Kreative Artikel zum Thema Quilten

Advocacy Quilts

Plakat

Seit dem letzten Sonntag, dem 11. November 2018, zeigt die Ev. Paul-Gerhardt-Gemeinde in Karlsruhe in ihrem Gemeindezentrum, einem renovierten klassizistischen Weinbrenner-Bau vom Anfang des 19. Jahrhunderts, der in Karlsruhe unter dem Namen ‘Stephanienbad’ bekannt ist, die Ausstellung ‘Advocacy Quilts’.

Advocacy Quilts – Ausstellungsansicht

‘The Advocacy Quilt Project’ ist ein Projekt der 2001 gegründeten amerikanischen gemeinnützigen Organisation ‘The Advocacy Project’, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, an den Rand gedrängten Gemeinschaften zu helfen. Die Organisation will benachteiligten Menschen- und Bevölkerungsgruppen die Möglichkeit geben, auf sich und ihre Probleme aufmerksam zu machen, also denen eine Stimme zu geben, die keine haben.

The First Mahilako Swastha (Women’s Health) Quilt (Nepal)
Die Blöcke für diesen Quilt wurden 2010 von Frauen im östlichen Nepal gemalt, nachdem sie wegen eines Uterus-Prolapses (Gebärmuttervorfall) behandelt worden waren, ein schwächender und schmerzhafter Zustand, der mehr als 600.000 Frauen in Nepal betrifft. Der Quilt will der Öffentlichkeit bewusst machen, welche Bedrohung der Prolaps für die Frauen bedeutet und die Arbeit des Women’s Reproductive Rights Program (WRRP) fördern, eines der führenden Programme in Nepal zur Unterstützung weiblicher Gesundheit. Die Bildfolgen sind im traditionellen Mithila-Stil gemalt und gestalten die zahlreichen Belastungen der Dorffrauen, einschliesslich früher Ehe und harter körperlicher Arbeit, die zum Prolaps beitragen können.

 

The First Mahilako Swastha (Women’s Health) Quilt, Detail

Eine Art der Unterstützung besteht im Anfertigen von Quilts. Zurückgehend auf das Massaker in Srebrenica, bei dem bosnische Familien 1995 viele Angehörige verloren, beschlossen bosnische Weberinnen, die Namen der Ermordeten in Quadrate einzuweben, woraus der erste von 15 ‘Srebrenica Memorial Quilts’ entstand.

The Srebrenica Diaspora Quilt (Bosnien)
Dieser Quilt wurde 2009 von Hand auf Webstühlen gewebt und zwar von Mitgliedern der bosnischen Frauengruppe BOSFAM (Bosnian Family), die im Massaker von Srebrenica 1995 Angehörige verloren hatten. Die Bildfolgen tragen die Namen von 25 Männern und Jungen, die in Srebrenica ermordet wurden.

Später, im Jahr 2009, folgten Frauen aus der guatemaltekischen Gemeinschaft von Rio Negro dem Beispiel und produzierten einen reichen Quilt, der die Namen der Familienmitglieder trug, die 1982 in den Massaker von Rio Negro gestorben waren.

Advocacy Quilts – Ausstellungsansicht

 

The Belize Forest Quilt (Belize)
Stickereien von dreizehn Frauen aus dem Q’eqchi-Maya-Dorf auf den Midway-Inseln, 2011 angefertigt, um die Öffentlichkeit auf die Bedrohung des Regenwalds aufmerksam zu machen. Sie leben am Rande des Sarstoon Temash Nationalparks, der reich an natürlich lebenden Tieren und Pflanzen ist, aber durch die Suche nach Erdöl bedroht wird. Indem sie Flora und Fauna abbilden, feiern die Künstlerinnen den Park und rufen zu seinem Schutz auf. Vor diesem Projekt hatten sie noch nie gestickt.
Die Bildfolge wurde von Barbara Barber, einer Quilterin aus Rhode Island, USA, zusammengefügt. Barbara wählte einen grossen Baum, um zu zeigen, wie die gesamte Flora und Fauna im Wald miteinander verknüpft ist und vom selben einzigartigen Ökosystem genährt wird.

 

The Palestinian Sumoud (Resilience) Quilt (Palästina)
Im Sommer 2015 stickten zwanzig Frauen aus den Dörfern Beit Forik und Asira al-Shamaliya nahe Nablus in der West Bank Motive zu zwei Themen – zum Olivenbaum und zur Verhaftung bzw. Haft palästinensischer Gefangener. Das Olivenöl verschafft den Palästinensern Wohlstand und Stabilität, aber der Ölbaum steht auch im Zentrum des Konflikts und mehrere Quadrate zeigen, wie israelische Truppen Bäume entwurzeln oder beschädigen.

