Kreative Artikel zum Thema Quilten

Glanz und Grauen – Mode im ‘Dritten Reich’

Key Visual

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Derzeit zeigt das Staatliche Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) die Ausstellung ‘Glanz und Grauen – Mode im ‘Dritten Reich’, eine Übernahme vom Landschaftsverband Rheinland (LVR), die um zahlreiche Exponate aus ganz Bayern erweitert wurde – hier geht es zu meinem damaligen Bericht.

Uniform und streng geschnittene Kostüme prägen bis heute das Bild von der in der NS-Zeit getragenen Kleidung, 1930er/40er Jahre Foto: Jürgen Hoffmann. © LVR-Industriemuseum Foto freundlicherweise vom tim zur Verfügung gestellt

Uniform und streng geschnittene Kostüme prägen bis heute das Bild von der in der NS-Zeit getragenen Kleidung, 1930er/40er Jahre
Foto: Jürgen Hoffmann. © LVR-Industriemuseum
Foto freundlicherweise vom tim zur Verfügung gestellt

Die braunen Uniformen der Nationalsozialisten oder die fliessenden Roben einer Zarah Leander – sie gelten als typisch für die Zeit des Hitler-Regimes. Die Ausstellung ‘Glanz und Grauen – Mode im Dritten Reich’ stellt Klischees wie diese in Frage. Das tim zeigt deshalb nicht nur elegante Abendkleider, Dirndl oder Uniformen.

Kleid aus dem Salon der Berliner Modemacherin Annemarie Heise Das Atelier der Berliner Modemacherin Annemarie Heise galt in den 1930er und 40er Jahren als angesagte Adresse für weibliche Leinwandstars und Frauen aus dem Dunstkreis der nationalsozialistischen Führungsriege. In dem Salon liessen sich neben Filmdiven wie Zarah Leander oder Marika Rökk auch die NS-Politikergattin Magda Goebbels sowie Eva Braun, die Geliebte und spätere Ehefrau Adolf Hitlers, einige ihrer Kleider schneidern. Eva Braun trug ein solches Heise-Modell anlässlich Hitlers 54. Geburtstag 1943 auf dem 'Berghof' am Obersalzberg bei Berchtesgaden. Foto: Maik Kern © DTM Foto freundlicherweise vom tim zur Verfügung gestellt

Kleid aus dem Salon der Berliner Modemacherin Annemarie Heise
Das Atelier der Berliner Modemacherin Annemarie Heise galt in den 1930er und 40er Jahren als angesagte Adresse für weibliche Leinwandstars und Frauen aus dem Dunstkreis der nationalsozialistischen Führungsriege. In dem Salon liessen sich neben Filmdiven wie Zarah Leander oder Marika Rökk auch die NS-Politikergattin Magda Goebbels sowie Eva Braun, die Geliebte und spätere Ehefrau Adolf Hitlers, einige ihrer Kleider schneidern. Eva Braun trug ein solches Heise-Modell anlässlich Hitlers 54. Geburtstag 1943 auf dem ‘Berghof’ am Obersalzberg bei Berchtesgaden.
Foto: Maik Kern
© DTM
Foto freundlicherweise vom tim zur Verfügung gestellt

Im Mittelpunkt stehen vielmehr Alltagskleidung und Notgarderobe im Nationalsozialismus. Dabei erlangen vermeintlich banale Kleidungsstücke wie Hosen oder Jacken unerwartete politische Bedeutung.

Pullover mit Anstecker vom Winterhilfswerk und Rock, Kleid mit Schürze, 1930er Jahre. Die Kombination von Pullover und Rock war vor allem bei Mädchen und jungen Frauen beliebt. Um Kleidung zu schonen, gehörte eine Schürze unabdingbar zur Arbeitskleidung. Foto: Jürgen Hoffmann. © LVR-Industriemuseum Foto freundlicherweise vom tim zur Verfügung gestellt

Pullover mit Anstecker vom Winterhilfswerk und Rock, Kleid mit Schürze, 1930er Jahre.
Die Kombination von Pullover und Rock war vor allem bei Mädchen und jungen Frauen beliebt. Um Kleidung zu schonen, gehörte eine Schürze unabdingbar zur Arbeitskleidung.
Foto: Jürgen Hoffmann. © LVR-Industriemuseum
Foto freundlicherweise vom tim zur Verfügung gestellt

Die Ausstellung präsentiert auf einer Fläche von 1.000 Quadratmetern mehr als 120 Originalkostüme, Fotos, Modegrafiken, Zeitschriften, Kinderbücher, Spielzeug etc. Zu sehen sind die Kleidung im Alltagsleben, Uniformen des ‘Bundes deutscher Mädel’ und der ‘Hitlerjugend’, aber auch die ‘Kluft’ der ‘widerspenstigen’ Jugendlichen.

