Kreative Artikel zum Thema Nähen

Selbst ist der Mann! Interview mit Mathias Ackermann

Liebe Leser

Für einmal werdet Ihr – nämlich die Männer unter den Fans dieses Blogs – ganz bewusst und exklusiv angesprochen. Wieviele seid Ihr? Gibt es Euch überhaupt? 🙂 Wenn ja, habt Ihr Lust, einmal unter Euresgleichen zu nähen? Im BERNINA Creative Center, unserem Kurslokal in Steckborn, findet Mitte Februar ein Nähkurs für Männer statt. Hier findet Ihr alle Informationen zum Kurs:

Selbst ist der Mann! Der Nähkurs für Männer

Aus Gründen der ausgleichenden Gerechtigkeit haben wir dann auch noch einen Styling-Workshop für Frauen eingeplant, wiederum unter der Leitung von Mathias Ackermann:

Kleiderkonzepte – die optimalen Schnitt für Ihre Körperform

Für Männer und Frauen gleichermassen ist das folgende Interview mit Mathias, in dem der Designer über seinen Werdegang und seine Arbeit spricht. Auch zum Thema Männer und Mode haben wir ihn befragt. Als Designer, Schneidermeister  und Vorstandsmitglied des Schweizerischen Modegewerbeverbandes kennt er sich damit aus wie kaum ein Zweiter in der Schweiz.

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Lieber Mathias, warum eigentlich tun sich viele Männer so schwer mit Mode?

Männer tun sich tatsächlich oft schwer, das richtige Outfit zu kaufen und zu tragen. Ich denke, das hat damit zu tun, dass der männliche Look lange sehr stark formalisiert war. Erst langsam machen die Männer sich locker. Der formelle Look wird sportlicher. Immer mehr Marken bieten Männermode an, die lässig ist, ohne nachlässig zu sein.

Wie bist Du selber zu Deinem Beruf gekommen?

Ich wusste schon als Primarschüler, was ich machen will. Mich faszinierte die Ästhetik und die Kreativität, welche mit dem Entwerfen und Nähen von Kleidung verbunden ist. Die Lehrstellensuche war schwierig; als Bub kommt man nicht so schnell zu einer Lehrstelle in einem Frauenberuf. Weil meine Textillehrerin mich gefördert hatte und ich unter ihrer Anleitung schon früh lernt, mit Fingerhut zu nähen, fand ich dann aber tolle Lehrstelle in einem Couture-Atelier. Ich wollte das Handwerk von Grund auf lernen. Dies kann ich allen, die eine Design-Ausbildung absolvieren wollen, nur raten. Solides Handwerk ist das A und O.

Welches waren Deine ersten Karriereschritte auf dem Weg zum selbständigen Designer?

Meine Karriere fing schon in der vierten Klasse an. Ich nähte für meine Schwestern. Das war für diese teilweise unangenehm, weil sie meinen Geschmack nicht immer teilten, aus Höflichkeit aber doch gute Miene zur genähten Kreation machen. Ich erinnere mich da z.B. an einen Traum in Pink … Für mich war es eine hervorragende Schule. Nach der Schule und der Lehre als Damenschneider folgten die Ausbildung zum Designer Stylist an der Modegewerbeschule für Design und verschiedene Weiterbindungen beim Schweizerischen Modegewerbeverband SMGV/ USMM.

Du arbeitest mit dem Ostschweizer Unternehmen BERNINA zusammen. Warum?

Mit dieser Zusammenarbeit ging für mich ein Traum in Erfüllung. Ich war schon immer fasziniert von der Nähmaschinen-Technik, und BERNINA ist für mich die beste aller Nähmaschinenmarken. Dass ich mit BERNINA zusammenarbeiten und unter anderem in Steckborn am Creative Center Kurse leiten darf, macht mich stolz.

Dein Atelier liegt in Büren an der Aare, einem schönen, aber eher beschaulichen Ort im Schweizer Mittelland. Ich könnte mir vorstellen, dass Du dort als bunter Charakter und Paradiesvogel auffällst. Wie ist das? Hat es Dich nie in eine grössere Stadt gezogen, z.B. nach Zürich?

Sagen wir es so: Büren an der Aaare und ich haben uns aneinander herangetastet. Meine Kunden haben viel mit mir durchlebt: mal rote und mal grüne Haare, mal Irokese, mal Herrenrock, mal getupft und mal farbig wie ein Papagei. Heute denke ich manchmal an diese wilden Zeiten zurück und frage mich: Wie bist Du da eigentlich herumgelaufen? Aber das Ausprobieren gehört zum Leben, so findet man seinen persönlichen Style. Natürlich hat es mich zwischendurch in eine grössere Stadt gezogen; schlussendlich musste ich mir aber sagen: hier in Büren stimmt für mich alles. Tolle Menschen, ein schönes Atelier und eine traumhafte Lage. Ich darf sagen, dass meine lieben Kunden von überall her anreisen, aus Stockhom, New York, München. Anschliessend nehmen sie meine Kleider mit, um diese zuhause zu tragen und zu zeigen. Die Welt als Laufsteg – ein schöneres Kompliment kann ich mir nicht vorstellen.