 

The Palestinian Sumoud (Resilience) Quilt, Detail

 

The Palestinian Sumoud (Resilience) Quilt, Detail

Beide Frauengruppen in Bosnien und Guatemala waren durch Kriege schwer verwundet worden und beide empfanden das Quilten als zutiefst heilsam. Durch das Quilten konnten sie sich auch äussern, Fähigkeiten entwickeln und Werke produzieren, die ihre Kultur am Leben erhalten.

Advocacy Quilts – Ausstellungsansicht

Dieser Ansatz hat sich für Frauen, die Diskriminierung ausgesetzt waren, als äusserst ansprechend erwiesen und die meisten Gemeinschaften, die mit Advocacy Project zusammengearbeitet haben, haben mindestens einen Quilt hervorgebracht.

The First Mali Camel Quilt (li), The Fourth Nunca Mas Peruvian Quilt (re)
The Fourth Nunca Mas (niemals mehr) Peruvian Quilt (Peru)
Dies ist einer von fünf Unterstützungs-Quilts, die an PeruanerInnen erinnern, die während des 20-jährigen internen Konflikts in Peru (1980-2000) verschwanden oder starben. Die Namen der Opfer wurden im Sommer 2014 von engen Verwandten aus dem Dorf Sacsamarca in der Provinz Ayacucho gestickt. Das Dorf war Schauplatz zahlreicher Gewaltakte und Rachemorde durch Kämpfer der Shining Path-Bewegung und Sicherheitskräfte der Regierung.

 

The First Mali Camel Quilt (Mali)
Die Blöcke für diesen Quilt wurden von Frauen, die während des Konflikts im Norden von Mali im Jahr 2012 von Tuareg-Rebellen und Jihadisten sexuell missbraucht wurden, 2016 von Hand gestickt, während sie in Bamako in einem Zentrum behandelt wurden, das sechs Monate Notfallhilfe und psychosoziale Unterstützung anbietet. Anschliessend erfolgte ein Training in Seifenherstellung, Schneidern und Sticken. Das Sticken umfasst beide Behandlungsphasen und ermöglicht es den Frauen, sich auszudrücken und zugleich eine wirtschaftlich verwertbare Fertigkeit zu erlernen. Ihre ersten Stickereien bildeten extreme Gewaltakte ab, aber 2016 wandten sie sich sanfteren Bildern mit Darstellungen des Dorflebens, vor allem von Kamelen zu, in der Hoffnung, damit ein Einkommen zu erwirtschaften.

So besucht man überall auf der Welt Frauen, die sich in besonderen Notlagen befinden und stellt ihnen Stoffe zur Verfügung, damit sie ihre spezielle Situation darstellen können.

The Fifth Ahadi (Promise) Quilt, Detail (Demokratische Republik Kongo)
Die Blöcke für diesen Quilt wurden 2010 von Frauen, die sich in Behandlung durch SOS Femmes en Danger befanden von Hand bestickt, nachdem sie sexuelle Gewalt in der Fizi-Region, Provinz Süd-Kivu, überlebt hatten. Sie beschreiben ihr persönliches Erleben von sexueller Gewalt. Keine von ihnen hatte zuvor Nähen als Kunst betrieben und ihre Bilder stellen einen zutiefst persönlichen Ausdruck von Schmerz dar, einen Protest gegen Straflosigkeit und den Appell zu handeln. Aus diesen Gründen baten die Künstlerinnen darum, dass ihre Fotos und ihre Namen veröffentlicht werden. Ahadi ist das Wort für ‘Versprechen’ auf Swahili.

 

The Fifth Ahadi (Promise) Quilt, Detail

 

Advocacy Quilts – Ausstellungsansicht

 

The Vietnam Disability Quilt (Vietnam)
Stickerei auf Seiden-Chiffon von zwei vietnamesischen Frauen, die schwerste Verletzungen überlebt haben. Long Ngru war 19, als sie von einem Motorrad angefahren wurde und verkrüppelt blieb. Cao Thi Men war sechs, als sie während des Vietnamkrieges bei einem Bombenangriff schwer verletzt wurde. Die Explosion durchtrennte ihr Rückenmark. Im Sommer 2012 entschlossen sich die beiden Frauen, mithilfe von Stickerei zu zeigen, wie Menschen mit Behinderung in Vietnam zurechtkommen. Mehrere ihrer Quadrate stellen die wahrscheinlichen Auswirkungen des Klimawandels auf Menschen mit Behinderung dar, die in tief gelegenen Gegenden wie Quang Binh leben.