Augsburger Mädchen trägt das selbstgenähte Kinderkleid vom folgenden Bild im Jahr 1934 © tim Foto freundlicherweise vom tim zur Verfügung gestellt

Augsburger Mädchen trägt das selbstgenähte Kinderkleid vom folgenden Bild im Jahr 1934
© tim
Foto freundlicherweise vom tim zur Verfügung gestellt

Die Spannweite der textilen Exponate ist gross: So stehen in der Ausstellung seidene Abendroben und raffiniert garnierte Kleider neben einfacher Alltags- und Berufsgarderobe, Kleidern aus Ersatzstoffen und solchen der Notkultur. Die Schau reicht bis hin zu kurzen Cordhosen, karierten Hemden, Pullundern, bestickten Kleidern, Kitteln und Spielhöschen für die Kleinen.

Selbstgenähtes Kinderkleid aus Augsburg, 1934 Foto: Maik Kern, © tim Foto freundlicherweise vom tim zur Verfügung gestellt

Selbstgenähtes Kinderkleid aus Augsburg, 1934
Foto: Maik Kern, © tim
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Die Ausstellung widmet sich auch Themen wie der Rohstoffknappheit …

Spinnstoffsammlung in Augsburg 1941 Um ausreichend Geld für die massive militärische Aufrüstung Deutschlands zur Verfügung zu haben, sparten die Nationalsozialisten andererseits beim Import wichtiger textiler Rohstoffe. So kam es bald zu einer drastischen Materialknappheit z. B. bei Baumwolle. Daher rief das Regime regelmässig zu sog. Spinnstoffsammlungen auf. Verbraucher sollten überflüssige Textilien abgeben, die dann zu neuer Kleidung wiederverwertet wurden – dann allerdings in deutlich schlechterer Qualität. Foto: Sammlung Häußler Foto freundlicherweise vom tim zur Verfügung gestellt

Spinnstoffsammlung in Augsburg, 1941
Um ausreichend Geld für die massive militärische Aufrüstung Deutschlands zur Verfügung zu haben, sparten die Nationalsozialisten beim Import wichtiger textiler Rohstoffe. So kam es bald zu einer drastischen Materialknappheit z. B. bei Baumwolle. Daher rief das Regime regelmässig zu sog. Spinnstoffsammlungen auf. Verbraucher sollten überflüssige Textilien abgeben, die dann zu neuer Kleidung wiederverwertet wurden – dann allerdings in deutlich schlechterer Qualität.
Foto: Sammlung Häußler
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… der textilen Kennzeichnung einer ganzen Bevölkerungsgruppe durch sog. ‘Judensterne’ …

Ab 1941 mussten Juden den 'Judenstern' deutlich sichtbar auf der Kleidung tragen. Dies war einer der letzten Schritte der rassistischen Ausgrenzung vor dem Beginn der Deportation der Juden in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Foto: Jürgen Hoffmann. © LVR-Industriemuseum Foto freundlicherweise vom tim zur Verfügung gestellt

Ab 1941 mussten Juden den ‘Judenstern’ deutlich sichtbar auf der Kleidung tragen.
Dies war einer der letzten Schritte der rassistischen Ausgrenzung vor dem Beginn der
Deportation der Juden in die Konzentrations- und Vernichtungslager.
Foto: Jürgen Hoffmann. © LVR-Industriemuseum
Foto freundlicherweise vom tim zur Verfügung gestellt

… der Enteignung der Juden und Ausbeutung von besetzten Gebieten. Im Zusammenhang mit der Materialknappheit stand auch die Schuhlaufstrecke im KZ Sachsenhausen: Deren Häftlinge mussten den ganzen Tag in unpassendem Schuhwerk im Kreis laufen, um neue Materialien für Schuhsohlen zu testen – und kamen dabei häufig zu Tode.

