Kreative Artikel zum Thema Nähen

COWandMore und die Susanis aus Usbekistan

Die Einsendung der Bewerbungen ist abgeschlossen, und die Jurierung hat stattgefunden. Fünfzig tolle Werke wurden ausgewählt. Es sind hauptsächlich Arbeiten aus Deutschland, aber auch aus der Schweiz, aus Luxemburg und je ein Werk aus Belgien, den Niederlanden und Frankreich.

Wir sind ganz begeistert von der Ausstellung! Das Thema wurde lustig und ernst interpretiert und in den verschiedensten Techniken ausgearbeitet.

In den kommenden Wochen und Monaten werden die Arbeiten nach und nach hier vorgestellt, sodass Ihr alle die Arbeiten hier im Blog genießen könnt, wenn Ihr es nicht schafft, die Präsentationen zu besuchen.

Es sind so viele schöne Bilder. Womit soll ich beginnen?  …

Ingrid Eckert: Traum von einem besseren Leben

Mit der Kuh von der Stickerin Monera und dem Werk von Ingrid Eckert, Titel: Traum von einem besseren Leben.  Zur Technik schreibt Ingrid: „Seidenorganza, z.T. mit Lurex, Pastellkreiden, gefärbter Baumwollstoff für Rand und Rückseite. Maschinenapplikation“. Die Kuh steht wie auf einem Podest als zentrale Figur des Lebens, das Leben spielt sich drum herum ab, als wäre ohne diese Kuh kein Leben möglich. Diese sehr bunte Kuh ist eingebettet in einen farbig sehr reduzierten, gar neutralen Hintergrund für Landschaft und Menschen und gewinnt dadurch noch an Bedeutung.

Eva Wöhrl: Happy Cow

Mit zwei Kühen, genauer gesagt einer Kuh von Shuguffa und einem Stier von Shieba, im Werk von Eva Wöhrl, Titel: Happy Cow. Wenn Ihr sehr genau hinschaut, entdeckt Ihr noch zwei gestickte Quadrate von Simin oder Ihrer Schwester Zarlasht. Eva gab zu der Technik an: „Siebdruckstoffe der Firma Paapje, selbst gefärbte Baumwollstoffe, Stickgarn sowie zwei weitere Stickereien aus Afghanistan, handappliziert und bestickt“. Darüber hinaus lieferte sie folgenden Kommentar: „Die gestickten Kühe aus Afghanistan erinnerten mich sofort an naive Malerei. Und in diesem Stil habe ich meinen Quilt genäht. Glückliche Kühe in einem schönen Land. Frieden und Glück wünsche ich Afghanistan von Herzen.“ In der Tat eine friedliche Komposition. Man könnte meinen, dass Mensch und Tiere ein Gespräch führen, sich zumindest grüßen. Die besonders gut ausgewogene und gekonnte Hand- und Maschinenverarbeitung unterstützt die Behauptung, dass es in Afghanistan auch Funken der Glückseligkeit gibt. Verweilt noch einen Ausgenblick bei den gestickten Quadraten, nehmt wahr, wie gefühlvoll und gekonnt sie integriert wurden!

Brigitte Stötter: Kühe

Mit drei afghanischen Kühen, von Nasifa, Hasefa und Rokia gestickt. Sie werden begleitet von einer ganzen Kuhherde. (Spielchen: Wie viele zählt Ihr?). Brigitte gab an: „Wolle, Baumwolle, verschiedene Stickgarne, maschinengenäht, hand- und maschinengequiltet.“ Durch die warme Farbpalette des Hintergrunds, in der sanften Patchworktechnik Teppichschnitt gearbeitet, und die gut ausgewogene Aufteilung der vielen Kühe, die maschinell aufappliziert wurden, wirkt das Gesamtbild sehr reich, fast opulent. Die Bodenflächen wurden schlicht, aber sehr passend, mit der Shiku-Shiku-Handtechnik ausgearbeitet, das sind große Vorstiche, die den Eindruck von Furchen vermitteln. Im Vordergrund breitet sich die saftige Wiese aus, mit grünen und bunten dreifachen Handstickstichen bearbeitet.