 

The Vietnam Disability Quilt, Detail

Danach werden die einzelnen Blöcke von amerikanischen Quilterinnen zusammengefügt, die dadurch das Projekt auf ehrenamtlicher Basis unterstützen. Seit 2008 haben über 45 Quilterinnen an einem oder mehreren Quilts gearbeitet und sich für das Projekt engagiert.

Advocacy Quilts – Ausstellungsansicht

 

The Henna Pride Quilt, Detail (Indien)
Die Hände in Henna-Farbe für diesen Quilt wurden 2014 in Gujarat, Indien, gemalt, und zwar von Mitgliedern der LGBTI (= Lesbian-Gay-Bisexual-Transgender-Intersexual) Gemeinschaft mit Unterstützung der Vikalp Women’s Group, die für die Menschenrechte kämpft. Vikalp engagiert sich besonders für die indigenen Frauen und für Transgender-Menschen. Zu den herausragenden Erfolgen dieser Gruppe gehört die Einrichtung zweier Gerichte für Frauen, an denen indigene Frauen als Richterinnen arbeiten, was es den indigenen Frauen erleichtert, Gerechtigkeit zu erlangen.

 

The Third Middle Eastern Refugee Quilt (Jordanien)
Die Blöcke für diesen Quilt wurden 2017 von Frauen, die vor dem Krieg in Irak, Syrien und Palästina geflüchtet waren und in Jordanien Zuflucht gefunden hatten von Hand gestickt. Die meisten wurden vertrieben durch extreme Gewalt, die sie detailliert im Bild darstellen. Gezeigt werden Enthauptungen durch ISIS-Kämpfer und Angriffe auf Zivilisten im Irak und in Syrien.

 

The Third Middle Eastern Refugee Quilt, Detail

Die Quilts erzählen beispielsweise von der Situation in Nepal, von Frauen aus verschiedenen afrikanischen Kriegsgebieten, aus dem Kosovo oder aus dem Regenwald – von Menschen und ihren Lebensumständen, die uns nahezu nicht bekannt sind.

Advocacy Quilts – Ausstellungsansicht

Den Schöpferinnen wird es so ermöglicht, ihre Erlebnisse, Emotionen, Kämpfe und Probleme bildlich darzustellen und sie durch das kreative Tun besser verarbeiten zu können. Neben diesen therapeutischen Aspekt tritt natürlich desweiteren die Öffentlichkeitswirkung der Quilts, wenn diese in Ausstellungen gezeigt werden. Ihre Botschaften werden in die Welt getragen und machen auf Probleme und Notlagen aufmerksam.

The River Gipsy Quilt (Bangladesh)
Frauen, die im Raum Sunargaon, Bangladesh, leben und mit der Subornogram Foundation verbunden sind, einer Graswurzel-Organisation, die für die River Gypsies (Fluss-Zigeuner) kämpft, bestickten die Blöcke von Hand. Sie beschreiben das tägliche Leben der Fluss-Zigeuner, die auf Inseln im Fluss Meghna leben und stark diskriminiert werden. Eine Darstellung zeigt eine schwimmende Schule, eine andere, wie die Fluss-Zigeuner von Räubern angegriffen werden. Regelmässig werden die Zigeuner auf ihren Inseln überfallen und es wird Sand gestohlen, was verboten ist. Shahed Kayes, der Gründer von Subornogram, wurde 2013 von Sand-Dieben angegriffen und fast getötet und war daher gezwungen, aus Bangladesh zu fliehen.

 

The River Gipsy Quilt, Detail

Gegründet wurde ‘The Advocacy Project’ von Iain Guest, der anlässlich der Eröffnung kenntnisreich auf Englisch durch die Ausstellung der Quilts führte, die in den schönen lichtdurchfluteten Räumen sehr gut zur Geltung kommen.