 Vierte Reichskleiderkarte (gültig vom 1.1.1943 bis zum 30.6.1944). Ab November 1939 gab es die meisten Textilien nur noch mit der 'Reichskleiderkarte'. Die Kleiderkarten waren Bezugscheine für Kleidung. Textilien waren somit streng rationiert, um in Zeiten knapper Ressourcen die Bevölkerung weiter versorgen zu können. Foto: Jürgen Hoffmann. © LVR-Industriemuseum Foto freundlicherweise vom tim zur Verfügung gestellt

Vierte Reichskleiderkarte (gültig vom 1.1.1943 bis zum 30.6.1944). Ab November 1939 gab es die meisten Textilien nur noch mit der ‘Reichskleiderkarte’. Die Kleiderkarten waren Bezugscheine für Kleidung. Textilien waren somit streng rationiert, um in Zeiten knapper Ressourcen die Bevölkerung weiter versorgen zu können.
Foto: Jürgen Hoffmann. © LVR-Industriemuseum
Foto freundlicherweise vom tim zur Verfügung gestellt

Die Ausstellung entstand aus einer Kooperation des LVR-Industriemuseums Textilfabrik Cromford in Ratingen mit dem Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Innerhalb eines Forschungsprojektes wurden zahlreiche Zeitzeugen befragt, Quellen gesichtet und textile Objekte untersucht.

 Alltag in Trümmern - Zerstörte Häuser in der Augsburger Maximilianstrasse, 1944 Foto: Sammlung Häußler Foto freundlicherweise vom tim zur Verfügung gestellt

Alltag in Trümmern – Zerstörte Häuser in der Augsburger Maximilianstrasse, 1944
Foto: Sammlung Häußler
Foto freundlicherweise vom tim zur Verfügung gestellt

Viele Menschen kamen der Aufforderung nach, Kleidung aus der Zeit zur Verfügung zu stellen. Zahlreiche private Spender brachten mit den Kleidern Fotos, Erfahrungen und Geschichten mit ins Museum, durch die nicht nur die Politik des Regimes, sondern auch die vielfältige Perspektive der ‘kleinen Leute’, der Beherrschten, dokumentiert und sichtbar gemacht werden konnte. Die Ausstellung markiert zudem das Ende einer Ära, denn künftig wird die Geschichtsschreibung im Dialog mit Zeitzeugen kaum noch möglich sein.

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Info:

13. Mai – 22. Oktober 2017

Glanz und Grauen – Mode im ‘Dritten Reich’

tim | Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg
Augsburger Kammgarnspinnerei (AKS)
Provinostrasse 46
86153 Augsburg
Deutschland

www.timbayern.de

 

Der zerbrochene Kelch –
Vertrieben. Beraubt. Vergessen. Eine szenische Collage
mit Dokumenten zur Arisierung eines Augsbuger Unternehmens

Das Staatliche Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) hat zusammen mit dem Theater Augsburg das Bühnenstück ‘Der zerbrochene Kelch’ für Schülerinnen und Schüler ins Leben gerufen. Es handelt von der nationalsozialistischen Enteignung der wegen ihrer jüdischen Herkunft diffamierten Unternehmerfamilien Kahn und Arnold.

Der zerbrochene Kelch Foto: Frauke Wichmann, freundlicherweise vom tim zur Verfügung gestellt

Der zerbrochene Kelch
Foto: Frauke Wichmann, freundlicherweise vom tim zur Verfügung gestellt

Bei dem Projekt haben die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler mehrerer Augsburger Gymnasien gemeinsam mit professionellen Theatermachern ein Stück erarbeitet, in dessen Zentrum die Auseinandersetzung mit originalen Zeugnissen und Objekten aus der amtlichen Überlieferung sowie aus der Familienüberlieferung von Kahn und Arnold steht.

Info:

Theater Augsburg
brechtbühne
Kennedy-Platz 1
86152 Augsburg
Deutschland

www.theater-augsburg.de

Aufführungen: 21 . und 22. Juli 2017
Beginn: jeweils 19.30 Uhr

 

Fotos und Informationen vom tim | Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg zur Verfügung gestellt – vielen Dank!

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