Kreative Artikel zum Thema Nähen

Nähen macht schlau

Mit der Berninale hat BERNINA Mitte September einen Ideenwettbewerb lanciert. Der Wettbewerb hat Anklang gefunden und sich zu einer Bühne für attraktive Näh-, Stick- und Quiltprojekte aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Belgien, Holland und der Schweiz entwickelt. Mehr als 400 Projekte wurden schon auf www.berninale.com hochgeladen. Von Bea Saxe-Scholl, geboren 1955 im Ruhrpott, stammt das Berninale-Projekt „Colourful-Life-Coat“, welches derzeit den ersten Platz belegt:

Der Projekttitel ist mit Bedacht gewählt, denn farbig ist auch das Leben von Bea Saxe und farbig ist die Sprache, in der sie dieses beschreibt:.

„Ich wurde mit 15 Jahren, nach einer schlechten Französisch- und noch schlechteren Latein-Klassenarbeit, mit dem Näh-Virus infiziert. Da man mir das Taschengeld strich und pubertierende Mädchen in diesem Alter oft auf nichts mehr Wert legen als auf modische Kleidung, kaufte ich mir kurzerhand von meinen letzten Groschen 1,5 m Cord und nähte meinen ersten bodenlangen Maxi-Rock – frei nach meinen Vorstellungen. Dieser Rock brachte mir die Anerkennung meiner Klassenkameradinnen, von denen sich nun ein paar von mir benähen liessen. Ich erhielt im Gegenzug kostenlose Nachhilfe, und so brachte mir meine Nähleidenschaft viele Freundinnen und gute Noten. Was will man mehr?“

In der Studenten-Zeit in Köln entwarf und nähte Bea Saxe Kinderkleidung für ihre eigenen und viele Nachbarskinder. In den 80iger-Jahren kehrte sie mit ihrer Familie ins Ruhrgebiet zurück und konnte ab dann ihre Leidenschaft zum Beruf machen. Sie unterrichtet textiles Gestalten und arbeitet als freie Designerin, wenn es ihre knappe Freizeit und ihre vier Kinder es zulassen. „Durch meine große Kinderschar kann ich mich und meine vielen Ideen rund ums Nähen sehr gut im Kinder- und Jugendbereich umsetzen.“

Bea Saxe arbeitet viele Stunden monatlich ehrenamtlich daran, nach der amerikanischen Methode der Sewing-Org. mit den Kinder Schnitte selbst zu konstruieren und umzusetzen:

„Anfang diesen Jahrtausends gab man in N.Y. eine Studie in Auftrag, die zum Ziel hatte, das Ansteigen des IQ bei Kindern, die ein Musikinstrument erlernen, mit dem IQ der Kids zu vergleichen, die im gleichen Zeitrahmen Maschinen-Nähen und Konstruktion erlernten (5- bis 12-Jährige in der Primary-School). Zum großen Erstaunen aller Beteiligten stieg der IQ der kreativen Näher im gleichen Maße wie derjenige der musizierenden Kinder.  Es konnte also nachgewiesen werden, dass Maschinen-Nähen in einem bestimmten Zeitfenster den IQ fördert.“

Seit Bea Saxe diese Studie gelesen hat, versucht sie in kleinem Rahmen Nähprojekte mit Kindern zu organisieren. Ab und zu wird ihr Engagement von Liliane Tricard und Beate Sünderhauf (Burda) mit Schnitten gefördert, zumeist finanziert sie dieses aber selbst. Als Alternativ-Programm neben Familie und Beruf steht Lesen, Malen und Musikmachen (Geige und Flöte) an.

Der „Colourful-Life-Coat“ hat eine eigene Geschichte:

„Zu meinem 50. Geburtstag bekam ich jede Menge Pfunde (1 Pfund Kaffee, 1 Pfund Butter, 1 Pfund Mehl etc. und eine große Summe Englischer Banknoten) geschenkt, weil ich mir einen Traum verwirklichen wollte: eine Woche London. Leider musste die Reisen aus vielen, teils traurigen Gründen immer wieder verschoben werden. Dieses Jahr wollte ich Ostern mit allen vier Kindern und meinem Mann fliegen. Ich verunglückte aber schwer und lag im Krankenhaus. Danach konnte ich nur noch eingeschränkt und unter großen Schmerzen laufen, verlor einige Designer-Jobs und auch ein bisschen Lebensmut. Nachdem es meine Familie und viele Kreative Freunde durch Besuche, e-mails und Päckchen geschafft hatten, dass Spaß und Kraft in mein Leben zurückkehrten, sind wir endlich in den Herbstferien zu meiner London-Geburtstagstour gestartet.

Meine Kinder und ich verbrachten ein paar schöne Tage rund um  Buckingham-Palace und Tower-Bridge. Die kleinen Söhne (12 und 13) parkten Mutter und Schwester im Mode-Laden nebenan, weil gleich nebenan Hamleys Spielzeugparadies war. Sie dürfen raten, wer mehr Spaß hatte …Dieser bunte Laden war für mich und Leonie ein Traum.