Büren an der Aare

Wo findest Du inspiration?

Ich lasse mich durch Natur, Musik und Reisen inspirieren. Viel Inspiration finde ich in der Begegnung mit Menschen – einfach in allem, was mich in irgendeiner Form berührt. Inspiration hat auch mit Feingefühl und genauer Beobachtung zu tun. Nur so kann man immer einen Tick schneller sein als der Modemarkt.

Für wen arbeitest Du bzw. wie setzt sich Deine Kundschaft zusammen?

Meine Kundschaft ist so bunt, wie ich es bin. Ich arbeite für Firmenkunden, aber auch für Privatkunden im Alter von 20 bis 95 Jahren und für andere Designer im In- und Ausland, etwa beim Zusammenstellen von Kollektionen.

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Deine Kundschaft ist vor allem weiblich. Schneiderst Du auch für Männer? 

Ich habe ganz treue männliche Kunden. Für diese fertige ich oft Hemden, Hosen und Gilet sowie modische Jacken und Taschen an. Oft tüftle ich zusammen mit dem Kunden an raffinierten Details herum, welche die Kleidungsstücke einzigartig machen, z.B. an Hosentaschen. Männer tragen so viel in Ihren Hosentaschen mit sich herum. Es ist eine Kunst und Herausforderung, den nötigen Stauraum für diesen Krimskrams zu schaffen, ohne Abstriche beim Design zu machen und ohne dass die Taschen auftragen.

Wieviele Einzelteile produzierst Du pro Saison?

Das ist sehr unterschiedlich und hängt von der Art der Aufträge ab. Denken wir nur an Hochzeitskleider. Diese sind das Schönste, was es in meinem Beruf gibt. Es kann aber vorkommen, dass man Stunde um Stunde mit dem Aufnähen von Pailletten verbringt. Die Anzahl Einzelteile variiert also stark und ist auch abhängig von meinen übrigen Engagements als Kurs- und Seminarleiter. Was sich nie ändert: Trotz guter Planung gibt es manche Nachtschicht. Etwa dann, wenn ich vier Hochzeitskleider gleichzeitig herstellen darf und diese fast zur gleichen Zeit vor den Altar geführt werden sollen … Trotz der teilweise grossen Belastung ist es für mich aber ein riesiges Glück, dass ich einen Beruf ausüben darf, der mir Spass macht, und dass ich dieses Glück mit anderen Menschen teilen darf: mit meinen Kunden und mit Kursteilnehmern.

Wo beziehst Du Deine Materialien, z.B. die Stoffe? Worauf legst Du beim Einkauf dieser Stoffe wert?

Ich beziehe meine Stoffe beim Schweizerischen Modegewerbeverband, bei Le Coupon in Zürich, bei Schläpfer in St Gallen, bei Lüthi in Rorbach und vor allem bei meinen tollen Geschäften in Bern: bei Ciollina Stoffe, Klara Maria Iseli, Verostoffe und beim BERNINA Fachhändler Pulfer. Ich liebe den Umgang mit den Menschen in diesen Geschäften und möchte dazu beitragen, dass möglichst viele Stoffgeschäfte erhalten bleiben. Als Designer weiss ich, wie wichtig die Eigenschaft von Stoffen in Bezug auf funktionale und ästhetische Aspekte ist und wie stark das Material dazu beiträgt, dass ein Kleidungsstück am Körper die optimale Wirkung entfaltet. Entsprechend lege ich grössten Wert auf qualitativ hochwertige Stoffe.

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Ein Traum aus Leder und Jersey. Auch zu diesem Kleid gibt es einen Kurs im Creative Center.

Deine Outfits sind immer ein besonderer Hingucker. Nach welchen Kriterien stellst Du Deine Garderobe zusammen? Handelt es sich immer um Eigenkreationen oder gehst Du auch mal shoppen? 

Leider fehlt mir manchmal die Zeit, um alles selber zu nähen. Aber ich gehe natürlich sehr gerne shoppen. Bei der Wahl meiner Kleidung lege ich Wert auf gute Qualität, Schnittführung, Passform und Kombinationsmöglichkeiten. Und ich achte auf die Herkunft. Wenn möglich, sollte diese europäisch sein.

Mode-Shopping ist für viele Männer ja ein leidiges Thema. Welche Tipps hast Du?

Viele Männer urteilen schnell und hart über die Kleidung von Frauen. Mein Rat: Macht den Frauen doch auch mal ein Kompliment! Mit sich selbst sind Männer unkritischer. Die meisten glauben, die Sache sei einfach: Anzug an, und gut ist. Das stimmt leider nicht. Es kommt immer darauf an, wie man was trägt, auch bei Anzug und Hemd. Männer sollten das Shopping als Abenteuer und Herausforderung auffassen, mit offenen Augen durch die Geschäfte gehen und sich beraten lassen. Zwischendurch darf man sich etwas Gutes gönnen, ein Bierchen oder ein Glas Wein, und als Belohnung nach absolvierter Shoppingtour beispielsweise eine Zigarre. Wenn man so an die Aufgabe herangeht, kommt man garantiert mit einem tollen Outfit nach Hause.

