Kreative Artikel zum Thema Quilten

Feinstoffliches Wesen in rustikalem Kleid

Als ich Kind war, hatten wir nicht viel Weihnachtsdekoration. Es gab einen wunderschönen Christbaum, einen großen Strohengel und einen selbstgebastelten Rauschgoldengel aus Papier. Das war’s.

Mit den Jahren kamen neue Stücke dazu, insbesondere Stroh- und andere Sterne und weitere Engel. Derzeit haben wir eine Sammlung von fünf handgemachten, ganz unterschiedlich gestalteten Rauschgoldengeln.

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Aber es muss ja nicht immer Goldpapier mit aufgeklebten Borten und Stoffen sein. Engel kann man auch nähen.

Mein diesjähriger Neuzugang hat einen rustikalen Touch bekommen. Für Kleid und Flügel habe ich ein beiges Leinen verwendet, der Rock ist mit dottergelber Baumwolle abgesetzt, das Gold der Haare ist einen Ton dunkler, und das zarte Rosa von Gesicht und Händen sorgt für einen weichen Kontrast und etwas Frische.

Wie immer, wenn ich sowas mache, habe ich mit Papier und Bleistift eine ungefähre Form gescribbelt und daraus einen schnellen Papierschnitt gefertigt. Selten bleibt es bei der einmal festgelegten Form. Das war diesmal nicht anders.

Als die Schnittteile zusammengefügt waren, gefiel mir die Proportion dann doch nicht so gut, die Figur wurde untenrum nämlich deutlich zu breit. Also habe ich in der Mitte einen Keil abgenäht – wenn man genau hinsieht, erkennt man ihn neben der Mittelnaht.

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Trotz dieser Korrektur wirkte das vorbereitete Teil immer noch plump, vor allem im Bereich des viereckigen, halslosen Gesichts. Erst mit dem Abnähen der Nahtzugabe entsteht der Eindruck eines Halses. Ziemlich verwirrend beim Arbeiten … zumal bei einer abstrakten Figur, wo die Silhouette besonders wichtig ist.

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Kleid und Flügel habe ich mit aufgestepptem Baumwollgarn und einem Goldband strukturiert, wobei wieder mal der BERNINA Schnuraufnähfuß #21 zum Einsatz kam. Allerdings habe ich bei den leichten Kurven, und ganz besonders, wo die Kurven etwas enger sind, festgestellt, dass es sich genauer arbeitet, wenn man die Schnur nicht durchs Loch zieht, sondern nur die Einkerbung des Fußes nutzt und die Schnur ansonsten mit der Hand führt.

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Das goldene Garn, das ich zum Aufsteppen der Schnüre und zum Quilten auf Volumenvlies verwendet habe, verleiht dem Engel im abendlichen Licht ein ganz leichtes Schimmern.

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Als der Engel zusammengesetzt war, wünschte ich ihn mir doch etwas länger. Aber länger in einer nicht-kompakten Weise, gleichsam als Übergang vom deftigen Rock zum luftigen Nichts. Was bietet sich da an? Gefältelter Organza? Zu fremd. Fransen? Genau, das war’s, die kann man nämlich wunderbar aus dem verwendeten Leinen zupfen.

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Mit einem Zierstich und Goldgarn ist leicht ein stabilisierender Abschluss gesteppt, das Herausziehen der Webfäden dagegen ist ein bisschen puzzelig. Wenn die Borte stärker sichtbar ist, kann man auch noch die Zwischenräume zwischen den Muscheln “befreien”, das fand ich hier aber nicht nötig.

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Ganz zum Schluss habe ich die Ärmelchen obenauf gesetzt. So kann man sie am genauesten positionieren. Die Hände sind nur mit ein paar Stichen unter dem aufgesteppten Goldband des Ärmelsaums befestigt. Die Ansätze habe ich von Hand mit dem selben Goldband verbrämt, sodass sie wie gepaspelte Schlitze im Oberteil wirken.