Wenn ich hätte zaubern können, hätte ich mir in diesem Augenblick eine Nähmaschine hergewünscht. Ich fühlte mich in die Zeit meiner Jugend zurückversetzt, in der ich diesen 1. Cord-Rock genäht hatte. Hippie-Kleidung im Woodstock-Style und all die bunten Dinge, die ich schon lange nicht mehr trug, entfachten in mir ein richtiges Feuerwerk. Es war, als würde in mir ein Knoten platzen und ich hatte 100’000 Ideen auf einmal. Die schlechte Stoff-Qualität dieser Hippie-Mode war mir ein bisschen aufgefallen. Deshalb setzte ich mich, zuhause angekommen, sofort hin, sah meine Vorräte durch und zeichnete einen Mantel nach meinen Vorstellungen. Ich habe nachgedacht über meine letzten Jahre und mir deshalb auch diese schönen Stickmuster ausgesucht. Dass der Laden in London, der mich so sehr inspiriert hat, eine Desigual-Filiale war, haben Leonie und ich erst erfahren, als sie den fertigen Mantel anprobierte und unsere Nachbarin zu Besuch war. Sie hat ein Foto-Studio und wollte sich so einen Mantel in Berlin kaufen. Nun hab ich einen für sie gezeichnet, und sie machte schöne Bilder von Leonies Mantel (der erste war leider zu groß.) und von meinem Mantel, den ich als Beitrag für die Berninale eingeschickt habe.

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Mittlerweile hab ich Blusen und Röcke für mich und Leonie im Hippie-Patch-Stil gemacht. Es ist immer noch der gleiche Virus wie vor fast 40 Jahren, und er ist hochansteckend. Zur Zeit gibt es ca. 40 Kinder und noch mehr Erwachsene mit schweren Nähsucht-Symptomen in unmittelbarer Nähe.“

Bea Saxe beim Shoppen bei Rosen & Chadick in N.Y.:

“Zwei Etagen voller Lieblingsstoffe und die nettesten Besitzer der Welt!”

Der Mantel von Bea Saxe ist also keine Desigual-Kopie, sondern nach einem eigenen Schnitt entstanden. Der Schnitt wurde mehrfach geteilt und die einzelnen Stücke zu einem bunten Einzelteil zusammengesetzt. Bestickt wurde es nicht mit einer BERNINA, sondern mit einer geliehenen stickfähigen Maschine eines anderen Fabrikates. Die Muster stammen wurden mit der Artista-Software bearbeitet. Der Saum des Mantels wurde mit Schrägband eingefasst (Prym-Schrägbandformer), das Schüler von Bea Saxe extra für diesen Zweck hergestellt haben.

Hier geht’s zum Berninale-Projekt von Bea Saxe.

Hier gehts zum Blog von Bea Saxe.

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6 Responses

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  • Tatjana Hobrlant

    Liebe Bea, oh ja, Du hast mich angesteckt. Ich habe gestern Abend alle meine Stoffreste gesichtet und mehrere Farbkombinationen zusammengestellt und werde es als erstes mit einem Rock versuchen. Ich fange mal klein an…
    Natürlich werde ich das Ergebnis dann hier zeigen.

    Ein Blusenschnitt ist Grundlage für den Mantel? Ich habe gestern alle Herbst/Winter-Burdas nach einem in Frage kommenden Mantelschnitt durchstöbert, aber nun werde ich es mit einem Blusenschnitt versuchen, denn fast alle Mantelschnitte haben Abnäher oder Princess-Nähte, was hier eher störend wirken würde.
    Ich danke Dir 🙂

    Liebe Grüße
    Tatjana

  • bea saxe

    Danke für den nette Kommentar liebe Tatjana:)
    Ich kann mir einige Deiner Stickmuster ganz toll auf einem Berninual-Mantel vorstellen:) Ich habe einen ganz einfachen Blusenschnitt gemacht und ihn dann verlängert. In der Taille ein bissl enger gemacht…und den ersten Mantel ziemlich verschieft…Es ist der dunkle und man kann ihn eigentlich nur Fasching anziehen;). Der 2. ist aber schöner geworden, und nun ist es eine Sucht……Blusen…Röcke…zerschnippelt, bestickt, zusammengesetzt:) Hab ich Dich angesteckt??

  • Tatjana Hobrlant

    Der Mantel ist ein TRAUM !!!
    Ich stehe oft verzückt in unserer Designual-Filiale und bestaune die Mäntel, aber dieser Beitrag macht mir Mut, es auch einmal mit einem eigenen Designerstück zu versuchen.

    Die Geschichte von Bea Saxe ist sehr rührend und liest sich trotz der traurigen Stellen wunderschön und ich werde mir heute Nachmittag mit einem leckeren Kaffee viel Zeit für Ihren Blog nehmen.

    Vielen Dank, lieber Matthias, für den tollen Beitrag.

    Liebe Grüße
    Tatjana Hobrlant

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