Kreative Artikel zum Thema Quilten

Tulpen aus Afghanistan, Teil 3

Manchmal ist eine einzige Blume mehr als eine ganze Wiese voll. (Autor unbekannt)

Mit dieser Wahrheit beginne ich meinen dritten und letzten Beitrag zu den Tulpen in Afghanistan. Es geht diesmal aber nicht nur um die gemeinsame Betrachtung dieser weit verbreiteten Blume, sondern auch um den Austausch zwischen Europa und Afghanistan.

Traditionell haben die Afghaninnen lange schon Tulpen dargestellt.  Hier zeige ich Euch drei antike Tücher mit Bordüren. Sie zierten die Kleiderärmel von Kuchis-Frauen (Nomaden). Diese Exemplare konnte ich glücklicherweise vor ca. fünfzehn Jahren in einem Antiquariat in der Altstadt von Kabul erwerben.

Es gab und gibt auch heute noch Aufkäufer,  die im Land unterwegs sind und die Nomaden und andere Volksgruppen besuchen, um getragene Kleidungsstücke mit Stickereien zu finden und billig zu erwerben.  Um keinen unnötigen Ballast zu transportieren, reißen sie sie einfach vom Kleid ab. In Kabul verkaufen sie diese Schätze dann an Mittelsmänner oder direkt an die Händler. Die Stickerin selbst erhält nur einen minimalen Betrag für ihre Arbeit.

Elsbeth Nusser-Lampe, Textilkünstlerin aus Deutschland,  hat auch an der Ausstellung A Tulip is a Tulip is a Tulip teilgenommen (siehe vorherigen Beitrag).  Wie Ihr seht, hat sie allerdings bei ihrer Arbeit nicht die vorgegebene Größe eingehalten und zwar aus folgendem Grund: Bei meinem Besuch der Stickerinnen in Kabul zeigte mir eine der Frauen ihr Tuch. Sie hatte schon zwanzig Umrandungen für Quadrate im Satinstich gestickt. Ich merkte sofort, dass sie nicht das an sie ausgegebene Tuch aus 100%iger Baumwolle genommen hatte, sondern einen 100%igen Polyesterstoff. Da wir in Europa grundsätzlich keine synthetische Ware anbieten, habe ich die Arbeit sofort gestoppt. In Afghanistan gibt es kaum noch Stoffe aus Baumwolle, deshalb „entführen“ die Stickerinnen ab und zu diese begehrten Tücher und ersetzen sie durch Polyesterstoffe.  Dieses unverkäufliche Tuch rettete Elsbeth! Sie füllte all diese leeren Quadrate auf ihre unnachahmliche Arbeitsweise mit Tulpen.

Elsbeths Tulpen-Quilt

Elsbeth produzierte für die Ausstellung auch noch ein Textilbuch. Es enthält Stickereien mit Tulpenmotiven und dazu passenden Sprüchen, Malereien und Tulpenstempeln. Die Seiten wurden gebunden und bekamen ein einzigartiges Cover. So werden die Schätze gehütet.

Im Rahmen des Stickprogramms Guldusi haben wir vor wenigen Jahren ein Experiment begonnen: Mit der Zustimmung von Elsbeth Nusser-Lampe, die auch im Stickprogramm Guldusi stark involviert ist, gingen wir auf einige Stickerinnen mit einer neuen Aufgabe zu. Elsbeth stellte Fotos, Gesamtbilder oder Detailabbildungen ihrer Quilts zur Verfügung. Die Stickerinnen wurden gebeten, diese Arbeiten auf ihre Art zu interpretieren.

“Magnolia Branch”, Detail, Elsbeth Nusser-Lampe

Hier die Interpretation von Shila, einer Stickerin, die seit Beginn des Stickprogramms dabei ist.

Shila nach Elsbeths Foto

Ich möchte unbedingt die beiden Arbeiten nebeneinander präsentieren. Ist Shilas Interpretation vielleicht der Versuch, Elsbeth einen Gruß aus einer ganz anderen Kultur zu schicken?