Gibt es Must-have-Teile für Männer? Wenn ja, welche?

Hochwertige und schöne Unterwäsche ist ein Muss. Wenn man sich drunter wohl fühlt, trägt man auch das Oberkleid ganz anders. Sorgfalt ist auch bei der Wahl der Strümpfe geboten. Diese müssen stilvoll sein, dürfen aber ruhig ein wenig Farbe ins Spiel bringen. Sportlichen Männern stehen Pullover und Sweatshirts gut. Wenn es sich um einen hochwertigen Pullover aus feinem Kaschmir handelt, kann ein schmales Hemd und eine Stoffhose dazu kombiniert werden. Dazu passen Schuhe aus Wildleder.

Es heisst, jeder Mann braucht mindestens einen Anzug im Schrank …

Beim Jacket sind Schulterbereich und Armlänge entscheidend. Viele Männer kaufen Anzug-Jacken, die an den Schultern zwar passen, deren Armlänge aber ungünstig ausfällt. Die Manschette sollte ungefähr einen Zentimeter länger sein als der Anzugärmel – aber auch nicht mehr! Ist der Ärmel zu kurz, wirkt das Jacket zu klein. Den Test kann man machen, indem man beim Anprobieren ein passendes Hemd trägt und die Arme nach vorne streckt. Nicht vergessen zu lächeln, wenn man in den Spiegel guckt!

Dürfen Männer Accessoires tragen?

Accessoires sind ein Muss, auch für den Mann. Zu einem Lederschuh passt ein Gürtel aus Leder. Wenn man diese beiden Artikel richtig wählt und einsetzt, kann das ein ganzes Outfit aufwerten und optisch zusammenhalten. Ein Mann kann durchaus auch einen extravaganten Ring tragen, sofern dieser das übrige Erscheinungsbild nicht konkurrenziert. Ein weiteres Accessoire, das sehr gezielt eingesetzt werden kann und soll, ist die Uhr. Mit ihr bringt man seinen Look zum Strahlen.

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Auch Männer dürfen Akzente setzen.

Im Beruf tragen Männer uniforme Kleidung. Anzug und Hemd sind oft Pflicht. Gibt es Mittel, in der Business-Welt hervorzustechen?

Ja, klar, etwa mit gekonnt eingesetzten Accessoires und Taschen, mit Schmuck, mit Krawatten oder einer Fliege. Farbige Strümpfe sind auch ein probates Mittel. Für den stilbewussten Mann ist es sehr gut möglich, seine Individualität herausstreichen. Aber Vorsicht! Mit den Motiv- und seidengemalten Krawatten ist es so eine Sache. Diese wirken rasch unangemessen oder sogar lächerlich.

In Deutschland und der Schweiz gibt es derzeit einen Do-it-yourself-Trend. Viele junge Frauen setzen sich an die Nähmaschine, um etwas eigenes zu erschaffen. Sie setzen damit auch ein Zeichen gegen die Wegwerf-Gesellschaft. Wiederum sind es aber vor allem Frauen. Wie könnte man auch Männer an die Nähmaschine bringen?

Indem man den Männern zeigt, was für hervorragende Technik in den Nähmaschinen steckt. Ich kenne viele Männer, die nähen, ihr Hobby aber eher geheim halten. Dabei ist das Nähen tatsächlich auf dem Vormarsch. Auch Männer können mit selbstgemachten Kreationen ihrer Persönlichkeit unterstreichen. Ausserdem können sie ihr räumliches Vorstellungsvermögen – angeblich ja eine Stärke der Männer – beim Nähen sehr gut einsetzen.

Auf VOX lief kürzlich die Sendung „Geschickt eingefädelt“, bei der „Deutschlands bester Hobbyschneider gesucht wurde. Gewonnen hat ein Mann. Wie hat Dir die Sendung gefallen?

Mir hat die Sendung sehr gut gefallen. Sie hat meinen Beruf und das Nähen einer breiten Öffentlichkeit bekanntgemacht. Man hat auch gesehen, dass es einiges an handwerklichem Können braucht, wenn man in der Branche bestehen und sein Geld damit verdienen will.

Bei BERNINA in Steckborn leitest Du Kreativkurse, die sehr gut besucht sind – wiederum vor allem von Frauen. Sind an diesen Kursen eigentlich auch Männer willkommen?

Ja, natürlich. Männer tun sich manchmal schwer, den ersten Schritt zu machen, daher bieten wir in Steckborn demnächst sogar einen eigens für Männer konzipierten Nähkurs unter dem Titel ‚Selbst ist der Mann‘ an. Wer seine Garderobe als ‚Herr der Schöpfung‘ selber in den Griff bekommen wollte, kann in diesem Workshop lernen, wie sich Reparatur-, Näh- und Bügelarbeiten ausführen lassen. Wenn das die Damenwelt nicht beeindruckt?

Mehr Informationen über Mathias Ackermann und seine Kurse im BERNINA Creative Center unter www.bernina.com/creativecenter

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