Was haben alle diese Kühe gemeinsam?

Sie alle wurden mit dem sogenannten Klosterstich gestickt. Mit diesem Legestich, auch Füllstich genannt, wurden die Susanis im Mittel-Orient gearbeitet.

Antike Susanis

Susanis sind Tücher in verschiedenen Größen, von kleinen bis zu sehr großen Formaten, ganz oder nur teilweise handgestickt, sie kommen hauptsächlich aus Usbekistan. Der Begriff ist von suzan abgeleitet, der auf Persisch Nähnadel bedeutet. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts waren Suzanis sowohl bei den Frauen der nomadisierenden als auch bei denen der sesshaften Bevölkerungsgruppen beliebt.  Sie dienten ihnen nicht als Zudecken, sondern als dekorative Wandbehänge. Sie haben selten eine Stoffrückseite.

Bordüre einer Susani

Traditionell wurden diese Tücher gemeinsam von den Frauen eines Hauses als Mitgift für die Mädchen hergestellt, um dann später nur gelegentlich verwendet zu werden. Mehrere Frauen bestickten gleichzeitig mit Seidengarnen Baumwoll- oder Seidenstoffe. Der meist benutzte Stich ist der Klosterstich, in Usbekistan Basma genannt. Für die Konturen wird gelegentlich ein Kettenstich verwendet. Die kleinen Susanis wurden manchmal zum Brot-Einwickeln, aber auch als „Geschenkverpackung“ benutzt. Großformatige Tücher dekorierten oft prunkvolle Zelte.

Traditionelle Susani-Seidengarne auf Baumwollstoff

Detail

Auch die Frauen in den Dörfern von Laghmani sticken mit diesem Stich, der sich in Zentralasien ausgebreitet hat.  Schaut Euch neben den traditionellen usbekischen Susanis auch die zeitgenössischen afghanischen Susanis aus unserem Stickprogramm an. Sie wurden vor Kurzem bei ausgewählten Stickerinnen in Laghmani bestellt. Die Frauen haben industriell bedruckte Stoffe aus Europa bestickt.

Den Stickerinnen wurde ein industriell bedruckter Stoff aus Europa anvertraut. Die Farbpalette des Garnes wurde in Freiburg bestimmt, aber so reichlich gegeben, dass die Stickerinnen noch viel Spielraum in der Gestaltung hatten. Einige Ideen wurden ihnen im Gespräch vorgestellt und uns blieb die spannende Frage, was die Frauen letztendlich daraus machen würden. Die Ergebnisse sprechen für sich! Diese große Fläche (100x100cm) eines Vorhangs mit Wabenmuster aus den 60er Jahren wurde von Djila gestaltet.

Zeitgenössische Susani, von Djila gestickt

Djila aus dem Dorf Sufian pain bestickte zunächst einmal diese große Fläche. Ein Jahr später, als wir den Auftrag schon vergessen hatten, lieferte sie uns das zweite kleinere Stück (50x50cm). Hierauf hat sie Rosetten mit dem Spannstich gestickt.

Kleine Susani, von Djila gestickt

Detail

 

Da es leider keine geeigneten Baumwollstoffe auf den Bazaren in Kabul oder Tsharikar (Hauptstadt der Provinz Parwan, wo Laghmani liegt) gibt, die sich zum Besticken eignen, bekommen die Frauen Bettwäsche, die in Europa ausgedient hat. Das Gewicht der Sendungen stellt ein Problem dar. Deshalb wird darauf geachtet, dass kein unnötiger Ballast von Europa nach Afghanistan und zurück verschickt wird. Aus diesem Grund werden alle Stoffkanten und Knopfleisten entfernt. Meine Freundinnen aus Freiburg und Umgebung färbten für mich solche Streifen und ich produzierte daraus diesen Bodenteppich, der einen Bezug zu Djilas Werk hat. Die Streifen applizierte ich maschinell auf einen gefärbten BW-Molton und nähte unzählige bunte Knöpfe auf die Knopfleisten.

