Kreative Artikel zum Thema Nähen

Aus dem Nähkästchen geplaudert – mit Maria Zimmermann von “Alles wird gut.”

Die nächste Nähpersönlichkeit, die wir im Rahmen unserer Interview-Reihe “Aus dem Nähkästchen geplaudert” vorstellen möchten, ist die Textilkünstlerin Maria Zimmermann. Über unser Social Media Monitoring sind wir auf sie und ihre grossflächigen Stickereien aufmerksam geworden. Wir waren neugierig, wer hinter den Fadenmalereien steckt und haben nachgefragt.

Interview mit Maria Zimmermann

Portraitbild Maria Zimmermann

Woher kommst du?
Ich bin Zürcherin.

Was machst du und wie bist du dazu gekommen?
Kurz gesagt: ich wiefle. Ich war schon immer am Textilen interessiert. Nach dem ich die Ausbildung zur Handarbeitslehrerin abgebrochen habe um an die Zürcher Hochschule der Künste zu gehen, habe ich 3 Jahre lang kaum eine Nähmaschine angefasst. Dann vor etwa 3 Jahren habe ich eine Jacke mit einer Katze drauf gesucht, aber keine gefunden, also habe ich sie selbst gemacht. Danach war ich angefixt. Mir war von Hand sticken aber zu langsam – also habe ich stundenlang Youtube-Videos geschaut und die Nadelmalerei/Freihand-Maschinen-Stickerei gelernt. Ich konnte plötzlich in Flächen und Farben arbeiten, was viele neue Möglichkeiten eröffnet hat. Anfangs habe ich nur Jacken bestickt, quasi als tragbare Kunstwerke. Mit der Zeit sind dann Aufnäher und sonstige Kleidungsstücke hinzugekommen. Grossflächige Bilder mache ich erst seit etwa einem Jahr. Eine Stickmaschine habe ich noch nie bedient.

Auf mariamuster.ch bietest du deine eigene limitierte Kollektion mit sehr trendigen, minimalistisch bestickten Basic-Teilen an. Wie entstehen diese Stickereien?
Auch diese kleinen Stickereien sind liebevoll und einzeln von Hand von mir gewiefelt.

Hand-Stickerei

Stickerei auf Mütze

Wie ist es zu dieser Kollektion gekommen? Wen willst du damit ansprechen?
Die Idee ist aus dem Stickautomaten entstanden (dazu später mehr). Da habe ich bemerkt, dass ich auch relativ schnell etwas schönes und persönliches machen kann. Sonst sind meine Arbeiten sehr zeitaufwändig – so konnte ich etwas machen, das sich alle leisten können.

Bestickte Tasche

Die Seite steht unter dem Titel «Alles wird gut.». Wir nehmen an, das ist dein Label? Ist es auch dein Lebensmotto – wie viel Ironie steckt drin?
“Alles wird gut.” ist eine Haltung für den Moment, wenn die persönliche Welt unterzugehen scheint. Es ist wichtig, nicht den Blick aufs Ganze zu verlieren – die Momente gehen immer vorbei und kurz oder längerfristig wird es besser. Im Blick auf die Welt habe ich da wenig Hoffnung. Schon das besetzte Wohlgroth-Areal in den 90er Jahren hat mit dieser Ironie gespielt.
Ich habe den Satz von Anfang an in alle Jacken genäht – als persönliche Rüstung sozusagen. Da war es irgendwie naheliegend, dass das Label so heisst.

Warum der Name Maria Muster?
Maria Muster war lange mein Internetpseudonym. Mittlerweile hat sich der Name aber eingebürgert.

Auf einer anderen Seite, unter www.maria-zimmermann.ch, findet man grossflächige Stickbilder, unter anderem die Portraits Anna, Maria und Tamara. Wir sind hin und weg! Wie sind diese Fadenmalereien entstanden?
Auch die Bilder sind gewiefelt. Tamara war das erste Bild das ich gemacht habe, es ist das Autoporträt von Tamara de Lempicka, «Tamara in the green Bugatti», da wollte ich mir einfach beweisen, dass ich das kann. Anna war dann die Antwort drauf und die Frage, ob ich auch nach einem Foto arbeiten kann. Sie sind Teil einer längeren Serie – auf Maria habe ich aber noch keine Antwort gefunden.
Die Bilder beginnen meistens mit einem Foto, dann kommt eine Linienzeichnung, schliesslich werden den Flächen und Linien Farben zugeteilt. Danach ist es eigentliche wie Malen nach Zahlen.