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Obwohl ich im Advent so gut wie nicht dekoriere, hat der Engel schon sein Plätzchen gefunden. Vielleicht mögen Sie ja auch einen machen? Noch ist etwas Zeit bis Weihnachten …

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Kommentare zu diesem Artikel

6 Responses

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  • Karin

    Ein traumhaft schöner Engel und sofort der Gedanke,” das musst Du auch mal probieren “.
    Vielen Dank auch für die ausführliche Beschreibung der Werdeganges.
    Herzliche Adventsgrüße von Karin

  • Ute Derksen

    also wenn mit jmd erzählt hätte ….. so die farben – das material – die machart einfach nur beschrieben ….. wäre mein kommentar wohl gewesen –> ned so ganz meins …..
    und da sieht man ähm frau mal wieder, wie wichtig –und hier im speziellen engels-fall– optisch unverzichtbar es ist, genau hinzusehen ….
    bei facebook würde ich jetzt wohl den gefällt-mir-button drücken :-))))

    mit meinem adventskalender-beitrag habe ich zwar die weihnachtlichen nähereien für dieses jahr bereits abgeschlossen …. aber nach weihnachten ist ja bekanntlich vor weihnachten 🙂

    euch allen fröhliches ‘engeln’ ….
    Ute

  • Gertrud

    Hallo Ursula

    Da hat mich doch tatsächlich jemand angeblinzelt. Ich sammle Engel in allen Variationen, sie haben allerdings alle eins gemeinsam, sie müssen mich anblinzeln. Die Jahr hatte ich bis jetzt noch keinen Erfolg doch das hat sich ja heute morgen geändert. erste Tat war mir die Beschreibung herunterzuladen, damit ich bei Bedarf darauf zurückgreifen kann. Freue mich schon jetzt darauf.
    beste Grüsse
    Gertrud

  • Doris St.

    Hallo Ursula,
    ich kann mich Gudrun Heinz nur anschließen. Eine wunderschöne Kombination und ein Engel, bei dem ich sofort sagte, wow, das ist er. Dieses Jahr schaffe ich das nicht mehr, aber es gibt auch eine Zeit nach Weihnachten. Und Zeit für Engel ist doch immer. Vielen Dank für Ihre Beschreibung und Bilder. Ich hatte sie bereits vermißt, um so schöner ist es, auch noch einen adventlichen Beitrag von Ihnen zu lesen.
    Herzliche Grüße
    Doris

  • Ursula Gottschall

    Hallo Gudrun,

    vielen Dank!

    Was das “sich helfen” angeht, würde ich sogar noch weiter gehen: kreative Arbeit ist ex definitione Entwicklungsarbeit. Ganz selten passt alles auf Anhieb, es sei denn, man kann auf spezifische Erfahrungen zurückgreifen. Und Entwicklung geschieht nun mal schrittweise. In der IT-Branche nennt man das neuerdings “Agile Development”, und selbst im Hochbau werden Pläne noch mitten in der Bauphase neuen Gegebenheiten und Erkenntnissen angepasst.

    Leider ist das Bewusstsein für den kreativen Prozess ein wenig aus der Gesellschaft verschwunden. Die allgegenwärtigen Rechner und Zähler haben uns dazu erzogen, hinter einem Produkt vor allem den reinen “Herstellungsaufwand” zu sehen, Kreativität wird entweder zur notwendigen Beigabe degradiert oder vergöttert. Das wussten die traditionellen Handwerksleute noch besser …

    Viele Grüße
    Ursula

  • gheinz

    hallo ursula,
    hier bewahrheitet es sich mal wieder auf das schönste, dass es nicht immer die klassische weihnachts-kombination rot – grün sein muss! und ebenso trifft dies auf die stoffauswahl zu. das spiel mit den streifen, mit den formen und mit den materialien, d.h. eigentlich mit dessen eigenschaften – all dies passt sehr gut zusammen. sehr sympathisch finde ich, dass nicht immer alles auf anhieb perfekt zu sein hat und du anregungen gibst, wie man sich selbst helfen kann, z.b. in proportionsfragen. mal wieder ein schönes kreatives stück aus deiner werkstatt!
    beste grüsse
    gudrun

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