Advocacy Quilts – Ausstellungsansicht

 

The Rehema Widows Quilt (Kenia)
Die Blöcke für diesen Quilt wurden 2011 von der Rehema (‘Gnade’)-Gruppe verwitweter Masai-Frauen in Enoosaen im Trans-Mara-Distrikt angefertigt. Die Künstlerinnen benutzten die traditionelle Perlenstickerei der Masai, um zu beschreiben, wie sie als Mädchen die weibliche Beschneidung über sich ergehen lassen mussten. Die Beschneidung – auch bekannt als weibliche Genitalverstümmelung – ist in Kenia illegal, wird jedoch in einigen Masai-Gebieten immer noch praktiziert. Diese Praktik soll die Mädchen für die Heirat ‘bewahren’, birgt aber ernste medizinische Risiken und hindert in aller Regel die Opfer daran, zur Schule zu gehen oder einen Beruf auszuüben.
Das Stickerei-Projekt wurde durchgeführt in Partnerschaft mit dem Kakenya Center of Excellence, welches in Enoosaen ein Internat für Mädchen aus armen Familien betreibt, deren Eltern zugesagt haben, sie nicht beschneiden zu lassen. Die Gründerin der Schule, Kakenya Ntaiya, hat selber die Beschneidung überlebt und eine Ausbildung bis hin zum Doktortitel (PhD) erworben.

 

The Rehema Widows Quilt, Detail

Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet.

***

Info:

11. November – 9. Dezember 2018

Advocacy Quilts

Ev. Paul-Gerhardt-Gemeinde
Stephanienbad
Breite Strasse 49a
76135 Karlsruhe
Deutschland

www.ev-kirche-ka.de
www.advocacynet.org

Der Eintritt ist frei.

Mi, 14. November 2018, 19.30 Uhr
Vortrag ‘Mali: Zivilbevölkerung unter Beschuss’ von Catherine Devaux (Amnesty International)

Mi, 21. Novmeber 2018, 19.30 Uhr
Vortrag ‘Auf keinem Auge blind’ von Burkhard Gauly (Gesellschaft für bedrohte Völker)

Fr, 23. November 2018, 18.30 Uhr
Tauschbörse für junge Frauen (in Zusammenarbeit mit der Katholischen Hochschulgemeinde)

So, 9. Dezember 2018
10 Uhr: Abschlussgottesdienst mit Iain Guest
ab 18 Uhr: ‘Dein Wort für Menschenrechte’ – Die Lange LeseNacht im ZKM
Amnesty International lädt anlässlich des 70. Geburtstages der ‘Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte’ zusammen mit dem ZKM ein. Eintritt frei.

Weitere Vorträge mit Iain Guest und Führungen durch die Ausstellung können gebucht werden – Kontakt

 

Für die Überlassung der Übersetzung der erklärenden Texte in den Bildunterschriften (gekürzt verwendet) herzlichen Dank an Diemut Daub.

Alle Fotos © Gudrun Heinz mit freundlicher Erlaubnis des Veranstalters

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Kommentare zu diesem Artikel

4 Responses

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  • Helene Wolfgang

    Liebe Gudrun, Deine Berichterstattung ist immer sehr interessant. Ich hoffe, die eine oder andere Redaktion hat Dich auch auf dem Radar….
    Es ist sehr berührend und man schaudert auch ein wenig, denn es gibt noch viel Elend in der Welt und Unrecht, was Frauen angetan wird.
    Auch wenn das nicht die Quilts sind, die viele von uns machen, und hier noch wenige Kommentare stehen, aber diese Arbeiten erzählen eine Gechichte!
    Klar mag keiner sehen, wie Frauen vergewaltigt werden oder man will das gar nicht wissen, dass es in Afrika immer noch die Genitalverstümmelung gibt usw, aber macht die Augen nicht zu!
    Ich bedanke mich für den tollen Bericht.

    👍👍👍👍👍
    Gudrun Danke!!!!

    • Gudrun Heinz

      halli hallo helene,

      und ich bedanke mich sehr für dein freundliches feedback zu dieser wirklich besonderen ausstellung. wie du schreibst, darum geht es: macht die augen nicht zu!

      beste grüsse

      gudrun

  • Birgit Berndt

    Hallo Gudrun,

    danke, dass du diese Ausstellung hier im Blog vorstellst. Für Betroffene kann es nur hilfreich  sein, schlimme Erlebnisse und Erfahrungen in einem Quilt zu zeigen. Auch hier kann Kunst ein wenig trösten. Sehr berührend.

    Liebe Grüße

    Birgit

    • Gudrun Heinz

      halli hallo birgit,

      vielen dank für deinen kommentar, freut mich sehr. was du schreibst ist die eine seite der medaille. daneben wird das leid oder problem auch noch bekannt, denn vieles, worüber die quilts hier erzählen, war beispielsweise mir neu. wie soll sich aber etwas zum positiven ändern, wenn ausser den betroffenen keiner (oder nur wenige) was davon wissen? und quilts können starke botschafter sein, vgl. meinen artikel über das projekt ‘Thread Bearing Witness’ von alice kettle: https://blog.bernina.com/de/2018/10/ausstellungstipps-november-2018/

      beste grüsse

      gudrun

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