Elsbeths Liebe zu den Blumen ist in ihren Arbeiten allgegenwärtig. Gibt es noch Arten, denen sie keine Aufmerksamkeit geschenkt hat?

“Flora” von Elsbeth Nusser-Lampe

Hamida konnten wir für viele Blumenstickereien gewinnen. Sie hat im Rahmen dieses Duo-Projektes viele Interpretationen geschaffen. Sie sagte mir, dass sie täglich sticken könne, vormittags arbeite sie im Haushalt, der Rest des Tages sei für ihre Stickarbeiten reserviert. Und da könne sie noch viel mehr schaffen.

Handstickerei von Hamida


Die Pusteblumenserie gehört zu den ersten Quilts, die Elsbeth geschaffen hat. Vielleicht berühren Euch diese Werke so sehr wie mich. Man vergisst sie nicht, wenn man sie einmal gesehen hat. Die akribisch genaue Ausführung der Arbeiten und ihre Gestaltung erzeugt genau diese Leichtigkeit der Köpfe, die mich als Kind so begeistert haben. In der Erinnerung renne ich wieder über die Wiesen, auf der Jagd nach den davonfliegenden Samen.

“Dandelion” von Elsbeth

Interpretation von Shila

Shila hat vier Töchter, die die Hausarbeit machen, sodass sie selbst viel Zeit zum Sticken hat. Die Familie besitzt eine Kuh. Das Melken der Kuh übernimmt Shila allerdings selbst und macht Joghurt aus der Milch.

Elsbeths Quilt Ranunculus and Myosotis, hier als Ganzbild und im Detail dargestellt, war sicherlich eine große Herausforderung für die Stickerin Hamida. So viele kleine Details in weiß gestickt auf weißem Grund.

Ranunculus and Myosotis von Elsbeth-Nusser-Lampe

Und hier seht Ihr Hamidas Arbeit. Sie hat für ihre Gegenüberstellung Garnfarben gemischt. Die Stickerinnen verwenden Mouliné-Garne von MADEIRA, die uns von der Firma gesponsert werden. (DANKE dafür an dieser Stelle) Es besteht aus sechs Fäden und sie teilen es in je drei. Hamida hat es jedoch ganz aufgeteilt und dann verschiedene Farben gemischt. Es ist kaum zu berechnen, welche Farbe die Mischung ergibt und wie die Fläche dann wirkt.

Hamidas Interpretation

Der Quilt Sea Hollies besticht durch seine freche Farbigkeit und Leichtigkeit. Der Effekt wird durch die lose hängenden gelben Blumen erzeugt. Der kleinste Luftzug bringt sie zum Erzittern.

“Sea Hollies” von Elsbeth Nusser-Lampe

Antworten von Shila und Hamida. Hamida hat die senkrechten Linien des Quilts beim Verteilen ihrer Blumen kaum beachtet. Das hat mich überrascht, denn die Afghaninnen lieben Symmetrie.

Stickerei von Shila

Stickerei von Hamida

Die Tulpe fehlt bei Elsbeths Reise durch die Blumenvielfalt natürlich nicht. Sie hat sie in allen Wachstumsphasen dargestellt. Es ist deutlich zu spüren, dass die Schlichtheit dieser Blüten sie besonders inspiriert.

Tulipfries von Elsbeth Nusser-Lampe

Hamida hatte offensichtlich auch große Freude daran, auf Elsbeths Fotos zu antworten.

Stickerei von Hamida

Einer kleinen Gruppe von drei Verwandten: Khowaida, Aslia und Nadjiba habe ich auch Fotos anvertraut. Jede der drei Frauen bekam ihr eigenes Tuch, um darauf zu sticken. Hier seht Ihr das Tuch von Khowaida. Leider sind es wohl ihre letzten Stickereien, denn sie erlitt 2019 einen Schlaganfall.

Tuch von Khowaida

Diese drei Frauen aus einer Familie haben ihren ganz eigenen Stil. Keine andere der immerhin zweihundert Frauen stickt auf diese Art. Ich bin sehr fasziniert von der Lebendigkeit ihrer Bilder.