Beide Arbeiten, Djilas Garten und meine grüne Wiese lassen sich wunderbar zusammen präsentieren, Djilas Garten frei hängend, damit das Publikum die Rückseite auch bewundern kann:

Die Suzani in Rosa wurden von Maleha aus dem Dorf Qala-e-kona bestickt, sie passte ihre Stickerei dem Stoffmuster an. Beachtet bitte sowohl die Feinheit, als auch die Regelmäßigkeit der Stickarbeit des Wandbehangs. Eine ausgezeichnete Arbeit, bei der auch die Rückseite beeindruckend ist!

Zeitgenösische Susani, von Malela gestickt

Detail der Rückseite

Ein schwarzweißes Stoffstück haben wir geteilt, je eine Hälfte bekamen Shafiqa und Shila, Nachbarinnen aus dem Dorf Qala-e-kona. Wir wählten eine große Menge Stickgarne aus, die sie sich teilen sollten. Ihre Aufgabe war es, die weiße Fläche auszufüllen. Bei der Betrachtung der Ergebnisse erkennt man sofort, dass jede ihr eigenes Konzept hatte. Darüber hinaus beherrschte Shafiqa das Sticken besser, denn die neue Fläche ist glatt. Die Fläche von Shila dagegen ist, trotz fleißigen Bügelns, um die Mitte der blumenartigen Muster herum, wellig. So oder so, diese großen Flächen erscheinen sehr modern!

Zeitgenössische Susani, von Shila und Shafiqa gestickt. Aufnahme aus der Ausstellung in Sulzburg im Bergbau-Museum

Ausstellungen

Im Rahmen der großen Textilmesse Aiguille en fête in Paris, vom 7. bis zum 10. März, sind wir eingeladen, diese sowie ein paar weitere Susanis zu präsentieren. Mehr erfahrt Ihr beim Veranstalter: https://www.aiguille-en-fete.com/

Die Ausstellung COWandMORE wird erstmals auf der Fachmesse h+h in Köln präsentiert, und zwar vom 29. bis zum 31. März. Wir wurden von der Firma MADEIRA GARNE eingeladen. Mehr erfahrt Ihr beim Veranstalter: http://www.hh-cologne.de/

Die zweite Präsentation von COWandMORE wird vom 31. Mai bis zum 2. Juni im Rahmen der Patchworktage in Dinkelsbühl stattfinden. Eingeladen wurden wir von der Patchwork Gilde Deutschland. Mehr erfahrt Ihr beim Veranstalter: https://www.messeninfo.de/Patchworktage-M6974/Dinkelsbuehl.html

Bis bald einmal, vielleicht auf einer Messe oder wieder hier auf dem Blog, wo noch vieles mehr zur COWandMORE-Wanderschaft erzählt wird.

Bis dahin grüßt Euch

Pascale Goldenberg

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Kommentare zu diesem Artikel

3 Responses

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  • Birgit Berndt

    Hallo Pascale,

    schön, dass hier die angenommenen Arbeiten vom Wettbewerb COWandMORE vorgestellt werden. Schon jetzt beeindruckend. Aber sehr interessant finde ich auch die Susanis. Diese großflächigen Stickereien sind echte Eyecatcher, faszinieren sofort.

    Viele Grüße

    Birgit

  • Luitgard Möschl

    Liebe Pascale, ja, ein DANKE für Deinen Bericht! Und nicht zu vergessen für die viele Arbeit etc., die Du für die afghanischen Stickerinnen und DEIN Projekt leistest!

     

    Liebe Grüße   Luitgard

  • monika

    DANKE, liebe Pascale, für diesen tollen Bericht! Ich bin begeistert von den bunten Kühen, aber noch viel mehr von den alten und neuen Susanis! Was für eine geniale Idee solche Stoffe an die Stickerinnen zur Bearbeitung zu geben!! Wunderbare Ergebnisse habt Ihr bekommen.  Weiterhin viel Freude an diesem außergewöhnlichen Projekt. Lieben Gruß    monika

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