Wie viele Stunden, Tage und Nächte investierst du, bis so ein Bild fertig ist?
Mittlerweile bin ich schon schneller geworden. Das anatomische Herz auf einer Jacke hat noch an die 40 Stunden gedauert. «Anna» noch etwa 10 Stunden. Es kommt auch drauf an, wie viele Details und Farben ein Bild hat – da geht am meisten Zeit verloren. Die NASA-Tankstelle, die ich im Lockdown gestickt habe, hat dann wieder länger gedauert.

NASA-Tankstelle

Herz auf Jacke

Als Textilkünstlerin hast du sicher jede Menge Ideen, die alle realisiert werden wollen. Wie planst du deine Arbeit?
Mein Atelier-Alltag ist sehr abwechslungsreich. Gewisse Arbeiten müssen sehr detailliert geplant werden. Da bin ich ein grosser Fan von Listen und Post-its. Manchmal muss ich aber auch einfach drauflosarbeiten.

Kennst du auch kreative Krisen? Wo findest du neue Ideen?
Wenn ich eine Arbeit abgeschlossen habe, die mich voll und ganz eingenommen hat, habe ich immer eine kreative Krise – das gehört wohl einfach dazu. Im Lockdown habe ich bemerkt, dass ich meine Kreativität sehr aus Erlebtem und Gesehenem ziehe – das hat dann gefehlt. Oft kann ich durch meine Arbeit etwas persönliches verarbeiten. Sticken ist auch eine Art von Meditation für mich.

Bei BERNINA sind wir ja eher Landeier. Bei dir wirkt alles sehr urban. Wie sehr beeinflusst dich Zürich?
Ein Stadtkind bin ich ja schon aber ich glaube, Zürich als Stadt beeinflusst mich nicht so sehr, wie die Menschen darin.

Auf deiner Webseite haben wir etwas über Events mit dir unter dem Titel «Stickautomat» erfahren. Worum handelt es sich dabei und was machst du dort?
Das Konzept «Maria als Stickautomat» ist durch das Tätowieren inspiriert. Konkret sieht das so aus, dass ich mit meiner Nähmaschine irgendwo bin und 1-3 Motive anbiete, die ich dann direkt aufsticke. Die Menschen bringen entweder extra Kleider mit oder entscheiden sich spontan ein Kleidungsstück, welches sie tragen, besticken zu lassen. Der nächste Stickautomat findet am 19. September 2020 im Dynamo in Zürich statt.

Wir haben in deinen Werken das eine oder andere künstlerische Vorbild erkannt. Welche Künstlerinnen und Künstler interessieren dich und warum?
Die «Nighthawks» von Edward Hopper und «Tamara in the green Bugatti» von Tamara de Lempicka waren eine Hilfe auf der Suche nach einer eigenen Sprache. Sonst interessiert mich fast jede Form der Kunst, da gibt es weder eine konkrete Zeit, noch Richtung. Aktuell bin ich ein grosser Fan von Corinne Odermatt.

«Nighthawks» von Edward Hopper auf Jacke gestickt

An was arbeitest du aktuell?
Momentan bin ich meine Ausstellung «WASTING MY POTENTIAL» vom 17.-19. September 2020 im Dynamo im Zürich am vorbereiten. Es wird eine Sammlung von neuen Quotes.

Wird es schon bald eine weitere Kollektion «K3» geben?
Eine klassische weitere Kleider Kollektion ist für den Herbst angedacht. Sollte ich vorher inspiriert werden, so wie bei der Tasche der Kollektion 2 (K2), dann vielleicht schon früher. Über Instagram oder meinen Newsletter kann man auf dem Laufenden gehalten werden.

Hast du ein absolutes Lieblings-Näh- oder Stickprojekt?
Ein konkretes Lieblingsteil habe ich nicht. Es gibt ein paar Stücke, von denen ich mich nicht trennen kann, wie zum Beispiel die Lived-in-Bars-Jacke oder die mit dem Feuerzeug und meine erste Jacke, die mit der Katze, ist bis heute meine Lieblingsjacke.