Stickereien von Aslia (links und rechts oben), Nadjiba (rechts unten) und Khowaida (alle übrigen)

Stickerei von Aslia

Stickerei von Aslia

Stickerei von Khowaida

Stickerei von Khowaida

Stickerei von Nadjiba

Im Jahr 2019 haben wir im Rahmen des Europäischen Patchwork Treffens in der Kirche von Sainte-Croix-aux-Mines nach drei Jahren der Zusammenarbeit die Ergebnisse gezeigt. Wir haben die Arbeiten von Elsbeth Nusser-Lampe und die Interpretationen der Stickerinnen gegenübergestellt. Der Ausstellung gaben wir den Titel: The dialogue of the flowers.

Es waren sehr erfolgreiche Tage! DANK all den Freundinnen, die mitgeholfen haben! Es freut mich sehr, hier den Kern der Crew vorstellen zu können: Von links nach rechts: Elsbeth Nusser-Lampe, Cordula Ruf, Martine Molet-Bastien, Pascale Goldenberg und Sylvia Tischer.

BLÜTENTRÄUME

Auf Antrag der Tulpen und Astern / beschlossen die Blumen / in Hinblick auf die Weltlage / nicht mehr zu duften

“Erschüttert von dieser Mahnung / werden die Menschen / Maßnahmen treffen / die Kriegsgefahr zu verringern”

Doch die haben keine Nase / für Warnungen durch die Blume / Sie nennen sie unreife Pflanzen / und können sie nicht mehr riechen

Sie treiben es weiter / unverblümter denn je / Nur die Kunstblumenindustrie / blüht wie nie zuvor

Erich Fried

Hier erfahrt Ihr mehr zu Elsbeth Nusser-Lampes künstlerischer Arbeit: https://www.elsbethnusser-lampe.de/

Hier sind noch Stickereien aus diesem Blumen-Duo-Projekt zu finden und zu erwerben: https://www.guldusi.com/shop/blumen.html

Liebe Grüsse

Pascale

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Kommentare zu diesem Artikel

6 Antworten

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  • Renate Jentzsch

    bin total begeistet. Man sieht die enge Beziehung zur Natur bei jeder Stickerin in jeder einzelnen Blüte.

  • ERIKA BORNEMANN

    Liebe Frau Goldenberg,

    herzlichen Dank für den wunderbaren Artikel der  mit dem schönen Gedicht von Erich Fried abschließt und uns mit der Arbeit der Frauen in Afghanistan bekannt macht.

    Da haben viele fleißige Hände schöne , farbenfrohe Stickereien geschaffen die nicht zuletzt Dank Ihnen zu diesen tollen Ergebnissen führen.

    Herzlichen Dank dafür und weiterhin viel Erfolg.

    Liebe Grüße

    Erika Bornemann

     

  • Gabriele Wall

    Ein wunderbarer Artikel. Ich habe ihn jetzt in Urlaub auf Kreta gelesen…wenn ich zurück bin, werde ich etwas bestellen. Gabriele

  • monika

    Liebe Pascale, es ist wieder einmal eine spannende Reise mit wunderschönen Bildern!                        DANKE für all Deine Arbeit und DANKE, dass Du uns immer “mitnimmst”.                                             Lieben Gruß monika

  • Gudrun Heinz

    halli hallo pascale,

    ein toller beitrag, 1000 dank! ich denke sehr gern an die letztjährige phänomenale ausstellung beim europäischen patchwork meeting im elsass zurück. was hier viele hände im zusammenwirken in vielerlei hinsicht geschaffen haben, ist ganz prima. wir könen nur hoffen und wünschen, dass sich das afghanistan-projekt auch in zukunft in ähnlicher weise fortführen lässt.

    beste grüsse

    gudrun

  • Luitgard Möschle

    Liebe Pascale,

    danke für den wunderbaren Bericht! Welch eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den Frauen! Und so farbenfroh!

    Die Ausstellung in Ste.Croix-aux-Mines war ein Augenschmus!

    Und frau soll niemals nie sagen! Vielleicht gibt’s auch eine Fortsetzung mit den Tulpen ? Wer weiß!

     

    Liebe Grüße   Luitgard

     

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