine Stärke und Zuversicht, mit der Du nach vorne schaust. Deine Kreativität, die sicher ein wenig Deine Seele heilen lässt an einem sichereren Ort, fern Deiner Heimat. Hoffentlich können Du und Deine Mutter irgendwann wieder zurück. Und neu beginnen. In einem Land, das nicht mehr so ist, wie es war – und es dennoch besser werden kann.Ich hoffe mit Dir darauf und wünsche Dir von Herzen nur das Beste.Jutta

    • Nataliia Patola

      Vielen Dank, Jutta!
      Ja, ich glaube, dass ich in die Ukraine zurückkehren kann. Jetzt tun unsere Männer alles Mögliche und Unmögliche.
      Bernina hat viel für mich getan. Während der Arbeit vergesse ich diesen ganzen Horror wirklich.

  • Silke St.

    Das war sehr interessant. Ich bin beeindruckt.  Ich wünsche der Frau alles Gute, Gesundheit und vor allem Frieden.

Liebe Leserin, lieber Leser des BERNINA Blogs,

um Bilder über die Kommentarfunktion zu veröffentlichen, melde Dich im Blog bitte an.Hier geht es zur Anmeldung.

Du hast dich noch nicht für den BERNINA Blog registriert?Hier geht es zur Registrierung.

Herzlichen Dank, Dein BERNINA Blog-Team