Gibt es eine besonders schöne Näh-Situation, an die du dich erinnerst?
Ich liebe es, wenn ich in der Nacht allein im Atelier bin und alle Lichter gelöscht sind bis auf das Licht meiner Nähmaschine.

Hattest du Handarbeitsunterricht an der Schule? Wie war das?
Ich hatte sehr klassischen Handarbeitsunterricht und habe leider wenig gute oder inspirierende Erinnerungen daran. Mittlerweile unterrichte ich selbst Handarbeit und versuche, die Inspiration und Kreativität der Schüler/innen zu aktivieren statt ihnen vorzuschreiben, wie sie etwas machen sollen und wie es auszusehen hat.

War für dich immer klar, dass das textile Gestalten zu deinem Beruf wird?
Das textile Gestalten ist leider noch nicht mein Vollzeitberuf. Ich arbeite aber darauf hin. Es ist ein grosser Traum von mir, davon leben zu können.

Wie sehen deine Zukunftspläne aus? Wo soll deine kreative und berufliche Reise hingehen?
Meine Zukunftspläne sind mich mit der Stickerei selbständig machen zu können.

Aus eigenem Interesse: Wir glauben, du stickst mit BERNINA. Stimmt’s? Magst du deine Maschine?
Am liebsten sticke ich mit meiner BERNINA 802. Die habe ich von meiner Grossmutter geerbt. Mir gefällt, dass sie noch mechanisch ist und ich sie auseinander schrauben und oft selber reparieren kann. Ich habe sie sogar auf meinem Oberarm tätowiert. Für Näharbeiten habe ich eine BERNINA 217. Ich habe auch noch eine sehr alte BERNINA 117L, die benutze ich aber fast nie.
Leider produziert BERNINA keine Ersatzteile mehr für meine geliebte BERNINA 802 – die muss ich mir sonst wo zusammensuchen. Schade.

Welches Zubehörteil nutzt du am häufigsten?
Ich trage immer eine kleine Nagelschere um den Hals. Und der Fuse-n-Tear Stickvlies von Vliesline, ohne den geht wenig.

Fast hätten wir’s vergessen: Wer oder was steckt hinter “fridge.love”?
Neugierde, Freude und Ehrlichkeit. Ein Kühlschrank ist sehr intim und das Projekt hat Einblicke erlaubt, die sonst so nicht möglich wären. “fridge.love” hat mir viel Freude gemacht und wurde zur Krönung sogar im Gewerbemuseum Winterthur als Teil einer sehr spannenden Ausstellung gezeigt. Der Account läuft eher passiv weiter, wer weiss, vielleicht mache ich noch ein Buch daraus.

Fun facts 

Was trägst du beim Nähen?
Hmm Kleider? Und eine Schere um den Hals.

Maria Zimmermann

Lieblingsort in Zürich?
Mein Zuhause, das Lotti und vorallem mein Atelier.

Atelier von Maria Zimmermann

Dein Lieblings-Outfit jetzt gerade und dein Allzeit-Lieblingsteil?
Ich liebe Einteiler.

Wenn mir einmal nichts mehr einfällt, dann …
brauche ich einen Tapetenwechsel.

Wenn ich ein Bild zu BERNINA sticken würde, dann
Ich habe mal eine BERNINA gestickt – die waldgrüne BERNINA 117L.

Lieblings-Gadget (Nähmaschine zählt nicht)?
Eine kleine Schere.

Ordnung oder Chaos im Nähzimmer?
Am Anfang eines Projekts Ordnung – währenddessen Chaos.

Perfektionist beim Nähen oder «passt schon»?
Beim Sticken Perfektionistin – beim Nähen passt schon.

Soundtrack beim Nähen?
«The Book of Traps and Lessons» von Kate Tempest oder die Podcasts «Radiolab» und «The Heart».

Zürisee oder Bodensee?
Limmat.


Mehr erfahren über Maria von “Alles wird gut.”

Weitere Infos über Maria findet ihr auf ihren Online-Kanälen:

Website: www.maria-zimmermann.ch und www.mariamuster.ch

Instagram: www.instagram.com/muster_maria


Wir werden im Verlauf des Jahres weitere Interviews mit Näh-, Stick- und Quiltpersönlichkeiten hier publizieren. Fällt Euch eine Person ein, von der Ihr gerne mehr wissen würdet? Dann teilt uns deren Namen gerne in den Kommentaren mit.

Liebe Grüsse
Corinna

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